Jetzt jedoch lernte ich in den Ferien Bärbel Xaver kennen, die beste Freundin meiner Schwester. Ich verliebte mich in sie. Von Driburg aus schrieb ich ihr Briefe. Einmal legte ich ihr ein Geschicklichkeitsspiel aus Draht in den Brief. Die Dicke des Briefes muss dem Präfekten, bei dem die Briefe abgegeben werden mussten und der sie zensierte, wohl aufgefallen sein und er las den Brief. Da war ihm klar: Alfons hat Kontakt zu einem Mädchen. Er bestellte mich zu einem Gespräch, in dem er mich aufforderte, den Kontakt aufzugeben. Ich hab mich nicht daran gehalten und ihr in einem Brief, den ich aus dem Kloster schmuggelte, ein selbstgemaltes Hummelbild zugeschickt. Meine Beziehung zu ihr hielt dann aber nicht lange. Denn als ich das nächste Mal in Ferien kam, erfuhr ich, dass sie einen Freund hatte.
Je älter ich wurde, desto mehr zweifelte ich an meiner Berufung zum Priestertum. Wollte ich das wirklich, was von mir erwartet wurde? War ich im Missionshaus am richtigen Platze? Nach allen großen Ferien mussten wir über unsere Einstellung zum Beruf in einem Gespräch mit dem Präfekten Rechenschaft ablegen. Als ich etwa 17 oder 18 Jahre alt war, äußerte ich P. Herbertz gegenüber, der damals Präfekt war, meine Zweifel, ob ich zum Priester berufen sei. Seine Antwort war: „Alfons, sei gewiss, solange der Vorgesetzte dich für berufen hält, solange bist du berufen.“ Das war für mich auf der einen Seite eine Entlastung. Denn so konnte ich mich ohne Gewissensbisse im Missionshaus auf mein Abitur vorbereiten. Wer nämlich als unberufen angesehen wurde, verlor das Recht im Internat die Schule zu besuchen. Er musste sich außerhalb ein Zimmer suchen. Das war meinem Klassenkameraden Lissek passiert. Auf der anderen Seite waren meine Berufsprobleme damit nicht behoben. Ich selber war ja nicht mehr überzeugt, dass der Beruf des Priesters der richtige für mich sei. Ich hatte überhaupt nicht das Bedürfnis, Menschen seelsorgerisch zur Seite zu stehen, was ich heute als vorrangiges Motiv für das Priestertum ansehe. Das war mir damals überhaupt nicht bewusst. Ich sah vielmehr die Einschränkungen und Belastungen, die mit dem Beruf verbunden sind: Das Alleinsein durch den Zölibat, das Eingebundensein in das System von Befehl und Gehorsam, das Entsagen den Freuden des Lebens wie Sexualität, Besitz und Selbstbestimmung über alles, was mich anging. Je näher ich dem Abitur kam und damit dem Tag der Entscheidung in den Orden einzutreten, desto belastender empfand ich die Situation. Der Stress der Abiturvorbereitungen tat sein Übriges dazu, so dass ich krank wurde. Ich bekam Bauchschmerzen, erhielt einige Tage Schonkost (Weißbrot mit Butter, hm!) und wurde dann, als die Schmerzen nicht abnahmen, einem Internisten vorgestellt. Der stellte nach einer Generaluntersuchung auf dem Röntgenbild einen Schatten in der Lunge fest. Ich kam sofort auf die Krankenstation und wurde von den anderen Schülern isoliert. Zur gleichen Zeit begann ich zu husten und Blut zu spucken. Am 29. 0ktober 1959 war das Ende meiner Driburger Jahre. Ich fuhr nach Braunschweig zurück, wo ich in das Lungenkrankenhaus an der Gliesmaroder Straße eingewiesen wurde.
Die Krankheit war für P. Herbertz das objektive Zeichen, dass ich nicht zum Priester berufen war. Verstärkt wurde seine Gewissheit wohl auch durch einen Brief, den ich meinem Freund Hartmut geschrieben hatte und den er gelesen hatte. In diesem Brief hatte ich meine Träume über eine Beziehung zu Mädchen sehr freimütig dargestellt. Hartmut verbot er, mit mir weiter Kontakt zu pflegen und mir schrieb er in einem Brief, dass ich nach meiner Genesung nicht mehr nach Driburg zu kommen brauche. Ich solle mir eine andere Schule suchen, wo ich das Abitur ablegen könnte. Bei allem Unmut, den ich wegen seiner Ablehnung empfand, so fühlte ich mich doch von dem Druck des Berufs unendlich befreit, aber auch von dem Druck der Driburger Gebote und Verbote, die es in der neuen Welt nicht gab, und dem des bevorstehenden Abiturs. Im Sanatorium in Immenhausen genoss ich die Möglichkeit, mit Mädchen anzubändeln und verliebte mich in immer neue weibliche Wesen. Die intensivste Begegnung hatte ich mit Luise, die als Küchenmädchen in der Heilstätte arbeitete. Das missfiel dem Chefarzt, der ebenfalls ein Auge auf sie geworfen hatte. So kam es, dass er mich angeblich vorzeitig aus der Heilstätte entließ und ich nach Braunschweig kam. Hier meldete ich mich zur Erreichung des Abiturs im Wilhelm Gymnasium an. Außerschulisch engagierte ich mich in der Pfarrei, übernahm eine Jugendgruppe und wurde Pfarrjugendführer.
Dies ist eines der 1. Fotos mit Christine und mir, vielleicht aus 1962.Wir hatten einen Ausflug in das Truppenübungsgelände vor dem Elm gemacht.
Dabei lernte ich Christine kennen. Nach Wiederholen der 12. Klasse machte ich mein Abitur und begann mein Studium an der damaligen Kant-Hochschule.
Das Photo ist im Sozialpraktikum in Clausthal-Zellerfeld entstanden 1963 bei einem Ausflug mit Erholungskindern .
In dieser Zeit waren Christine und ich im Ringen um die rechte Sexualität. Hier begann mein Glaubensgebäude, in dem ich bisher so selbstverständlich und unreflektiert gewohnt habe, seine ersten Risse zu bekommen. Die erste Ursache dafür war die Beziehung zu Christine. Ich hatte sie in der Gemeinde kennen gelernt, wo wir jeder eine Gruppe führten und später auch gemeinsam die Leitung der Gemeindejugend innehatten. Nach dem Besuch einer Maiandacht hatte ich sie angesprochen und sie gefragt, ob wir nicht gemeinsam zum Rummel gehen wollten. Das war der Beginn unserer Freundschaft, die schließlich zur Ehe führte. Wir merkten bald, dass wir die gleichen Werte und Ideale besaßen. Von unseren Berufen her hatten wir viele gemeinsame Interessen, eine gute Grundlage für ausführliche und tiefgründige Gespräch. Je mehr wir uns kennen lernten, desto mehr vertiefte sich unsere Zuneigung. Wir zeigten sie uns durch die üblichen Zärtlichkeiten einer Beziehung am Anfang, durch Händchenhalten, Küsse, und Streicheleinheiten. Ich hatte damals ein Büchlein in die Hand bekommen, in dem ein Jesuitenpater darüber aufklärte, wie ein junger Christ seine Sexualität leben konnte, ohne gegen das 6. Gebot zu verstoßen. Es wurde mein Ratgeber. Nach ihm wollte ich meinen Umgang mit Christine ausrichten. Eine Grundregel war: Berührungen der drei H sind erlaubt: Hand, Haupt und Hals. Aber wir merkten bald, dass wir nach dieser Grundregel unsere Beziehung nicht leben konnten. Je vertrauter wir wurden, desto mehr öffneten wir uns auch körperlich füreinander. Durch die intensiveren Berührungen kam es bei mir zu Samenergüssen. In vielen Beichten klagte ich mich der Sünde der Unkeuschheit an. Bis mir immer klarer wurde: So kann das nicht weitergehen. Mir kam zu Hilfe, dass in der damaligen Zeit die ersten Kritiker der kirchlichen Sexualmoral sich öffentlich bemerkbar machten. Durch die eigene Erfahrung merkte ich, dass man sich kaputt machte, wenn man dieser Moral folgen wollte. Einer der Kritiker war der Psychologe Ernst Ell. Er prangerte in seinem Buch „Dynamische Sexualmoral“, das ich damals las, die rigorose Moral der Kirche an, die die Ausübung der Sexualität allein der Ehe vorbehalten wollte. Stattdessen propagierte er eine Haltung, bei der die Liebenden ihre Sexualität dem Grad ihrer Liebe anpassten. Nach diesem Rat richteten wir schließlich unsere Verlobungszeit aus. Wir hatten uns vorgenommen, den Geschlechtsverkehr erst in der Ehe zu vollziehen. Das heißt, wir strebten nicht danach, uns bei den Zärtlichkeiten bis zum Höhepunkt zu führen. Wenn es sich ergab: Okay. Aber es war nicht angestrebt. Stattdessen versuchten wir die Zärtlichkeiten sehr behutsam anzuwenden und auszukosten, immer unter Berücksichtigung unseres Vertrautheitsgrades. So konnten wir unter Selbstachtung und Verantwortung voreinander unsere Sexualität bis zur Ehe 1964 leben. Durch die neue Grundhaltung der Sexualität gegenüber erübrigten sich die Anklagen in der Beichte. Sie führte aber auch dazu, dass ich ab da kirchlichen Äußerungen gegenüber sehr kritisch wurde. Und das nicht nur im Bereich der Sexualität, sondern überhaupt.
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