„Ich bin sehr stolz auf mein Haus, obwohl meine Hausfassade und der Garten echt schlimm aussehen. Das lasse ich absichtlich so, um meine Nachbarn zu ärgern. Ich brauche auch meinen Spaß.“ Sie erzählte von einigen Begebenheiten. Viktoria hing förmlich an den Lippen der Frau, die eine unglaubliche Ausstrahlung hatte. Sie war charmant, amüsant und zog einen sofort in ihren Bann. Sie fühlte sich wohl in ihrer Gesellschaft und hätte gerne noch sehr viel länger mit der Frau geplaudert.
„Was will die Polizei von mir? Das Gewerbe ist angemeldet, meine Mitarbeiterinnen und ich kommen allen Auflagen pünktlich nach. Außerdem zahle ich meine Steuern im Voraus, und das nicht zu knapp.“
„Sie haben Mitarbeiterinnen?“
„Zwei Teilzeitkräfte. Ich würde sie gerne in Vollzeit beschäftigen, Arbeit ist genug da. Aber die beiden möchten nicht, müssen sich immer noch davonstehlen und haben Angst, dass ihre Arbeit irgendwann bekannt wird. Das horizontale Gewerbe ist in all den Jahren immer noch nicht anerkannt und vor allem in ländlichen Gebieten nicht gerne gesehen. Es weiß zwar jeder, dass es Bordelle gibt, aber niemand möchte etwas damit zu tun haben. Das ist immer noch eine Sparte, die mit Ekel und Abscheu behaftet ist, was ich nicht verstehen kann. Ich habe ein Dienstleistungs-unternehmen, das es schon seit tausenden von Jahren gibt. Ich möchte betonen, dass ich meinen Beruf gerne ausübe und sehr stolz auf das bin, was ich geschaffen habe. Allerdings wäre es sehr viel leichter, wenn mich die Leute endlich akzeptieren würden.“ Der Kaffee war fertig. Sie holte die Kaffeekanne und drei Becher und schenkte Kaffee ein. „Immer wieder stehe ich bei Gemeindeversammlungen auf der Tagesordnung; nicht offiziell, nur wegen anonymer Beschwerden, zu denen sich keiner bekennt, dafür sind die Leute zu feige. Jährlich gibt es X Versuche, mich hier wegzubekommen. Aber ich gehe nicht, grad extra nicht. Meine Tante Heidrun haben sie in den Tod getrieben. Sie hat nicht verkraftet, dass man sie überall nur missachtet hatte. Sie wurde öffentlich gedemütigt und beschimpft. So lange, bis Tante Heidrun nicht mehr konnte und ihrem Leben ein Ende gesetzt hat. Bei mir beißen sie auf Granit. Jedem, der mir dumm kommt, trete ich entgegen. Ich lasse mir nichts gefallen. Ich stehe zu meiner Arbeit und kann jeden Morgen ohne Probleme in den Spiegel schauen. Und ich bin stolz darauf, dass ich mein Leben selbst finanzieren kann und mir schon ein kleines Vermögen ansparen konnte, womit ich mir in einigen Jahren einen angenehmen Lebensabend erlauben kann. Die scheinheiligen Kastler, von denen viele meine Kunden sind, sind doch tatsächlich der Meinung, dass sie etwas Besseres sind. Pah, dass ich nicht lache! Ich weiß von vielen dubiosen Geschäften, für die man sich wirklich schämen müsste. Außerdem läuft mein Geschäft hervorragend und ich zahle ordentlich Steuern. Nicht wie viele Kastler, die das Finanzamt bescheißen! Ich zahle jeden Cent mit Stolz ans Finanzamt. Immer wieder steht die Steuerprüfung vor meiner Tür, aber noch nie gab es etwas zu beanstanden. Entschuldigen Sie bitte, ich schweife ab, das alles interessiert Sie bestimmt nicht. Soll ich meine Papiere holen? Sind Sie deshalb hier? Hat mich mal wieder jemand angeschwärzt oder Lügen über mich verbreitet?“
„Wir glauben Ihnen, dass mit Ihrem Gewerbe alles in Ordnung ist, deshalb sind wir nicht hier. Es geht um einen Todesfall in Altötting. Gestern ca. 17.40 Uhr wurde ein Mann in der Marienstraße erstochen. Es wurde uns zugetragen, dass Sie sich etwa um die Zeit dort aufgehalten haben.“
„Ich werde des Mordes verdächtigt?“
„Wir ermitteln in alle Richtungen. Waren Sie dort?“
„Um 17.40 Uhr sagten Sie? Das stimmt, da war ich in der Gegend. Wie jeden Mittwoch war ich Blumen kaufen.“
„Ist Ihnen irgendetwas oder noch besser irgendjemand aufgefallen?“
Rosi Bofinger wusste genau, worauf die Polizisten anspielten. Aber sie gab sich ahnungslos.
„Lassen Sie mich nachdenken. Ich kam vom Blumenladen und ging über die Marienstraße auf dem Kreuzweg Richtung Kapellplatz. In der Stiftskirche habe ich eine Kerze für meinen verstorbenen Bruder angezündet, der gestern Geburtstag hatte. Ich bin den Kreuzweg zur Marienstraße wieder zurück, weil ich dort meinen Wagen geparkt habe. Alles war wie immer.“ Sie schüttelte den Kopf. „Mir sind auf meinem Weg einige Personen begegnet. Aber leider niemand, der mir irgendwie besonders aufgefallen wäre. Es tut mir leid, ich hätte der Polizei gerne geholfen.“
„Schade, das wäre auch zu einfach gewesen,“ sagte Viktoria enttäuscht, als sie im Wagen saßen.
„Sie lügt. Die Frau weiß genau, wer an ihr vorbeilief. Und wenn das stimmt, dann ist sie in Gefahr.“
„Übertreibst du da nicht ein bisschen?“
„Bestimmt nicht. Die Rosi führt ihr Gewerbe schon seit vielen Jahren und jeder kennt sie, auch wenn das keiner zugeben möchte. Selbst ich kenne sie.“
„Du kennst diese Rosi?“, rief Viktoria.
„Überrascht? Was glaubst du, woher ich wusste, wo sie wohnt? Ich bin davon überzeugt, dass Rosi den Täter gesehen und auch erkannt hat. Und wenn der Täter sie nun auch erkannt hat? Wenn ich richtig liege, dann geht der Mann mit ihr ein großes Risiko ein.“
Rosi stand noch lange am Fenster und sah dem Wagen hinterher. Natürlich hatte sie zur fraglichen Zeit in der Marienstraße einen Mann gesehen. Sie könnte ihn nicht nur beschreiben, sondern wusste sogar, wer er war. Dieser Mann war außergewöhnlich. Er hatte etwas Unnahbares, fast Geheimnisvolles an sich. Beruflich hatte sie vor einigen Jahren mit ihm zu tun. Damals besuchte er einen Freund in der Maria-Ward-Straße. Sie wusste, dass dieser Freund nicht mehr hier wohnte. Was wollte der Mann jetzt hier? Rosi schüttelte den Kopf, das alles ging sie nichts an. Warum sollte sie ihn an die Polizei verraten? Das war nicht ihre Art, denn sie wusste nicht, was wirklich passiert war. Schon immer hatte sie sich nur um ihre eigenen Angelegenheiten gekümmert und damit war sie in der Vergangenheit immer sehr gut gefahren. Vor allem wollte sie nicht als Verräterin und Plaudertasche dastehen, denn Diskretion war auch ein wichtiger Teil ihres beruflichen Erfolges. Viel mehr als dieser Mann und der Tote in der Marienstraße beschäftigte sie eine Frage: Hatte er sie auch gesehen? Hatte er sie erkannt? Sie fühlte sich nicht wohl bei der ganzen Sache. Wenn er wirklich einen Menschen getötet hatte, wie die Polizei behauptete, war sie dann mit ihrem Wissen in Gefahr? Sie wollte es nicht darauf ankommen lassen! Sie entschied, dem allen aus dem Weg zu gehen. Schon allein die Tatsache, dass die Kriminalpolizei bei ihr war, würde in Kastl wie ein Lauffeuer herumgehen. Dafür sorgten schon die beiden Tratschweiber, die gleich nach der Polizei endlich auch verschwunden waren. Sie ging auf den Dachboden, holte ihren großen Koffer und begann zu packen. Schon seit Wochen spielte sie mit dem Gedanken, einige Tage Urlaub zu machen; und der richtige Zeitpunkt war jetzt gekommen. Eine Woche Wärme und Sonne würde ihr guttun. Danach war der ganze Spuk sicher vorbei und sie wurde damit nicht in Verbindung gebracht. Nachdem sie gepackt hatte, sagte sie alle Termine der kommenden Woche ab, worüber ihre Kunden nicht gerade begeistert waren. Aber sie konnte alle besänftigen und war sich fast sicher, dass sie nicht einen Kunden durch ihren spontanen Urlaub verlieren würde.
„Wie laufen die Ermittlungen im Fall Eichinger? Ich hoffe doch, dass Sie einen Verdächtigen haben, nachdem Martin Mahnstein entlastet werden konnte.“
„Leider noch nicht Chef.“ Die Polizisten unterrichteten den Chef von ihren Befragungen.
„Und Sie sind davon überzeugt, dass die schöne Belladonna den Mörder erkannt hat?“
Werner Grössert nickte.
„Rosi Bofinger hat einen fürchterlichen Dickschädel und steht zu ihren Prinzipien. Wenn sie nicht möchte, sagt sie kein Wort,“ sagte Krohmer, der von der Entwicklung dieses Falles nicht begeistert war. Zuerst dachte er, dass sich einer von Kevin Eichingers Rivalen an ihm gerächt haben könnte und doch noch irgendwo ein Zeuge auftaucht, der den entscheidenden Hinweis gibt. Aber nichts dergleichen war geschehen. Auch in der Szene rund um Kevin Eichinger war es in letzter Zeit erstaunlich ruhig und alle einschlägig Vorbestraften hatten wasserfeste Alibis für die Tatzeit. Und jetzt auch noch das mit der Rosi.
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