Aus dem gesagten wird deutlich, dass ich unter Religion eigentlich zwei Dinge verstehe.
Einmal das psychologische Grundgefühl des Menschen, das dazu führt, dass er sich auf die Suche nach Antworten auf seine existenziellen Fragen begibt, die ihm sein wissenschaftliches Denken nicht geben kann. Sie ist also eine spezielle Art, wie der Mensch sein Leben auffasst. Man kann das auch Religiosität nennen.
Und zweitens verstehe ich darunter die Systeme, die sich aus diesem Frage- und Antwortspiel ergeben. Das sind die Lehren der Religionen, ihre Gebete und Rituale und ihre organisatorischen Gegebenheiten.
Ein Mensch, der sich als reifer Mensch einer Religion anschließt, wählt sie aus den vielen anderen heraus, weil sie ihm plausibel erscheint. Er gibt ihr durch seinen Glauben an sie absolute Bedeutung. Von ihr erhofft er sich dann die Antworten, die seinem Leben den absoluten Sinn geben, so dass er sich im Leben und Sterben geborgen fühlen kann. Diesen Weg jedoch bin ich nicht gegangen. Wie die meisten Menschen, so habe auch ich meine Religion nicht selber gewählt, sondern bin in sie durch meine Eltern hineingeboren.
Seit meiner Geburt gehöre ich der christlichen Religion an in Form des katholischen Bekenntnisses. In ihr haben mich meine Eltern erzogen, in ihr bin ich groß geworden, mit ihr habe ich mich, seitdem ich über Religion nachdenke, auseinander gesetzt. Sie hat mein Leben geformt. Durch sie habe ich mein Gewissen vor Gott auszurichten gelernt.
Meine Eltern haben am 14.5.1938 in Danzig geheiratet. 10 Tage vor Kriegsbeginn, am 20.8.39 bin ich geboren. Meinen Eltern verdanke ich meine körperliche und geistige Entwicklung.
Sie ist also ein eminent wichtiger und bestimmender Teil meines Lebens. Deshalb drängt es mich jetzt, da ich nach der Pensionierung Zeit dazu habe, mir über den Werdegang meines religiösen Lebens, Rechenschaft abzulegen.
Ganz allgemein kann ich im Rückblick sagen: Das Wesentliche der Religion der katholischen Kirche hat sich trotz vieler Änderungen im Äußeren nicht verändert. Ich glaube, dass jemand, der die Religion meiner Kindheit erlebte, sie auch heute noch als solche identifizieren kann. Was sich verändert hat ist meine Einstellung zu ihr, die Art, wie ich mit den Äußerungen der Religion umgegangen bin und wie ich sie in meinem Leben zur Wirkung kommen ließ. Über die Wandlungen, die ich dabei auf meinem Weg durchgemacht habe, möchte ich mir hier Klarheit verschaffen. Ich will hier also aus meinem Leben berichten. Dabei will ich aber keine Autobiografie schreiben, in der möglichst alle Lebensstationen erzählt werden, sondern ich wähle die Stationen aus, die für meinen religiösen Werdegang von Bedeutung sind. Neben dieser für mich bedeutsamen Intention habe ich aber noch eine andere. Ich möchte meinen Kindern wenn sie eines Tages vielleicht etwas mehr über mich erfahren möchten, die Möglichkeit geben, es aus diesem Text zu entnehmen. Aus ihm können sie ersehen, was mir in meinem Leben am wichtigsten erschien. Und vielleicht könnten meine Aufzeichnungen auch von allgemeinem Interesse sein. Wir leben in einer Zeit, in der es nicht selbstverständlich ist, ob man an Gott glaubt und sich einer Religion zugehörig fühlt. Als ich Kind war, war das anders. Da gab es noch geschlossene religiöse Milieus. Dahinein war man geboren und blieb in ihm sein Leben lang, wenn man seinen Aufenthaltsort nicht wechselte. Aber auch die geistige Welt, in die man hineingeboren war, blieb ziemlich gleich. Die Wert- und Glaubensvorstellungen und die Autoritäten, die diese Vorstellungen repräsentierten und garantierten, veränderten sich kaum. Und so blieben die meisten Menschen in den ererbten Geisteshaltungen. Das alles hat sich heute verändert. Die heutige Zeit ist von Mobilität geprägt. In der Regel verändert jeder seine Örtlichkeiten. Er kommt aus sozialen Milieus mit ihren Werthaltungen heraus und muss sich entscheiden, wie er künftig leben will. Das tun viele Menschen sehr unbewusst und unreflektiert. Ich denke, dass man an meinem Fall schön sehen kann, wie das auch anders passieren kann.
Die mächtigen weißen Hauben der Vinzentinerinnen mit ihrer Spitze über der Stirn und ihren wippenden Flügeln über den Schultern sind die ersten Zeichen von Religion, die ich in Erinnerung habe. Ich erlebte sie im Waisenhaus in Karthaus, in das ich mit etwa 5 Jahren eingewiesen wurde. Es war das letzte Kriegsjahr. Mein Vater war im Krieg und meine Mutter arbeitete in Karthaus im Krankenhaus, um unseren Lebensunterhalt zu verdienen. Dorthin waren wir evakuiert worden, als Danzig bombardiert wurde und der Einmarsch der Russen bevorstand. Da meine Mutter uns drei Kinder nicht betreuen konnte, gab sie uns in die Obhut der Schwestern, die in Karthaus ein Waisenhaus betreuten. Hier lebten wir mit polnischen und russischen Kindern zusammen, die der Krieg von ihren Eltern getrennt hatte oder sie zu Waisen gemacht hatte. Die Schwestern behandelten uns streng, aber gütig. Die Schwester, die meine Gruppe betreute, hatte ich gern. An eine nähere Bindung oder gar Zärtlichkeiten von den Schwestern kann ich mich jedoch nicht erinnern.
Eigenartig, dass ich keine Erinnerung an etwas Religiöses aus der Zeit vor dem Waisenhaus habe, das sich im Elternhaus ereignet hätte. Denn meine Eltern waren praktizierende Katholiken, hatten mit uns gebetet und waren mit uns in die Kirche gegangen. Beide Eltern kamen aus katholischen Elternhäusern, waren aktiv in der Gemeindejugend, wo sie sich auch kennen gelernt hatten. Mein Vater war lange Zeit bis in die Jungmannszeit Ministrant, pflegte Umgang mit den Geistlichen der Pfarrei, von denen einer auch mein Pate wurde und mir den Vornamen vererbte. Er hatte vor der Ehe mit meiner Mutter daran gedacht, Priester zu werden. Dass die religiöse Einstellung meiner Eltern aber doch einen bestimmenden Einfluss auf mich hatte, zeigen folgende zwei Begebenheiten: Als 3- oder 4-jähriger lag ich mit Diphtherie im Krankenhaus. In meinem Gitterbettchen spielte ich manchmal mit meinem Glied. Ich erinnere mich noch daran, wie ich das Gefühl hatte, dabei etwas Falsches zu tun. Auch die zweite Begebenheit hat etwas mit Sexualität zu tun. Bevor ich ins Waisenhaus kam, wohnten wir eine Zeitlang bei einem Bauern in der Nähe von Karthaus. Hier musste ich mit einem Mädchen, das etwas älter war als ich, öfter die Gänse hüten. Dabei trieben wir sie auf eine Wiese, die abseits lag und wo uns niemand sah. Wir vertrieben uns die Zeit, indem wir uns gegenseitig unsere Genitalien untersuchten und sie mit Grashalmen kitzelten. Der Anblick der Scheide des Mädchens ist mir bis heute in Erinnerung geblieben. Ich empfand die Spiele als sehr angenehm und die sexuellen Empfindungen dabei haben mich das ganze Leben begleitet. Gleichzeitig hatte ich aber auch hier das Gefühl, etwas Unerlaubtes zu tun. Denn am Sonntag, dem heiligen Tag, unterließen wir diese Spielchen. Offensichtlich hatten mir meine Eltern, die ihr Lebtag sehr prüde waren, schon sehr früh sexuelle Einschränkungen auferlegt, ohne dass ich mich daran erinnere. -
In Karthaus besuchte ich die ersten beiden Schuljahre der polnischen Schule. Hier ist mir in Erinnerung geblieben, dass die Lehrerin uns die Passionsgeschichte Jesu erzählte, von der ich sehr beeindruckt war. Ich konnte es jedoch nicht verstehen, dass Jesus vor seinem Kreuzestod geweint haben soll. Für mich war das kein männliches Verhalten und ich fragte mich, ob Jesus wohl eine Frau gewesen war. Wie sehr mich die Erzählung von seinem Kreuzestod beeindruckt hat, zeigt folgende Begebenheit. Als ich einmal erkrankte und Fieberträume hatte, erkannte ich in dem Fensterkreuz, das sich gegen den dämmrigen Himmel abzeichnete, das Kreuz Jesu. Zu seinen Füßen ringelten sich lauter Schlangen und krochen auf mich zu. Ich hatte furchtbare Angst, dass die Schlangen mich erreichen könnten.
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