„Soll ich mit ihr reden Chef? Auf mich hört sie vielleicht,“ grinste Hans Hiebler.
„Moment mal,“ rief Viktoria. „Ihr kennt alle diese Belladonna?“
„Natürlich kennen wir sie alle, schließlich geht sie schon seit 30 Jahren ihrem Gewerbe nach. Hinter vorgehaltener Hand entstehen immer wieder Geschichten, die Gerüchteküche brodelt mal mehr, mal weniger. Alles, was fremd und anrüchig ist, fasziniert die Menschen nun mal. Niemand will mit dem Milieu etwas zu tun haben, aber alle interessieren sich dafür. Belladonnas Geschäfte müssen gut laufen, sonst würde sie sich nicht schon so viele Jahre halten. Soweit ich mich erinnere, gab es nie Probleme mit Belladonna und ihrem Gewerbe. Es gab immer nur die üblichen Anzeigen, die immer ins Leere liefen.“
„Genau so ist das, Chef,“ bestätigte Hans und Werner stimmte ihm zu.
„Ich kenne sie auch,“ sagte Frau Gutbrod zu Viktorias und Leos Überraschung, die beide noch nie etwas von dieser Rosi Bofinger oder einer Belladonna gehört hatten. „Rosi Bofinger macht ihren Job schon sehr lange und vor allem in den 80er- und 90er-Jahren war das ein Skandal! In Zeitungsanzeigen und Flyern tauchte überall der Name Belladonna auf, der den meisten schnell ein Begriff war. Über ihre Tante Heidrun munkelte man schon lange, dass sie eine Hure war, aber von ihr wusste man nichts Genaues. Aber die Rosi stand zu ihrer Arbeit und ging immer offen damit um. Ganz Kastl, Altötting und auch die anderen umliegenden Dörfer standen Kopf. Vor allem, als hochangesehene Männer in Rosis Gesellschaft gesehen wurden. Es gab sogar Fotos, die allerdings sehr viel Raum für Spekulationen gaben. Bewiesen werden konnte nie etwas. Rosi ist eine sehr hübsche Frau mit einem unglaublichen Charisma. Man kommt nicht an ihr vorbei, ohne sie ansehen zu müssen. Es ist eine der Personen, die alle Blicke auf sich ziehen, wenn sie den Raum betritt. Sie hat etwas an sich, das kaum zu beschreiben ist.“ Frau Gutbrod hatte weder etwas gegen Rosi, noch gegen ihr Gewerbe. Die gehörten einfach zum Leben dazu. Außerdem bewunderte sie die Frau, wie sie ihr Geschäft führte und wie sie dazu stand.
„Was ist mit Ihnen Herr Fuchs?“ Der Leiter der Spurensicherung saß stumm bei der Besprechung und erschrak, als er in dem Zusammenhang von Viktoria angesprochen wurde.
„Ja, auch ich kenne die Rosi, so wie die anderen auch. Aber diese Frau und ihr Gewerbe interessieren mich nicht. Ich bin hier, um meinen Bericht bezüglich des Kreuzweges mitzuteilen, mehr nicht. Wenn wir uns also wieder darauf beschränken könnten? Sie tun ja gerade so, als ob Sie noch nie mit Prostituierten oder einem Bordell zu tun gehabt hätten und jetzt den Moralapostel spielen Frau Untermaier. Bordelle haben eine sehr lange Tradition und durchaus ihre Daseinsberechtigung. Natürlich nur, wenn alles legal und auf freiwilliger Basis abläuft. Ja, auch in ländlichen Gegenden gibt es Bordelle, warum auch nicht? Sind Sie wirklich so naiv und prüde Frau Kollegin?“
Jetzt war Viktoria beleidigt. Ihre anfängliche Entrüstung schlug langsam in Scham um. Natürlich war das ganz normal. Warum regte sie sich darüber so auf? War auch sie mit Vorurteilen und verfälschten Moralvorstellungen behaftet? Oder konnte sie nur nicht so locker damit umgehen, weil sie hier in der dörflichen Idylle mit einem Bordell nicht gerechnet hatte? Oder war es vielleicht so, dass sie sich selbst nicht vorstellen konnte, wie man solch einem Gewerbe freiwillig nachgehen und man dort als Kunde hingehen konnte? Vielleicht lag es einfach nur daran, dass sie Rosi Bofinger kennengelernt hatte und diese Frau für sie einfach nicht ins horizontale Gewerbe passte.
„Bitte, Herr Fuchs, was haben Sie für uns?“, unterbrach Krohmer ihre Gedanken.
„Das Messer ist definitiv die Tatwaffe. Außer den Fingerspuren des Toten gibt es keine weiteren verwendbaren Fingerspuren. Der Täter muss Handschuhe getragen haben. Wir fanden auf dem Kreuzweg jede Menge Müll, aber nichts konnte dem Täter zugeordnet werden.“
„Wie sollten Sie das auch, wenn keine Fingerspuren sichergestellt werden konnten,“ maulte Viktoria.
„Schon mal was von Blutspritzern gehört? Die Tat hat jede Menge Blut verursacht, wodurch ein weiterer Gegenstand durchaus Blut abbekommen haben könnte. Aber nichts dergleichen.“
Friedrich Fuchs sah Viktoria Untermaier verächtlich an. Das war jetzt schon der zweite Fauxpas, der der ungeliebten Kollegin unterlief, und das vor allen Kollegen. Er lehnte sich zurück und genoss die Situation in vollen Zügen.
Viktoria könnte sich in den Hintern beißen. Das war heute bestimmt nicht ihr bester Tag! Aber diese herablassende Behandlung wollte sie sich nicht einfach so von diesem unsympathischen Fuchs gefallen lassen.
„Ich an Ihrer Stelle würde den Ball ganz flachhalten. Wenn Werner Grössert nicht gewesen wäre, hätten wir die Tatwaffe immer noch nicht. Warum haben Sie den Kreuzweg nicht unter die Lupe genommen? War die Anweisung nicht gewesen, das ganze Areal zu prüfen?“
Die überhebliche Miene war aus Fuchs‘ Gesicht verschwunden. Diese aufgeblasene Frau Untermaier hatte aber Recht: Er hätte den Kreuzweg ebenfalls untersuchen müssen, auch wenn die Anweisung nicht explizit darauf hingedeutet hatte. Er hätte diesen Kreuzweg einfach mit einbeziehen müssen. Er hatte gestern entschieden, dass das nicht nötig wäre, und lag damit falsch. Dieser Fehler durfte sich in Zukunft nicht wiederholen.
„Was ist mit den Überwachungskameras der Tankstelle?“ Werner Grössert setzte auf die Aufzeichnungen, denn er war sicher, dass auch dieser Berthold Kurz nicht die Wahrheit sagte.
„Der Beschluss liegt noch nicht vor. Ich bin dran.“ Krohmer konnte den Staatsanwalt noch nicht erreichen und war wütend, da er ihm bereits zwei Nachrichten hinterlassen hatte und er sich bis jetzt noch nicht zurückgemeldet hatte.
„Ich bin trotzdem dafür, dass wir Rosi Bofinger herholen und sie in die Zange nehmen.“ Viktoria wollte ihr Glück zumindest versuchen. Ihr kam die Frau sehr vernünftig vor und sie war sich sicher, dass sie von Frau zu Frau doch noch eine Information aus ihr herausbringen würde.
„Von mir aus, bringen Sie die Frau her. Aber ich kann Ihnen garantieren, dass Sie aus der Frau nichts rausbekommen. Aber bitte, versuchen Sie Ihr Glück.“
„Ich fahre in die Klinik und befrage Lena Schuster, der Arzt hat vorhin grünes Licht gegeben. Vielleicht bekommen wir von ihr einen Hinweis auf den Täter.“
„Machen Sie das Herr Schwartz. Aufgrund der Informationen der Altöttinger Kollegen sollten wir nochmals mit den betroffenen Personen reden, die bereits mit diesem vermeintlichen Retter zu tun hatten. Vielleicht kann sich doch noch jemand an irgendeine Kleinigkeit erinnern, die für uns wichtig sein könnte.“
Wie selbstverständlich stand Hans Hiebler auf und begleitete den Kollegen Schwartz, obwohl Viktoria viel lieber mit Leo gegangen wäre. Aber sie hatte zu langsam reagiert. Bei nächster Gelegenheit musste sie die Paarungen neu besprechen, denn in der Vergangenheit hatte sie mit Leo sehr gut zusammengearbeitet. Sie waren unterschiedliche Typen, gingen die Arbeit von verschiedenen Seiten an und ergänzten sich dabei. Sie vermisste die Zusammenarbeit mit ihm. Leo und Hans waren bereits unterwegs und es blieb ihr nichts anderes übrig, als zusammen mit Werner die Zeugen der älteren Fälle aufzusuchen, in denen der Retter bereits in Erscheinung getreten war.
Auf dem Weg nach Altötting versuchte sie mehrfach, Rosi Bofinger wegen einer Vorladung zu erreichen, hatte aber immer den Anrufbeantworter dran. Sie hinterließ mehrere Nachrichten und hoffte darauf, dass sich Frau Bofinger bei ihr melden würde.
„Hallo Frau Schuster,“ sagte Leo und zeigte seinen Ausweis. „Mein Name ist Schwartz, das ist der Kollege Hiebler. Wie geht es Ihnen heute?“
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