1 ...8 9 10 12 13 14 ...18 Jetzt hatte er den unliebsamen Gedanken doch weiterverfolgt. „Ach, scheiß drauf!“, schimpfte er laut und lenkte seinen Wagen mit quietschenden Reifen aus der Parklücke.
Bambi-Grace war noch jung und unvergeben. Eigentlich hätte Detective Cromworth ihr den Jungspund Dorian als Partner zuweisen sollen. Die beiden hätten sicherlich nicht nur auf geschäftlicher Ebene prima harmoniert… Dann hätte er vielleicht das Glück gehabt, mit Glover zusammenarbeiten zu können.
Stattdessen würde die Chefin persönlich sich seiner annehmen.
Cromworth war eigentlich viel zu hübsch für diesen verhärmenden Job. Aber er war nicht hierhergekommen, um denselben Fehler noch einmal zu begehen. Er hatte sich geschworen auf Abstand zu gutaussehenden Frauen zu gehen, um nicht wieder derart leiden zu müssen wie in Milwaukee. Noch einmal könnte er das nicht ertragen.
Chief Solomon Rice war, nach seiner ersten Einschätzung, ein absolutes Arschloch und Chris konnte dankbar dafür sein, dass er in seiner Position als einfacher Ermittler – wahrscheinlich abgesehen vom Zusammensitzen beim feierlichen Bankett zu Thanksgiving – nicht viel mit ihm zu tun haben würde.
Der Technikfreak… Chris grübelte, bis er auf den Namen kam. Samuel Hollister. Einen wie ihn gab es wohl auch in jeder Polizeiwache. Die übrigen Personen, mit denen Williams ihn bekannt gemacht hatte, würde er nicht mehr auf die Reihe bekommen. Das brauchte Zeit.
Wie so Vieles Zeit brauchte.
Viel Zeit.
Montag, 09. November, 16.45 Uhr
Abgesehen von Adrian war das Großraumbüro leer, als Hope es betrat, um sich endgültig von ihrem alten, liebgewonnenen Schreibtisch zu verabschieden. Die übrigen hatten sich einen frühen Feierabend erlaubt, was ihnen nach den Strapazen der letzten Wochen absolut zustand. Die nächste Ermittlung würde nicht lange auf sich warten lassen und dann hieß es wieder Überstunden klopfen und Nachtschichten ackern.
„Was hältst du von den beiden Neuen?“, fragte Adrian mit ehrlicher Direktheit.
Hope hob die Schultern und ließ sich auf einem Stuhl neben ihm nieder. „Ich bin mir nicht sicher, ob sie in unser Team passen“, seufzte sie.
Adrian nickte verständnisvoll. „Keiner ist Conrad“, brachte er die Sache auf den Punkt.
Hope stützte die Ellbogen auf seinem Tisch ab und vergrub müde das Gesicht in den Händen. „Keiner ist Conrad“, wiederholte sie durch ihre eigenen Hände gedämpft. Dann rieb sie sich über die Augen und drückte den Rücken gerade. „Luke ist in Ordnung, aber es beruhigt mich, dass Marc ihn unter seine Fittiche nimmt. Ich glaube, dass seine Unerfahrenheit ihm im Ernstfall zum Verhängnis werden könnte, wenn er nicht einen guten Lehrer an seiner Seite hat. Aber ich denke, er wird es zum Detective schaffen.“
„Ja, das trifft meine eigene Einschätzung. Wir haben alle einmal klein und unerfahren angefangen und wir haben alle einen Mentor, zu dem wir aufblicken.“
Ich habe meinen Mentor verloren… „Deshalb hat er ja auch meine volle Unterstützung. Und Taylor ist ein seltsamer Kauz.“
Adrian lachte. „Das haben die Leute aus dem Norden doch so an sich.“
„Ich dachte, das zählt nur für Boston“, scherzte Hope. „Nein, im Ernst. Ich kann ihn nicht einschätzen und das macht mich unsicher ihm gegenüber.“
„Ich weiß, was du meinst. Er wirkt ein wenig undurchsichtig und grimmig. Aber wir wissen nicht, was der Job aus ihm gemacht hat. Uns haben die Ereignisse in diesem Jahr auch verändert. Jeden von uns.“
„Das stimmt“, überlegte Hope. „Vielleicht mache ich mir auch einfach zu viele Gedanken.“
„Definitiv“, stimmte Adrian ihr zu. „Ich mache jetzt Feierabend. Vielleicht solltest du das auch tun.“
„Mache ich“, sagte Hope. Sie wollte nur noch die Einstellungen an ihrem Computer überprüfen, den Samuel ihr im Laufe des Tages in ihrem neuen Büro installiert hatte. „Wir sehen uns dann morgen.“
Hope fuhr den PC hoch und versuchte, sich dabei bequem im Sessel zu positionieren. Wie immer, wenn sie nur kurz etwas nachsehen wollte, gestaltete sich diese Kürze zu einer ausgedehnten Computersitzung. Als mit Wucht die Tür aufgerissen wurde, war Hope vollkommen verdattert.
Heute in schwarzem Ledermantel mit großen, goldenen Stickereien auf Rücken, Armen und am Saum gekleidet, stürmte Mrs. Harper ins Büro. Mit zornesgerötetem Gesicht kam sie gerade noch rechtzeitig vor Hopes Schreibtisch zum Stehen.
Hope blieb nicht einmal die Zeit, den Mund zu öffnen, da prasselte eine wüste Schimpftirade wie eisige Hagelkörner auf sie herab.
„Wie können Sie es wagen, die persönlichen Habseligkeiten meines Mannes, die jetzt mein Eigentum sind, ohne mein Einverständnis lieblos in Kartons zu werfen? Das ist ja wohl die Höhe! Was bilden Sie sich eigentlich ein, wer Sie sind? Als er noch lebte, da haben Sie ihn ausgenutzt und er war so dämlich, auf Sie hereinzufallen, Sie elendes Flittchen!“
Hope platzte beinahe vor Wut. „Ich glaube, es war eher dämlich von ihm, dass er auf Sie hereingefallen ist!“
„Wie bitte?“, schrie Mrs. Harper mit überschlagender Stimme und schnappte stoßweise nach Luft, so dass ihre aufgespritzten Lippen wie das vorstehende Maul eines Fisches auf dem Trockenen wirkten. Wie sie sich aufführte, hatte sie nichts mehr mit der Königin der Nacht gemein. Diese wahrte wenigstens ihre Würde. „Das ist ja wohl die Höhe. Ich werde mich bei Ihrem Vorgesetzten beschweren, darauf können Sie sich verlassen! Solch eine Dreistigkeit muss sich eine arme Witwe wohl kaum gefallen lassen!“
Mit wehendem Mantel fuhr sie herum und raste wie eine Furie aus dem Zimmer.
Noch ehe Hope das Ausmaß dessen, was eine Beschwerde dieser unverfrorenen Dame bei Chief Rice ausrichten konnte, abschätzen konnte, war Mrs. Harper auch schon wieder zurück. In Begleitung des Chiefs höchstpersönlich. Für gewöhnlich dauerte es Tage, bis Solomon Rice einen Termin freihatte, doch offenbar war es ihm eine besondere Herzensangelegenheit, Hope so schnell wie möglich aus ihrem Amt zu entheben.
„Hier sehen Sie, Chief“, sprudelte Mrs. Harper, die jetzt eine mitleidssuchende Miene aufgelegt hatte. „Alles weg. Eigenmächtig hat Ihre Detective die wertvollen Erinnerungen an meinen Mann ohne Rücksicht auf mögliche Schäden, die zerbrechliche Dinge nehmen könnten, in Kisten gesteckt. Und als ich sie höflich darauf hingewiesen habe, dass dies ein unangebrachtes Verhalten sei, war diese unverschämte Person sogar noch in der Lage, mich zutiefst zu beleidigen.“
Hope traute ihren Ohren nicht. Ungläubig schüttelte sie den Kopf und erklärte zu ihrer Verteidigung: „Der höfliche Ausdruck, den Mrs. Harper mir gegenüber gebraucht hat, war Flittchen .“
„Was unterstellen Sie mir?“, rief Mrs. Harper konsterniert. „Wertester Chief, nun legt sie mir sogar noch Worte in den Mund, die niemals über meine Lippen kommen würden.“
„Genug“, sagte Rice bestimmt. „Sehen Sie, Miss Cromworth, das genau ist der Grund, warum ich Frauen in Führungspositionen nicht ausstehen kann. Ständig gibt es nur Probleme. Ich hatte Ihnen ja bereits eine Bewährungsfrist angekündigt. Sie sind gerade auf dem besten Weg, dieses Büro schneller zu räumen als Sie es bezogen haben. Das ist meine erste und letzte Verwarnung. Ich werde diesen Zwischenfall in Ihrer Akte vermerken.“
Dass der Chief sie vor den Augen und Ohren dieser widerwärtigen Person zurechtwies und herabwürdigte, übertraf wirklich alles. Hope war den Tränen nahe. Der Zorn über diese Ungerechtigkeit eines offensichtlich abgekarteten Spiels war einfach zu groß. Ich will hier weg. Weit weg. Ihr könnt mich alle mal!
„Mrs. Harper, selbstverständlich wird Cromworth für die Kosten dessen aufkommen, was in ihrem eigenmächtigen Handeln an Ihrem Eigentum zu Schaden gekommen ist.“ Die Worte zogen an Hope vorbei, ohne dass sie sie noch wirklich zur Kenntnis nahm. „Ich weiß, dass das den ideellen Wert des Vermächtnisses Ihres Mannes niemals aufwiegen kann, aber betrachten Sie es als kleine Entschädigung von unserer Seite. Sollte es in Zukunft noch einmal zu neuen Vorfällen dieser oder ähnlicher Art kommen, dann zögern Sie nicht, mein Büro aufzusuchen. Ich wünsche einen schönen Abend.“
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