Drake machte erneut eine Pause.
Barbara verdrehte die Augen und nippte an ihrem Champagner. Gilda stupste wieder mit der Spitze ihres schwarzen Stiefels gegen Drakes Bein.
„Sechs Monate nachdem der Arzt aus Montevideo hier eingezogen war und sein schändliches Treiben begonnen hatte, starb Cäcilie. Obwohl sie unglaublich geschwächt war, hatte sie trotzdem eines Nachts versucht, zu fliehen. Angeblich war sie aus dem Bett gestiegen, die Treppen hinuntergewankt und in der Nacht verschwunden. Allerdings hat man sie nie gefunden. Der Vater schickte Suchtrupps mit Hunden los, um die Umgebung zu durchkämmen, und heuerte Boote und Schiffe an, um den Rhein mit Schleppnetzen absuchen zu lassen. Doch vergeblich. Das kleine Mädchen mit den blonden Zöpfen war wie vom Erdboden verschluckt. Genauso wie die Spieldose. Der einzige Gegenstand, der ihr in der ganzen Zeit des Martyriums Trost gespendet hatte.“
„Gruselig.“ Laura sprang auf, lief zu dem großen Tisch und schenkte sich Champagner nach.
„Es geht noch weiter: Nach einigen Tagen verzweifelte Cäcilies Vater. Eines Nachts drehte er völlig durch und erwürgte den verrückten Arzt mit bloßen Händen auf dessen Operationstisch. Dann nahm er ein rasiermesserscharfes Skalpell und zerfleischte seine Leiche. Es muss ein furchtbares Blutbad gewesen sein. Außerdem schnitt er seinem Opfer den kleinen Finger der rechten Hand ab. Vielleicht als Zeichen der Sühne? Oder als Tribut? Für Cäcilies verlorenen Arm? Und all ihre erduldeten Qualen? Wer weiß. Anschließend zündete er im ganzen Haus Kerzen an, legte sich in die Badewanne, öffnete sich die Pulsadern und wartete auf den Tod. Als er bereits völlig geschwächt war, schleppte er sich noch in sein Schlafzimmer, legte sich auf das Bett, schnitt sich auch den kleinen Finger der rechten Hand ab und starb. Jedenfalls vermutet man, dass es so abgelaufen ist, denn die beiden wurden erst Wochen später gefunden und waren schon so stark verwest, dass eine Herleitung der genauen Umstände nicht mehr möglich war.“
Drake trank einen Schluck Champagner und hob den Zeigefinger zum Zeichen, dass er mit der Erzählung noch nicht fertig war.
„Aber vielleicht war ja alles ganz anders? Vielleicht ist Cäcilie gar nicht geflohen, sondern hat sich im Haus versteckt? Vielleicht auf dem Dachboden? Oder in einer verborgenen Kammer unten im Keller? Vielleicht hat sie auf ihre Chance gelauert, um sich zu rächen für all das Leid, das man ihr angetan hatte. Und eines Nachts, als der verrückte Arzt aus Montevideo sich für einen Augenblick auf seiner Operationsliege ausgestreckt hatte, um eine Pause von seinen schändlichen Experimenten zu machen, kroch sie aus ihrem Versteck. Leise wie ein Schatten. Griff mit den zarten, kleinen Fingern ihrer verbliebenen Hand nach dem glänzenden, scharfen Skalpell ... und zerfleischte den arglosen Arzt. Kam wie eine Furie über ihn und richtete ein unsagbares Blutbad an. Nahm Rache an ihrem Peiniger genau an dem Ort, wo sie ihr Martyrium durchleiden musste.“
Drake nahm wieder einen Schluck und sah einmal in die Runde.
„Anschließend tötete Cäcilie ihren Vater. Weil er es gewesen war, der sie diesem sadistischen Monster ausgeliefert hatte. Und vielleicht lauert sie ja immer noch hier? Irgendwo in den Tiefen der alten Villa. Und wartet darauf, auch uns zu erwischen. Einen nach dem anderen. Und uns abzumetzeln mit dem blutigen Skalpell ihres Peinigers, dem verrückten Arzt aus Montevideo. Also macht nicht den Fehler wie in den Horrorfilmen und entfernt euch von der Truppe. Bleibt schön zusammen. Nur so sind wir sicher vor ihr.“
Drake drohte scherzhaft mit dem Zeigefinger, dann wurde er wieder ernst.
„Das Haus stand danach zehn Jahre leer, bis daraus eine Nervenheilanstalt von zweifelhaftem Ruf gemacht wurde. Aber auch die wurde vor fünfundzwanzig Jahren geschlossen und seitdem ist das Gebäude ungenutzt. Außer heute Abend.“ Er hob sein Glas und deutete eine leichte Verbeugung an.
Die anderen applaudierten.
„Toll erzählt“, lachte Barbara. „Wirklich gruselig. Aber die Geschichte stimmt natürlich nicht. Ich bin mir sicher, ich hätte sonst davon schon einmal gehört.“
Drake grinste. „Wer weiß. Natürlich habe ich die Story ein bisschen ausgeschmückt. Aber ein kleines Mädchen namens Cäcilie hat wohl wirklich hier mal gelebt. Ich habe es irgendwo gelesen. Aber vielleicht war sie auch nur eine Patientin.“
„Jedenfalls sah sie bestimmt nicht wie ein Monster aus und wurde auch nicht von dem verrückten Arzt gequält. Das hast du dir ausgedacht.“ Gilda sprach noch lauter als gewöhnlich. Anscheinend war ihr die Geschichte nahe gegangen und sie wollte sich nun selbst beruhigen.
„Ist der Mann auf diesem Bild der Arzt aus Montevideo?“ Laura war wieder aufgestanden, um das Porträt aus der Nähe zu betrachten.
Marek schüttelte den Kopf. „Nein, das ist der erste Direktor der Nervenheilanstalt. Genauso wie der gute, alte Drake habe ich mich auch über das Gebäude schlaugemacht. Was haltet ihr davon, wenn wir jetzt den Rundgang machen und ich euch erzähle, was ich herausgefunden habe?“
Laura sprang auf. „Gute Idee! Los Leute, schauen wir uns das Spukhaus mal genauer an.“
„Und vielleicht finden wir die kleine Cäcilie“, witzelte Barbara und senkte die Stimme dann zu einem geheimnisvollen Flüstern: „Ich glaube zwar nicht, dass sie hier herumspukt und auf uns lauert, aber es kann ja sein, dass sie sich damals aus Versehen in einem Wandschrank eingeschlossen hat, aus dem sie nicht mehr herauskam, und nie gefunden wurde. Vielleicht steckt sie noch irgendwo hier, mumifiziert oder skelettiert, und wir können dafür sorgen, dass sie ein christliches Begräbnis erhält. Ich werde jedenfalls alle geheimen Schränke untersuchen.“
Gilda lachte nervös auf. „Hör auf mit dem Quatsch, Barbara. Ich möchte erst mal nichts mehr von Cäcilie hören. Mir ist so schon spannend genug.“
Laura sah sie überrascht an. „Wirklich? Das hätte ich nicht gedacht. Du hast es schon mit den erbarmungslosesten Verbrechern aufgenommen und jetzt macht dir Drakes kleine Gruselgeschichte Angst?“
„Die Kriminellen kann man bekämpfen. Sie sind real. Doch vor den Toten müssen wir Respekt haben, sonst bringt es Unglück.“
„Aber Drake hat die Geschichte nur erfunden.“
„Ja. Vielleicht. Trotzdem.“ Gilda ließ sich nicht überzeugen.
Laura entschied sich, es vorerst darauf beruhen zu lassen. Gilda hatte sich bei der Lösung der Fälle der Detektei immer als mutig und unerschrocken erwiesen. Nicht selten sogar mehr, als es Laura lieb gewesen war. Dass sie sich jetzt, wo es um die Toten ging, so dünnhäutig zeigte, war überraschend. Vielleicht lag es an ihren süditalienischen Wurzeln. Laura wusste, dass Gildas Mutter sehr fromm war, vielleicht steckte in ihrem Glauben aber auch ein Hauch paranormaler Esoterik, der auf die Assistentin abgefärbt hatte und sie jetzt nervös machte.
Sie beschloss, Gilda im Auge zu behalten.
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