„Auf keinen Fall“, japste Gilda. „Ich will die Tasche mit den ganzen Fressalien loswerden, sonst bricht gleich meine Schulter ab. Meine Eltern haben es wirklich gut mit uns gemeint und Berge von Essen eingepackt. Ich hoffe, ihr habt Hunger, denn ich werde das Zeug auf keinen Fall wieder mit zurückschleppen.“
„Gute Idee“, stimmte Drake zu. „Justin, guck mal, wohin die Tür da vorne führt. Wenn wir Glück haben, ist es ein Wohnzimmer oder Aufenthaltsraum, wo wir unsere Party feiern können.“
Justin näherte sich der hölzernen Kassettentür, drückte mit dem Ellenbogen seines Werwolfkostüms die Klinke herunter und leuchtete in den Raum. „Strike. Sogar ein Kamin. Ganz schön smart von dir, Drake.“
„Na ja“, murmelte der bescheiden und grinste.
Sie schleppten die Kisten und Taschen in das Zimmer und sahen sich um.
„Das ist ja ein Saal!“ Barbara stellte die Umhängetasche auf einen langen Esstisch und nahm die Champagnerflaschen heraus. „Gilda, stell die großen Kerzen in den Kamin und die Kürbislaternen auf die Tischchen daneben. Und zünde die Duftkerze an. Hier riecht es ganz schön muffig.“
„Zu Befehl, Boss!“ Die Assistentin stakste mit langen, dünnen Beinen und schwingendem Cape durch den Raum, entzündete die Kerzen und Teile des Wohnzimmers wurden im flackernden Schein sichtbar: ein mannshohes Porträt eines streng dreinblickenden Arztes im weißen Kittel und mit geschwungenem Schnurrbart, zerschlissene Sessel und ramponierte Möbel, schwere Samtvorhänge vor den breiten Fenstern.
„Perfekt“, lobte Drake. „Jemand ein Bier?“
„Wir sollten mit dem Schampus starten“, wandte Barbara ein. „Er ist noch schön kalt, wäre schade um das gute Zeug, wenn es warm würde.“ Mit sattem Ploppen entkorkte sie die erste Flasche und schenkte die Gläser voll. „Bedient euch!“ Dann hielt sie inne. „Was war das? Habt ihr das auch gehört?“
„Sehr witzig.“ Laura nahm sich ein Glas und nippte daran.
„Nein, ernsthaft. Ich glaube, jemand ist im oberen Stockwerk.“
„Unwahrscheinlich“, beruhigte Marek. „Höchstens irgendein Tier, das durch das kaputte Fenster reingekommen ist. Aber wir können nachher mal nachsehen.“
„Machen wir Musik? Ich habe die Box mitgebracht. Wir können die Halloweenplaylist von meinem Handy hören.“ Justin platzierte den Lautsprecher auf dem Kaminsims und schon drang leise die Titelmusik einer bekannten Mystery-Serie durch den Raum.
„Lasst uns ein paar Sessel hierher stellen. Dann erzählen wir uns unheimliche Geschichten und später, wenn wir richtig in Gruselstimmung sind, erkunden wir das Gebäude.“ Drake zog einen Lehnsessel näher und kurz darauf saß das Team mit Getränken versorgt rund um den Kamin versammelt.
Laura hob das Glas: „Noch mal herzlich willkommen zur wahrscheinlich schrägsten Halloweenparty in der Stadt. Nur Marek kommt auf so eine hirnrissige Idee, die Nacht der Toten und des Horrors ausgerechnet in einer verlassenen Irrenanstalt zu feiern. Wo die Seelen der gequälten Patienten in der Zwischenwelt gefangen sind und nur darauf warten, uns um Mitternacht heimzusuchen. Stoßt mit mir an, auf dass wir heil wieder hier rauskommen!“
„Auf dass wir heil wieder hier rauskommen“, antworteten die anderen im Chor und ließen die Gläser klirren.
„Noch ein paar Hinweise vorweg, bevor ihr zu sehr in Partylaune geratet“, schaltete sich Marek ein. „Wir müssen ein paar Regeln beachten. Zuerst ist da der Ehrenkodex der Urbexer, denn dies ist ein verlassener Ort, ein sogenannter lost place.“
„Was sind Urbexer?“, fragte Justin.
„Das Wort ist eine Abkürzung für Urban Explorers. Das sind Leute, die verlassene Orte erkunden. Ähnlich wie Pilzsammler verraten sie aber die Standorte nicht. Zudem machen sie nichts kaputt, nehmen nichts von dort mit und lassen auch nichts dort zurück. Vor allem keinen Müll. Das müssen wir auch so machen.“
Die anderen nickten zustimmend.
„Außerdem sollten wir nicht zu laut sein und möglichst sehen, dass kein Licht nach außen dringt. Die Villa liegt zwar sehr abgeschieden, aber gerade an Halloween kontrolliert die Polizei gerne die eher verlassenen und gruseligen Orte. Und wir wollen ja nicht, dass unsere Detektei wegen unbefugten Betretens oder gar Einbruchs verurteilt wird.“
„Ich dachte, das wäre das Ehrenabzeichen unter den Detektiven“, witzelte Barbara.
Marek grinste. „Das ist das Abzeichen für die Noobs. Oder besser gesagt: das Kennzeichen für die Anfänger und Nichtskönner. Ein guter Detektiv lässt sich nicht erwischen. Ok, Leute, das war es. Feuer frei für die Party.“
Drake räusperte sich. „Was haltet ihr davon, wenn wir jetzt ‚Wahr-oder-falsch‘ spielen? Ich erzähle euch eine unheimliche Geschichte und ihr müsst raten, ob sie wirklich passiert ist. Es ist die Geschichte dieser Villa, ok? Also: Vor fast hundert Jahren hat ein Industrieller das Grundstück am Rheinufer gekauft und darauf dieses Haus für seine Tochter bauen lassen. Das Mädchen hieß Cäcilie, hatte früh ihre Mutter verloren und war der Augapfel ihres Vaters. Die Kleine liebte den Rhein, deshalb war dieser Ort perfekt und ihr Vater unternahm gerne Ausflüge mit dem Schiff mit ihr. Doch eines Tages traf sie das Verhängnis. Sie wurde übermütig, kletterte auf die Reling, um einem anderen Boot zuzuwinken, und fiel über Bord. Natürlich wurde ihr sofort ein Rettungsring zugeworfen, den sie sich auch umlegen konnte, doch es war zu spät: Sie war der Schiffsschraube schon zu nahe gekommen. Als man sie an Deck zog, waren ihr Gesicht und ihr Körper überall zerschnitten und der rechte Arm abgetrennt worden.“
Barbara schüttelte sich. „Jetzt übertreibst du. Das ist doch nicht wahr.“
Drake machte ein geheimnisvolles Gesicht. „Wer weiß. Aber wartet erst mal ab, wie es weitergeht. Die kleine Cäcilie war schwer verletzt, die Ärzte kämpften mehrere Wochen um ihr Leben, bis klar wurde, dass sie es schaffen würde, und es dauerte fast ein Jahr, bis sie endlich das Krankenhaus verlassen konnte. Ihr Vater soll ihr eine Spieluhr ins Hospital gebracht haben, die sie von ihrer Mutter geerbt hatte und deren Melodie sie sich immer wieder anhörte. Angeblich spielte sie ‚Guten Abend, gute Nacht‘ , das Wiegenlied von Brahms (der das Musikstück übrigens hier in Bonn komponiert hat). Sie hat sich das Lied sogar so oft angehört, dass eine Tonzunge, also eine dieser kleinen Metallkammzinken, abbrach. Die Spieluhr und die Erinnerung an ihre Mutter haben ihr sicherlich geholfen, langsam wieder gesund zu werden. Aber sie war nie mehr dieselbe, ihr Gesicht war völlig zerstört. Aus dem kleinen, hübschen Mädchen mit den blonden Zöpfchen war ein einarmiges, humpelndes Monster geworden, das sich nur noch mit grunzenden Lauten verständigen konnte.“
„Wehe, die Geschichte ist wahr“, warf Laura ein, als er eine kurze Pause machte. „Dann hast du uns nämlich gehörig den Abend verdorben. Die arme Kleine.“
Er zwinkerte ihr zu und lächelte leicht, dann fuhr er fort.
„Der Vater wollte sich nicht damit abfinden. In der ganzen Welt suchte er nach den besten Ärzten, die Cäcilie ihre Lieblichkeit und die Stimme zurückgeben sollten. Aber vergebens. Jeder sagte ihm, es sei unmöglich und man könne nichts tun. Bis auf einen.“
Er trank theatralisch einen Schluck Champagner und sah in die gespannten Gesichter seiner Zuhörer.
„Jetzt erzähl schon weiter“, drängte Gilda und stupste sein Bein mit dem Fuß an.
„Es war ein Arzt aus Montevideo. Er hatte einen schrecklichen Ruf. Es gab Gerüchte, dass er an lebendigen Menschen experimentierte, um selbst eine Kreatur zu erschaffen. Aber es konnte ihm nie etwas nachgewiesen werden.“
„Montevideo, ja?“, fragte Marek spöttisch.
Drake zuckte mit den Schultern. „Cäcilies Vater holte ihn hierher, in diese Villa, richtete ihm ein Labor und ein Operationszimmer ein und zahlte ihm so viel Geld, wie der Arzt verlangte. Und damit begann das wahre Martyrium für Cäcilie. Es heißt, sie wurde fast jede Woche operiert. Vor allem das Gesicht und die Stimmbänder. Sie muss Unglaubliches ertragen haben, einmal soll der Arzt sogar versucht haben, ihr den Arm eines toten Kindes anzunähen. Da sie nicht mehr sprechen konnte, war es ihr nicht möglich, ihren Vater um Hilfe zu bitten. Und der verstieg sich immer mehr in der irrsinnigen Hoffnung, der verrückte Arzt könnte doch noch Erfolg haben, und stoppte das unheilige Treiben nicht. Gute Absichten führen manchmal auf direktem Wege in die Hölle.“
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