Hope vermutete, dass es bei diesen Temperaturen recht schnell ging, dass ein bewegungsloser Körper auskühlte. Doch dass die Frau am Boden tot war, war dennoch eine unabänderliche Tatsache.
„Offensichtliche Wunden, an denen sie gestorben sein könnte?“
Adrian hob die Schultern. „Ich hoffe, dass die Spurensicherung demnächst mit einer Flutlichtquelle hier eintrifft. Bei diesen ständig wechselnden Lichtverhältnissen aus den umstehenden Tanzcafés ist das schwer zu sagen. Ich kann kein Blut entdecken, doch ein Schwarzlichtcheck sollte uns da bessere Auskunft geben können.“
Hope nickte. Um den mit Rock und zugeknöpfter Bluse bekleideten Leichnam der jungen Frau waren keine Blutspuren zu erkennen. Sogar die Nylonstrümpfe wiesen, abgesehen von einer kleinen Laufmasche, keine Beschädigung auf und die Pumps saßen fest an den Füßen der Toten. Hope kam aus der Hocke hoch. „Auch auf den ersten Blick nichts, das für eine Vergewaltigung spricht.“ Das war zwar erst einmal ein positives Zeichen, doch es erschwerte das Finden des Tatmotivs. Hope ließ ihren Blick umherschweifen.
Dieser Teil von Bossier City war bekannt für seinen hohen Anteil an afroamerikanischen Mitbewohnern. Während diese ethnische Gruppe in der Stadt Shreveport etwa die Hälfte der Einwohner darstellte, schätzte Hope sie hier auf mindestens achtzig Prozent.
In der Benton Road war man in Feierlaune. Sieben Nächte die Woche wurde hier getanzt, getrunken, gefeiert und auf jede erdenkliche Weise dem Laster gefrönt. Spielhöllen reihten sich neben Diskotheken, Tanzbars und billigen Spelunken. Das Rotlichtmilieu hielt sich dezent im Hintergrund, war aber dennoch spürbar.
Hope schaute wieder auf die Tote hinab und überlegte, ob sie wohl ein Teil dieser sündhaften Gegend oder lediglich ihr Gast gewesen war. „Was schätzt du, wie alt sie war?“, fragte sie, in Gedanken noch immer jede Option erwägend.
Adrian holte tief Luft. „Schwer zu sagen“, meinte er. „Jedenfalls ist ihr Teint nicht so dunkel wie der der übrigen, die hier herumlungern.“
„Ja, das ist mir auch aufgefallen“, sagte Hope und kaute nachdenklich auf ihrer Unterlippe. „Lateinamerikanisch. Was hatte sie hier zu suchen?“
Adrian schüttelte den Kopf. „Mann, wenn Bishop nicht bald seinen Arsch hierher bewegt, breche ich ihm alle Knochen. Mir ist schweinekalt und das Herumstehen und Warten macht es nicht besser.“
Hope warf ebenfalls einen Blick auf seine Armbanduhr. „Und wenn Detective Taylor nicht bald seinen Arsch hierher bewegt, dann breche ich ihm alle Knochen.“
„Wie charmant.“
Hope und Adrian fuhren gleichermaßen erschrocken herum.
Der hochgewachsene Mann mit den schwarzen Haaren, auf denen er nicht einmal eine Mütze trug, senkte ehrerbietend den Kopf. „Detective Taylor, zu Ihren Diensten.“
Hope hätte ihm für diesen offen zur Schau getragenen Sarkasmus am liebsten tatsächlich alle Knochen gebrochen. Doch sie gab sich mit einem kurzen: „Wie erfreulich; und das mit einer nicht nennenswerten Verspätung von… zwei Stunden?“ zufrieden.
„Wahrscheinlich suchte sie Koks“, fuhr Taylor unbeirrt fort und beantwortete damit Hopes Frage an Adrians Stelle. „Wahlweise auch Heroin. Wird hier in der Gegend ganz groß angepriesen. Zu horrenden Preisen und das Zeug ist scheiße. Gestreckter Mischmasch aus allem, was nicht auf den ersten Blick zu erkennen ist. Aber die meisten Junkies geben sich damit zufrieden.“
Adrian pfiff durch die Zähne. „Holla! Da kennt sich wohl jemand aus.“
„Ich habe einige Zeit bei der Sitte gearbeitet. Also ja, ich kenne mich mit sowas aus.“
Hope machte sich eine Notiz im Kopf, dass sie dringend die Personalakten von Detective Christian Taylor noch einmal direkt bei den Kollegen in Milwaukee anfordern musste. Mit Nachdruck. Und zwar die unfrisierte Version. „Das sollte ja nicht so schwer nachzuprüfen sein. Einstichstellen werden sich finden lassen. Und war das Zeug dann so schlecht, dass es sie zu Tode gebracht hat?“
Mr. Superschlau schüttelte den Kopf. „Nein, gestorben ist sie, weil es sich hier um Bandenkriminalität handelt.“
„Ach“, sagte Hope und hob eine Augenbraue. „Und dafür sind Sie wohl auch spezialisiert? Weil Sie einige Zeit undercover gearbeitet haben und so etwas auf den ersten Blick erkennen?“
Detective Taylor grinste überheblich. „Exakt“, sagte er schließlich und zwinkerte ihr zu, als ob sie mit ihm ins Bett gestiegen wäre.
Der Gedanke erschreckte Hope zutiefst. Wie konnte sie überhaupt an eine Bettvorstellung im selben Atemzug mit diesem arroganten Taylor denken? Sie war völlig überarbeitet. Gott!
„Du hast Recht, Adrian. Wenn Bishop nicht bald hier aufkreuzt, dann bekomme ich Frostbeulen und Ohrenkrebs.“
„Ich geh mich umsehen“, beschloss Taylor und Hope verfluchte ihn noch mehr. Sie war der Boss, sie hatte das Kommando und sie hatte ihn keinesfalls mit Herumschnüffeln beauftragt. Für ihn schien es eine Selbstverständlichkeit zu sein, dass er kam, wann er wollte, und ermittelte, wie er es wollte. Und sich dazu noch respektlos seiner Vorgesetzten gegenüber verhielt.
„Sie können auch wieder nach Hause gehen“, sagte Hope steif. „Als große Hilfe erweisen Sie sich ohnehin nicht, wenn Sie unbegründete Vermutungen in den Raum stellen, für die es keine offensichtlichen Beweise gibt. Und morgen früh um neun Uhr möchte ich Sie in meinem Büro sprechen. Unter vier Augen. Ach, und Detective? Ich erwarte, dass Sie wenigstens da pünktlich erscheinen.“
Dienstag, 10. November, 05.15 Uhr
Chris biss die Zähne zusammen und zerfleischte seine neue Chefin in Gedanken. Gott, warum hasst du mich so sehr? Was habe ich nur getan, dass du mich immer wieder strafen willst? Er schüttelte den Gedanken ab. Er wusste, was er getan hatte und wofür er gestraft wurde. Wahrscheinlich lag darin eine Art von Gerechtigkeit.
Er lief ein paar ausladende Schritte auf die nächste Straßenseite, um Abstand von dieser hochnäsigen Cromworth zu gewinnen und hoffte, seine Wut bei ihr zurücklassen zu können. Eine Emanze aus dem Bilderbuch, die sich offenbar geschworen hatte, die Männerwelt unter sich zu begraben. Und an ihren freien Abenden, jobbt sie wahrscheinlich nebenbei als Domina. Chris‘ anfänglich heiteres Grinsen erstarb, als er sich der Tatsache bewusst wurde, dass er gerade einen Gedanken ausführte, in dem er Detective Hope Cromworth mit Sex in Verbindung brachte. Wie konnte er überhaupt an eine Bettvorstellung im selben Atemzug mit dieser arroganten Frau denken? Er war völlig übernächtigt. Gott!
Sich über sich selbst ärgernd, zwang er sein Gehirn zurück in die Realität und scannte die Namen der Lokale, die sich in dieser Straße aneinanderreihten. Einige davon kannte er sehr wohl aus eigener Erfahrung, denn auch er war einmal jung gewesen. Der Kroger Food Store hatte vierundzwanzig Stunden geöffnet, doch durch die Glasscheibe konnte er erkennen, dass der junge Angestellte am Handy zockte. Die Menschen, die sich um diese Uhrzeit hier herumtrieben, waren entweder zu alkoholisiert oder zu high, um einkaufen zu gehen. Wer etwas benötigte, der fand das Gesuchte meist im Gebäude, zu welchem ein Hintereingang neben dem scheinbar dicht bewachsenen Gebüsch auf der linken Seite des Einkaufsladens führte. Die Stimme der Vernunft sagte ihm ganz deutlich, dass er diesen Ort unter allen Umständen meiden musste. Auch wenn ich dort sicher ein paar wertvolle Informationen erhalten würde.
Chris schnalzte mit der Zunge und setzte sich wieder in Bewegung.
Die Tür zur PomPom-Bar war wie eh und je durch eine uralte Schnur mit einer halb verrosteten Glocke verbunden, die bei jedem Öffnen mit einem scheppernden, dumpfen und schrägen Ton neue Kundschaft ankündigte.
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