Ellen zuckte die Achseln. „Das weiß ich nicht“, gab sie offen zu. „Vielleicht würde ich das Handtuch werfen, um den Chief in seiner Überzeugung, dass Frauen in Verantwortungspositionen nichts verloren haben, zu bestärken. Und der Witwe damit die Genugtuung geben, dass sie mit ihrer Hinterhältigkeit Erfolg hatte. Und Detective Taylor die Möglichkeit bieten, zum Captain deiner Einheit aufzusteigen.“
„Ich hasse es, wenn du so gehässig bist“, murrte Hope, mehr darüber verärgert, dass ihre Mutter Recht hatte als über ihren vor Sarkasmus triefenden Satz. „Taylor wird niemals mein Team leiten. Vorher muss ihm zuerst einmal jemand Manieren beibringen und ihn von seinem hohen Ross holen.“
„Du magst ihn!“, rief Ellen aus und strahlte dabei übers ganze Gesicht.
Hope erstarrte. „Wie bitte? Nein!“, wies sie diese Idee weit von sich. „Niemals. Um Himmels Willen, Mum!“
Ellen lachte und Hope warf in gespielter Beleidigung ein Kissen nach ihr. „Aber er sieht doch bestimmt gut aus, nicht wahr?“, sagte sie neckisch.
„Mum, hör auf damit!“
„Ein kleines, heimliches Techtelmechtel mit einem Kollegen würde dir sicher guttun.“
Hope rollte mit den Augen. „Und mich wahrscheinlich schneller auf den obersten Platz auf Rices Abschussliste katapultieren, als ich Techtelmechtel aussprechen kann. Überhaupt – wer verwendet diesen archaischen Ausdruck heutzutage noch? Sowas kann nur von dir kommen!“
Ellen winkte ab. „Ich übe schon einmal Großmuttersprache“, zwinkerte sie. „Außerdem stehst du bereits auf dem obersten Platz dieser Liste. Egal was du tust oder wie absolut korrekt du dich verhältst, ein Fehler wird dir früher oder später unterlaufen, denn kein Mensch ist perfekt“, prophezeite sie. „Und dann schnappt die Falle zu und das einzige, was dich retten kann, wird die Unterstützung und Loyalität deiner Kollegen sein. Das Vertrauen deines Teams und zwar von jedem einzelnen. Also auch von Detective Taylor. Aber meine Tochter ist schlau, ich bin sicher, ihr wird eine Möglichkeit einfallen, auch seine Sympathie zu gewinnen. Was ist, wollen wir noch eine Folge Desperate Housewives gucken?“, schwenkte sie unvermittelt zu einem vollkommen anderen Thema.
„Diesen alten Kitsch?“, seufzte Hope. „Na los. Wirf die DVD schon ein. Kann ich danach wenigstens hier schlafen?“
Dienstag, 10. November, 03.10 Uhr
Aus einer Folge waren im Nu sieben geworden und als Hope sich in ihr altes Jugendbett fallen ließ, beschloss sie, am nächsten Morgen später arbeiten zu gehen. Ihre Pläne wurden jedoch jäh zerstört, als um kurz nach drei in der Früh ein aufgeregter, junger Polizist aus der Einsatzverteilerzentrale auf ihrem Handy anklingelte und der noch im Halbschlaf gefangenen Hope erklärte, dass man eine Leiche gefunden hatte, bei der es sich offenbar um Mord handelte.
Während Hope, das Mobiltelefon mit der einen Hand fest ans Ohr gedrückt, den näheren Einzelheiten lauschte, schlüpfte sie mit Unterstützung der anderen Hand ungeschickt in ihre Jeans und in das Shirt vom Vortag. Auf Grund des weiten Anfahrtswegs würde sie nicht einmal mehr duschen können…
Na toll, ich rieche wie ein Otter…
Die Zeit, die die Kaffeemaschine zum Brühen benötigte, nutzte Hope dafür, ihrer Mum ein paar Zeilen bezüglich ihres überhasteten Aufbruchs nieder zu kritzeln, dann füllte sie die dampfende, schwarze Brühe in eine Isolierkanne, streifte hastig die Jacke über und rannte zu ihrem Wagen. Um diese frühe Uhrzeit sollten wenigstens die Straßen frei sein. Dennoch montierte Hope vorsichtshalber das mobile Blaulicht auf dem Dach und fuhr mit laut quietschenden Reifen an.
Wie dankbar war sie dem Erfinder der Spracherkennungssoftware, mit deren Hilfe ihr Handy auf Zuruf die Nummer von Adrian wählte, der nach kurzem Freizeichen müde abhob. „Wir haben einen ersten Fall“, setzte sie ihn in Kenntnis. „Und laut Navi benötige ich noch fünfzig Minuten zum Tatort.“
„Scheiße, wo bist du denn?“, fragte Adrian und aus dem Rascheln im Hintergrund schloss Hope, dass er dieselbe Anziehprozedur durchlief, wie sie kurz zuvor.
„Ich war bei meiner Mum. Egal“, versuchte Hope die Sache abzutun und sich damit weitere, unnötige Erklärungen zu ersparen. „Eine weibliche Leiche auf dem Parkplatz des Kroger Food Stores in der Benton Road in Bossier City. Kannst du mit Grace früher dort sein als ich? Ich schicke auch noch Taylor los.“
„Ich versuche es. Bis dann.“
Zum Glück gestalteten sich solche Telefonate immer kurz, weil nur die wesentlichen Punkte geklärt wurden; danach musste jeder Ermittler sich auf seine ganz persönliche Art und Weise auf den Anblick eines weiteren, durch Gewalteinwirkung ausgelöschten Lebens einzustellen.
Hope drehte das Radio auf, um einem Sekundenschlaf vorzubeugen, und trällerte lauthals mit. Das blinkende Sirenenlicht gab ihr die Berechtigung, sämtliche Tempobeschränkungen zu ignorieren.
Im Fünfminutentakt klingelte sie bei Detective Christian Taylor durch, doch stets meldete sich nur die Mailbox. Es war Taylors erste Woche und schon jetzt fiel er durch seine Unzuverlässigkeit negativ auf. Die Musterakten mussten gefälscht sein! Hope notierte sich im Kopf, dass sie sich bei nächster Gelegenheit einmal direkt mit den Kollegen in Milwaukee in Verbindung setzen wollte, um etwas mehr über den neuen Ermittler in ihrem Team in Erfahrung zu bringen. Aus erster Hand sozusagen.
Dienstag, 10. November, 04.00 Uhr
Hope passierte gerade das Willkommensschild von Shreveport, als ein brummelnder Taylor endlich ranging.
„Guten Morgen, Herr Kollege. Schön, Sie zu erreichen.“ Sie konnte sich den bissigen Kommentar nicht verkneifen. „Haben Sie schon einmal etwas davon gehört, dass Sie auch erreichbar sein müssen, wenn Sie Dienst haben?“
Einen etwas zu langen Augenblick blieb es still in der Leitung und Hope konnte sich lebhaft vorstellen, wie Taylor wütend mit den Zähnen knirschte. „Rufen Sie deshalb mitten in der Nacht an, um mich über meine dienstlichen Pflichten zu informieren?“, fragte er schließlich nicht weniger bissig zurück. „Das hätte auch bis morgen früh warten können.“
„Nein“, schnitt Hope ihm das Wort ab. „Ich rufe an, weil wir zu einem neuen Fall gerufen werden. Eine weibliche Leiche in der Benton Road. Wie schnell können Sie dort sein?“
Taylor räusperte sich und den Hintergrundgeräuschen nach zu urteilen, versuchte er gerade seine Gürtelschnalle zu schließen. „Wird mir das Navi gleich verraten“, gab er kurz zurück und drückte ihren Anruf weg.
Ungläubig schüttelte Hope den Kopf, murmelte ein paar Schimpfworte auf ihren neuen Kollegen und trat mit Nachdruck auf das Gaspedal. Erst als sie in die Benton Road einbog, drosselte sie ihre Geschwindigkeit und lenkte ihren Wagen in die nächstbeste Parklücke.
Wie sie erwartet hatte, war Adrian bereits am Tatort, als sie dort eintraf. Zwei Streifenpolizisten hatten die Stelle um die Leiche mehr schlecht als recht mit gelbem Polizeiband abgesperrt und waren jetzt damit beschäftigt, betrunkene und bekiffte Discoheimgänger davon abzuhalten, eventuell vorhandene Spuren zu verwischen.
Detective Taylor war nicht zu sehen.
Hope schürzte die Lippen, drängte zwei Jugendliche etwas grob zur Seite, während diese ihr unverständliche Laute entgegenblafften. Offensichtlich wussten sie nicht, dass sie sie allein wegen ihres alkoholgeschwängerten Atems in die Ausnüchterungszelle hätte sperren können.
„Hope!“ Adrian winkte ihr mit behandschuhten Fingern zu. „Sie ist tot.“
Hope kroch unter dem viel zu hoch gespannten Band hindurch und nahm die Handschuhe entgegen, die Adrian ihr reichte.
„Kein Puls, kein Herzschlag, keine Atembewegungen… Ihr Körper ist schon relativ kalt.“ Adrian gab die Fakten wieder, während sein Atem leichte Wölkchen in der Luft formte.
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