Sonst hätte er gesehen, dass sich oben im Turmfenster ein Vorhang bewegte.
Kapitel 1
Gute Absichten führen oft auf direktem Wege in die Hölle.
„Willkommen in der verlassenen Nervenheilanstalt zur Nacht der wandelnden Leichen. Willkommen an dem Ort, wo die Seelen gequälter Patienten keine Ruhe finden, durch die Korridore streifen und nach Vergeltung für die erduldete Schändung lechzen. Willkommen zu einer Nacht des Horrors und des blutigen Gemetzels. Zeigen wir den Kreaturen der Dunkelheit, dass wir standhaft sind in unseren Werten, ebenbürtig in einem Kampf ohne Ehre oder Moral, und jagen wir sie zurück in die Hölle!“
Detektivin Laura Peters wies schwungvoll auf die mächtige Villa mit den Türmchen und Erkern, die hinter dem schmiedeeisernen Tor dunkel in den Nachthimmel ragte.
„Möge die Halloweenparty beginnen. Aber wie kommen wir jetzt da rein?“
Das Team stand um sie versammelt, bepackt mit Kerzen, geschnitzten Kürbisköpfen, Getränken und Snacks, und war mehr oder weniger kunstvoll verkleidet für den gruseligen Partyabend. Assistentin Gilda, weiß geschminkt mit roten Lippen, von denen ein Rinnsal Theaterblut zum Kinn hinunterlief, die langen Haare offen wallend über einem dunklen Cape, trug eine Tasche mit italienischen Vorspeisen und Fingerfood aus dem Restaurant ihrer Eltern über der Schulter.
Detektiv Drake Tomlin, ganz in Schwarz mit weißem Kragen und überdimensionalem, silbernen Kreuz vor der Brust, stellte den Bierkasten ab und atmete tief durch.
„Was bist du eigentlich? Eine Punkerin?“, fragte er Lauras Freundin, die Pianistin Barbara Hellmann, in deren Tasche drei Flaschen feinster Champagner leise klirrten. Sie hatte die goldblonden Haare unter einer schwarzen Irokesenperücke versteckt, trug schwarzes, eng anliegendes Leder mit Reißverschlüssen und ins Gesicht hatte sie sich eine Narbe geschminkt.
„Ich bin Lisbeth aus diesen Jahrtausend-Krimis. Ist doch klar, du Exorzistenpriester. Zeigst du nachher, was du drauf hast? Wir tanzen dann das Böse aus diesem Kasten heraus.“
„Lisbeth. Wusste ich direkt.“ Justin, dessen hochgewachsene, schlaksige Gestalt in einem Werwolf-Ganzkörper-Plüschanzug steckte, grinste breit. Er war erst fünfzehn und damals für den ersten großen Fall der Detektei als Unterstützung für eine Observierung angeheuert worden. Seitdem hatte er in der Agentur sein zweites Zuhause aufgeschlagen. Da seine Eltern sich nicht sonderlich um ihn kümmerten, hatte es Laura zugelassen, dass er seine Hausaufgaben bei ihnen machte und mit durchgefüttert wurde.
„Du hast die Bücher gelesen?“ Barbara sah ihn überrascht an.
„Nein. Aber ich habe den Film gesehen. Den mit James Bond. War ganz ok.“
„Den hab ich auch gesehen. Hätte nicht gedacht, dass du so was magst.“
„Ich auch nicht. Aber ein Mädchen aus meiner Klasse ist Fan von so alten Filmen und wollte ihn unbedingt gucken.“
„Ah, ein Mädchen aus deiner Klasse ...“ Barbara zog das letzte Wort in die Länge, doch da er nicht reagierte, ließ sie das Thema fallen. Stattdessen wandte sie sich zu Laura um: „Wann kommt Swetlana? Sollen wir hier draußen auf sie warten?“
Swetlana Braun gehörte eigentlich nicht zum Team, hatte aber beim letzten großen Fall der Detektei Peters ausgeholfen, weil die Detektive zu dem Zeitpunkt in alle Winde verstreut gewesen waren und weil sie über bemerkenswerte Talente verfügte. Eine Mischung aus Skrupellosigkeit, Tatkraft und Unerschrockenheit. Kurz darauf war sie von Mareks früherer Kollegin Maria, die ein Spezialteam eines osteuropäischen Geheimdienstes leitete, angeheuert worden.
Laura schüttelte den Kopf. „Ihr Flug aus Kasachstan oder von wo auch immer hatte Verspätung und ich weiß nicht, ob sie den Anschlussflug noch bekommen hat. Wir sollen nicht auf sie warten, hat sie geschrieben. Aber ich habe ihr den Standort geschickt und sie kann uns finden, wenn sie es noch rechtzeitig schafft. Sag mal, Marek, es war deine Idee, die Party in dieser verlassenen Irrenanstalt zu feiern. Wie überwinden wir die erste Hürde und kommen jetzt auf das Gelände?“
Sie rüttelte leicht an dem Tor und starrte durch die eisernen Stäbe in den dunklen, verwilderten Park. Und auf eine gewundene Auffahrt, auf der vereinzelt Kieselsteine im Mondlicht glitzerten und die sich bis zum Haupteingang der Villa schlängelte.
„Nichts leichter als das.“
Detektiv Marek Liebermann, der auf ein Kostüm verzichtet hatte mit dem Kommentar, echte Männer bräuchten keine Verkleidung, drängelte sich durch die Kollegen, hantierte einarmig an dem Schloss (denn unter dem anderen Arm trug er eine Weinkiste), ließ den rechten Torflügel aufschwingen und nickte ihnen zu, ihm zu folgen.
Das Team betrat den nächtlichen Garten und der Detektiv schob das Eisentor wieder hinter ihnen zu.
Es fiel metallisch klackend ins Schloss.
Barbara drehte sich um und sah kurz zurück, auf das geschlossene Gitter, die dahinter liegende, nächtlich verlassene Promenade, auf den dunkel glitzernden Rhein, der nur wenige Meter entfernt lag, und erschauerte. „Hoffentlich haben wir uns jetzt nicht selbst unseren Fluchtweg versperrt.“
„Hast du Angst?“ Marek grinste sie an. Im fahlen Mondlicht konnte sie außer seinen Zähnen und den silber reflektierenden Reißverschlüssen seiner Lederjacke kaum etwas von ihm erkennen.
Sie gab sich einen Ruck. „Quatsch. Natürlich nicht. Wir werden einen Monsterspaß haben. Let’s go!“
Sie wanderten die Auffahrt entlang, vorbei an wuchernden Büschen und herunterhängenden Zweigen mächtiger Bäume. Keiner von ihnen sagte ein Wort. Von Zeit zu Zeit knirschte ein Stein unter ihren Füßen, ansonsten war es still. Justin hatte sich an die Spitze gesetzt, ließ die Taschenlampe über den Weg wandern und machte die anderen auf kleinere Hindernisse und Unebenheiten aufmerksam. Trotzdem kam Laura ins Straucheln und konnte sich gerade noch an Drake festklammern. „Upsi, danke, Hochwürden, fast hätte es mich hingebrezelt.“
„Es gehört zu meinen vornehmsten Aufgaben, gefallene Frauen zu erretten und der Läuterung zuzuführen.“ Er bemühte sich um einen salbungsvollen Tonfall, dann lachte er. „Mir ist fast das Herz stehen geblieben, ich dachte schon, ein Zombie fällt mich an.“
„Das soll ein Zombie sein?“, mischte sich Barbara ein. „Ein bisschen mehr Mühe hättest du dir schon geben können, Laura. Ich habe dir x-mal angeboten, dir mit dem Make-up zu helfen.“
„Ja, ja“, wiegelte Laura ab. Genauso wie Marek war sie kein großer Fan von Verkleidungen und hatte sich nur dem Team zuliebe in letzter Minute in ein zerrissenes Hemd und ausgefranste Jeans geworfen und grünlichen Lidschatten über das Gesicht verteilt.
Der Schrei eines Käuzchens drang durch die Nacht. Sie blieben kurz stehen und sahen sich an.
„Du hast wirklich ganze Arbeit geleistet, Marek, atmosphärisch stimmt alles.“ Laura klopfte ihm leicht auf die Schulter, dann drehte sie sich zur Villa um und musterte die Fassade.
Drei halbrunde Steinstufen führten zu einem monumentalen Portal, die großen Sprossenfenster reflektierten das Mondlicht. „Wenn man zu lange guckt, hat man das Gefühl, da drinnen ist jemand und starrt einen an. Da unten ist eine Scheibe kaputt. Sollen wir dadurch einsteigen? Das wird aber eng.“
„Natürlich nicht. Im Dunkeln und mit unserem ganzen Partyzeug viel zu gefährlich. Wir gehen selbstverständlich durch den Haupteingang.“ Marek stieg die Treppenstufen zum Eingang hoch, machte sich am Schloss zu schaffen, öffnete die Tür und ließ die anderen in die verlassene Villa.
Sie betraten eine weiträumige Eingangshalle, von der eine breite Treppe in die oberen Etagen führte. Justin ließ den Strahl der Taschenlampe über die verblichenen, vielfach zerbrochenen Bodenfliesen wandern. „Sollen wir zuerst einen Rundgang machen?“
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