Detective Taylor hatte sie heute früh beinahe zur Weißglut gebracht, doch als Vorgesetzte durfte sie sich ein solches Verhalten eigentlich nicht erlauben. Captain Conrad Harper war zwar mindestens zehn Mal an einem gewöhnlichen Arbeitstag ausgerastet, doch niemals gegen sein Team. Meistens gingen die Angriffe gegen Journalisten. Mit der Presse stand er ebenso auf Kriegsfuß wie mit seinem Grünzeug.
Hope war gerade damit beschäftigt, auf der Internetseite des Milwaukee Police Departments zu surfen und sich nach einem geeigneten Ansprechpartner für ihr Gesuch umzusehen, als es an ihre Tür klopfte. Punkt neun. Hope konnte sich ein Siegeslächeln nicht verkneifen. Ob er vor ihrem Büro gewartet hatte, bis der große Zeiger tatsächlich auf die zwölf gehopst war?
„Ja, bitte!“, sagte sie mit lauter Stimme und schloss den Browser mit der verräterischen Internetseite.
„Detective Christian Taylor, melde mich zum Dienst.“
Hope schnaubte. Fand er das etwa witzig? „Sie haben das Sir vergessen“, kritisierte sie belehrend.
Taylor hob die Brauen und seine Mundwinkel wanderten kampfeslustig nach oben, als ob sie ihm gerade eine ungeheure Steilvorlage geboten hätte. Was ihn so erheiterte, behielt er jedoch für sich und fragte stattdessen, ob er sich setzen dürfe.
„Selbstverständlich“, sagte Hope, während sie versuchte, ihren erneuten Ärger über seine Überheblichkeit, einen bissigen Kommentar zu denken, aber dann doch nicht laut zu äußern, zu verbergen. Und dann ärgerte sie sich über die Tatsache, dass sie sich überhaupt darüber ärgerte, dass sie gerne gewusst hätte, was Christian Taylor in diesem Moment dachte. Du liebe Zeit, Hope! Du bist doch kein sechzehnjähriges Schulmädchen mehr! „In Ihrer Personalakte ist nicht aufgeführt, dass Sie ein notorischer Zuspätkommer sind“, wagte Hope eine Feststellung und blätterte die dürftige Akte vor seinen Augen durch. „Dennoch scheint es mir, dass Sie Ihre Dienstbereitschaft hier nicht ganz so ernst nehmen. Oder ist es in Milwaukee normal, dass man sein Handy abstellt, um einen ungestörten Schlaf genießen zu können?“
„Ich wohne jetzt seit knapp einer Woche hier“, versuchte Taylor sein Verhalten zu entschuldigen. „In Milwaukee wurde einem wenigstens eine Eingewöhnungsfrist zugestanden.“
Hope hätte am liebsten laut gelacht und ihm gesagt, dass so etwas auch auf ihrer Wunschliste gestanden hatte. Chief Solomon Rice jedoch hatte das nicht im Geringsten interessiert. „In Ordnung“, sagte sie stattdessen. „Also wird es in Zukunft nicht mehr vorkommen? Dann vermerke ich das so.“ Sie kritzelte ein paar unleserliche Hieroglyphen auf ein wahlloses Blatt, das praktischerweise gerade in ihrer Reichweite lag. Bestimmt war es auf der Rückseite mit irgendwelchen Notizen von Conrad bestückt, doch zwischen dessen gekrakelter Handschrift, tanzten ihre Symbole hier überhaupt nicht aus der Reihe.
Sie registrierte, dass Taylor ihre Frage nicht bestätigte, als ob er sie als eine rhetorische aufgefasst hatte. Oder es lag einfach wieder an seiner Arroganz. „Eine Bar zu besuchen anstatt Ihrer Ermittlungsarbeit nachzugehen, ist ebenfalls nicht im Sinne der Shreveporter Polizei. Wie auch immer man das in Milwaukee handhaben mag“, setzte Hope vielleicht ein wenig spitz hinzu. Wenn es ihm in seiner alten Heimat so viel besser gefallen hatte und dort alles so perfekt war, warum um Himmels Willen war er dann hier und machte ihr das Leben zu Hölle? Diesen Job hatten doch andere bereits für sich beansprucht! Wenn sie nur an das Gespräch mit Chief Rice oder an die aufbrausende Königin der Nacht dachte, wurde ihr speiübel.
„Ein Besuch in einer Bar, kann sich manchmal durchaus als wichtige Ermittlungsarbeit erweisen“, sagte Taylor wissend. Dann schwieg er wieder.
Sein rechthaberisches Auftreten machte Hope rasend. Offensichtlich hielt er es nicht für nötig, seine Gedanken bei ihr auszuführen, und einen kurzen Augenblick war sie gewillt, ihn direkt mit der Frage zu konfrontieren, ob er denn ein psychisches Problem mit Frauen hatte. Doch dann besann sie sich eines Besseren. Es war ihr vollkommen gleichgültig, ob er Probleme mit Frauen hatte. Und zwar in jeder Hinsicht. Basta. „Und wie hat uns Ihr Barbesuch heute früh ermittlungstechnisch weitergebracht?“
„Der Name der Toten ist Lucía, eine Puerto-Ricanerin. Sie war ein Junkie, aber keine Prostituierte, auch wenn sie für ihre tägliche Dosis wohl so einiges in diese Richtung auf sich genommen hat“, sprudelte Taylor los und schien Hopes Verblüffung in vollen Zügen zu genießen.
Hope schloss den Mund, der ihr vor Verwunderung aufgeklappt war, und schluckte, bevor sie weitersprechen konnte. „Und damit rücken Sie erst jetzt heraus?“ Sie winkte ab, weil er schon wieder Anstalten machte, mit irgendeiner an den Haaren herbeigezogenen Entschuldigung aufzuwarten und fuhr stattdessen fort: „Also suchen wir unser Motiv im Drogenbereich?“
Ihr Gegenüber lächelte und schüttelte dabei den Kopf. „Nein, ermordet wurde sie im Zusammenhang mit einer Bandensache. Ich habe nur leider noch nicht herausgefunden, wie sich alles ineinanderfügt.“ Er kostete seine Informationen, die er ihr nur häppchenweise zuwarf wie einem räudigen Köter die Abfälle von Knochen, in vollen Zügen.
Hope blähte die Nasenflügel und atmete tief ein. Am liebsten hätte sie sich die Ohrläppchen gerieben und ein beruhigendes Wuuuzaaa gestöhnt. Doch diese Blöße würde sie sich nun wirklich nicht in seiner Gegenwart geben. „Nach Ihren Ausführungen zu urteilen, scheint es mir, als könnten Sie diesen Fall ganz alleine lösen.“
Christian Taylor schwieg, beobachtete sie jedoch aufmerksam. War ja zu erwarten. Hope schürzte die Lippen, blinzelte ein paarmal und fragte schließlich: „Und wie kommen Sie zu all diesen Informationen?“
Die braunen Augen des Angesprochenen sprühten regelrecht Funken, so groß schien die Freude, die es ihm bereitete, trotz seiner untergeordneten Position den Stärkeren zu spielen. „Tja, ich fürchte, diese Frage werde ich Ihnen wohl erst bei der Besprechung beantworten können, denn die beginnt in wenigen Sekunden. Und wir wollen doch dafür nicht zu spät kommen, wo Sie mich gerade über die Dringlichkeit von pünktlichem Erscheinen aufgeklärt haben. Nicht wahr, Boss?“
Dienstag, 10. November, 09.31 Uhr
Ein Boxsack kam als dritten Punkt auf die Liste der zu erledigenden Dinge und Hope beschloss, sie in der nächsten freien Minute zu Papier zu bringen. Denn in der Geschwindigkeit, in der sich die einzelnen Positionen häuften, würde sie bis zum Ende der Woche einen ganzen Notizblock vollgeschrieben haben.
Es waren sämtliche Teammitglieder versammelt und auch wenn sie – abgesehen von einer Ausnahme – ihr alle wohlgesonnen waren, hätte Hope sonst etwas darum gegeben, dass Conrad Harper heute das Wort führte. Doch er würde nicht mehr zurückkehren und die bevorstehende Testamentseröffnung machte die Sache nicht besser. Vielleicht sollte ich meine Waffe dorthin mitnehmen. Nur für alle Fälle. Mrs. Harper schien zu allem bereit, wenn es darum ging, ihr vermeintliches Erbe zu verteidigen.
Hope räusperte sich, um sich ganz und gar auf ihren aktuellen Fall zu konzentrieren und dabei alle Nebenkriegsschauplätze aus ihren Gedanken zu vertreiben. Wenigstens vorläufig.
„Guten Morgen und danke, dass ihr alle so pünktlich hier seid“, begann Hope mit eröffnenden Worten. „Grace, Marc und Luke, ich gehe davon aus, dass ihr bereits im Bilde seid, was unseren neuen Fall angeht?“
Die Angesprochenen nickten unisono. „Adrian hat uns aufgeklärt“, erläuterte Marc. „Ich bin direkt vor der Arbeit noch zu Lynne gefahren und habe mich nach dem aktuellen Kenntnisstand von Seiten der Gerichtsmedizin erkundigt.“
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