Freitag, 06. November, 13.30 Uhr
Es gab noch so vieles zu erledigen und die Zeit raste. Chris hatte zwar bereits den kürzesten Weg zum Supermarkt und eine preisgünstige Tankstelle mit Imbiss in der Nähe gefunden. Es gab zwei Spielplätze, die für Kinder in Elises Alter geeignet waren; bei keinem von ihnen würde er sie jedoch unbeaufsichtigt spielen lassen. Ein Frisör bot seine Dienste direkt in der Finn Street und nur drei Häuser entfernt an, so dass er sich am Morgen noch einen neuen Haarschnitt gegönnt hatte, bevor er nach dem Wochenende seinen neuen Job begann. Die Wartezeiten auf den Ämtern hatten ihm täglich einen Strich durch die straffe Planung gemacht, doch mit dem Ende der Woche waren Elise, er und sogar das Auto erfolgreich umgemeldet. Christian Taylor und seine Tochter waren nun offizielle Bürger der Stadt Shreveport.
Der wichtigste Punkt, der für dieses Wochenende noch anstand, lautete: einen Taco-Bell finden, denn Elise liebte die mexikanischen Köstlichkeiten, die diese Fastfoodkette anbot.
Als Chris sein glückliches, blondes Mädchen nach Kindergartenende abholte, kam ihm in den Sinn, dass sie ihm einiges voraus hatte. Sein anstehender Neubeginn beim Shreveport Police Department lag ihm schwer im Magen. Während Elise diese Hürde mit Leichtigkeit genommen hatte, bereitete Chris allein der Gedanke an neue Kollegen, neue Fälle, neue Vorgesetzte Bauchschmerzen. Ein neuer Partner…
Es war nicht einfach, jemanden zu finden, bei dem die Chemie stimmte, das Ganze harmonierte, so dass man über Jahre hinweg den Großteil des Tages mit ihm verbringen konnte. In Milwaukee hatte Chris damals großes Glück gehabt. Auf eine solch glückliche Wiederholung konnte er wohl nicht hoffen.
„Wir haben heute gebacken, Daddy“, erzählte Elise in kindlicher Aufregung. „Einen Regenbogenkuchen. Der hatte alle Farben. Rot, gelb, lila, blau, grün… Sogar orange!“
Chris grinste. Lebensmittelfarbe… aber wenn es die Kleinen nun einmal glücklich machte. Skittles waren auch nicht gesünder und diese Bonbons aß er für sein Leben gern.
„Habt ihr dafür extra einen Regenbogen vom Himmel geholt?“, fragte Chris in vorbildhafter Vatermanier.
„Ne-in!“, sagte Elise und schlug sich die Hand an die Stirn. „Ach Daddy. Du weißt ja gar nichts.“
Er lachte. „Dann wirst du es mir wohl erklären müsse. Aber zuerst musst du mir verraten, ob der Kuchen dich so satt gemacht hat, dass du heute keine Lust mehr auf Taco-Bell hast.“ Vorsorglich hatte er den Gilbert Drive bereits ins Navigationssystem seines Wagens eingespeichert. „Und ein paar neue Klamotten müssen wir dir auch noch besorgen. Was hältst du von einem lustigen Vater-Tochter-Tag?“
Elises Augen strahlten noch heller als zuvor. „Juhu! Taco-Bell!“, jubelte sie.
Freitag, 06. November, 17.55 Uhr
Eine Woche voll Höhen und Tiefen lag hinter ihr und als Hope sich auf ihr weiches, weißes Kuschelsofa fallen ließ, fühlte sie sich erschöpfter als nach einer Woche voller Nachtschichten. Sie schloss die Augen und lauschte der Stille.
Wenn man davon absah, dass der pubertierende Marvin aus der Nachbarwohnung seine Stereoanlage wieder einmal auf Schwerhörigkeitsmodus eingestellt hatte, war es in dem großen Mehrfamilienhaus tatsächlich ruhig. Noch zu früh für lautes Fernsehprogramm, aber bereits zu spät zum Bohren oder Staubsaugen.
Noch zwei Tage zum Vorbereiten auf den großen Tag am Montag. Es war die erste, richtige Prüfung, die Hope zu bestehen hatte: die Einführung zweier neuer Kollegen. Und sie war die Chefin, der Boss, der Captain ohne Titel. Ihr Team wusste ihre Leistungen zu schätzen, doch bei den beiden Neuen würde sie sich ihren Status erst verdienen müssen. Dabei bereitete ihr der Frischling weniger Kopfzerbrechen als der gestandene Cop mit der frisierten Akte. Er war älter als sie und ganz sicher würde er sie nicht einfach so als Vorgesetzte akzeptieren, wie sie das von einem jüngeren Kollegen erwartete. Hoffentlich ist er wenigstens nicht so ein chauvinistisches Arschloch wie Rice…
Das erste, lautere Geräusch, das an ihr Ohr drang, war das Knurren ihres eigenen, hungrigen Magens. Hope überlegte, dass sie viel zu müde und viel zu faul dafür war, sich selbst an den Herd zu stellen. Ein Anruf beim China-Restaurant würde zu einem leckereren Abendessen führen als eine Stunde ihrer eigenen mittelmäßigen Kochkünste. Darüber hinaus hatte sie auch kaum Vorräte im Kühlschrank. Ihre Mutter hätte die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen.
Hope setzte sich auf und blätterte durch die Post der vergangenen Tage, die sie allesamt unbesehen auf dem Wohnzimmertisch gesammelt hatte. Dabei war auch ein Faltblatt ihres Lieblingschinesen gewesen… Neben diverser Rechnungen, fiel ihr ein Brief in die Hände, der die Absenderadresse eines Notariats vorwies. Hope runzelte die Stirn und schließlich siegte ihre Neugier über den Hunger. Mit den Fingern riss sie ungeschickt den Umschlag auf, so dass die Briefmarke in Mitleidenschaft gezogen wurde, was jedem Philatelist das Herz gebrochen hätte.
Während sie die Zeilen überflog, wurde ihr flau im Magen. Was sie hier in Händen hielt, war eine Ladung zu einer Testamentseröffnung.
Montag, 09. November, 7.00 Uhr
Viel zu schnell war das Wochenende vorüber und auch wenn es Hope gelungen war, die nagenden Unsicherheiten zwei Tage lange auszublenden, so ließen sie sich jetzt nicht mehr aufhalten. Bereits um fünf Uhr war ihre Nacht vorübergewesen und auch zuvor hatte sie sich lediglich in einem unruhigen Halbschlaf befunden. Jetzt war es Punkt sieben Uhr und sie saß vor ihrem alten Schreibtisch, weil sie nicht den Mut aufbringen konnte, Conrads Büro für sich zu beanspruchen.
Die unterschiedlichsten Gedanken fuhren Achterbahn in ihrem Kopf und wenn sie so recht darüber nachgrübelte, konnte sie nicht einmal mit Sicherheit sagen, ob die Ampel an der großen Kreuzung auf ihrem Arbeitsweg vorhin grün gewesen war, als sie ohne zu bremsen darüber gerast war.
Wieso erwähnt Conrad mich in seinem Testament?
Wie werden die beiden neuen Kollegen sein?
Um Himmels Willen, der erste von ihnen kommt bereits in einer Stunde!
Hoffentlich lässt sich Mrs. Harper heute nicht wieder blicken, um Conrads Büro auszuräumen.
Auch auf ein weiteres Zusammentreffen mit Rice kann ich gut verzichten.
Was steht in diesem Testament, das mich betrifft?
„Ach Conrad. Wenn deine Frau das erfährt, wird sie toben wie eine Furie.“
„Guten Morgen, Hope!“
Hope fuhr herum und erkannte Adrian. „Hi“, sagte sie. „Du bist aber früh. Wir haben doch gar keinen akuten Fall.“
„Du bist noch früher“, konterte Adrian und legte Rucksack und Jacke ab. „Ich bin ja am Freitag so zeitig weg, da ist ein bisschen Arbeit liegengeblieben. Außerdem können wir nicht unbedingt auf eine weitere ruhige Woche warten.“
„Das stimmt“, nickte Hope. „Hat Sam ihre Präsentation bestanden?“
Adrian zuckte die Achseln. „Wer hätte daran gezweifelt?“, fragte er zurück. „Mit Bravur natürlich. Es wird höchste Zeit, dass ich sie heirate, bevor sie sich einen Klügeren als mich angelt.“ Er lachte, wie nur einer lachen kann, der sich der Liebe seiner Partnerin absolut sicher ist.
„Auf Hochzeiten gibt es immer leckeren Kuchen“, kommentierte Hope. Es wurde höchste Zeit, ins Büro zu gehen. Hier im Gruppenraum an ihrem alten Arbeitsplatz konnte sie unmöglich ein Kennenlerngespräch mit den neuen Kollegen führen. Außerdem musste sie ihren Schreibtisch für Detective Christian Taylor räumen. „Wenn du kurz Luft hast, könntest du vielleicht Samuel Bescheid sagen, dass er meinen Computer in Conrads Büro verkabelt? Allerdings erst wenn ich mit den Gesprächen durch bin.“
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