Nachdem er aus dem Zimmer und außer Hörweite verschwunden war, setzte Mrs. Harper ein triumphierendes Lächeln auf, bei dem sie die Eckzähne wie Reißwerkzeuge bleckte.
Hope schaltete den Computer aus, ohne ihn herunterzufahren. Sie verspürte nicht die geringste Lust, noch länger unbeobachtet und ohne Zeugen an ihrer Seite in einem Raum mit dieser falschen Schlange zu sein. In Windeseile packte sie ihre Aufschriebe zusammen und erhob sich. Mochte Mrs. Harper doch in Conrads ehemaligem Büro versauern! Jedenfalls würde sie sich nicht die Blöße geben, auch noch in ihrer Gegenwart in Tränen auszubrechen.
Sie wollte gerade an der Frau vorbeieilen, da packte Mrs. Harper sie mit festem Griff am Arm. Hope fuhr herum und blickte direkt in die kalten, grünen Augen. „Wagen Sie es ja nicht, zur Testamentseröffnung meines Mannes zu erscheinen, junge Lady. Das will ich Ihnen nur geraten haben.“
Mit einem energischen Ruck riss Hope sich los. Sie war nicht in der Lage, eine entsprechende Antwort zu formulieren, sie wollte nur noch möglichst schnell hier raus und möglichst viel Distanz zwischen sich und diese unangenehme Dame bringen. Mit eiligen Schritten hastete sie den Flur entlang, nahm zwei Treppen auf einmal und rannte die letzte Teilstrecke im Parkhaus zu ihrem Wagen. Während ihr die Tränen jetzt in Strömen über die Wangen liefen, beschloss Hope, dass sie heute Abend nicht nach Hause fahren würde und lenkte das Auto stattdessen auf den Highway 49 in Richtung Süden.
Montag, 09. November, 20.10 Uhr
Vor dem kleinen, hellgelben Haus in der Chester Street in Alexandria parkte Hope ihren Wagen mit den Reifen auf dem Bürgersteig. In diesem Viertel der etwa einhundertzwanzig Meilen südlich von Shreveport ebenfalls am Red River gelegenen Großstadt war die Welt noch in Ordnung. Die englischen Rasen in den von weiß gestrichenen Holzzäunen umgebenen Vorgärten strahlten in saftigem Grün, obwohl es diesen Winter für Louisiana untypisch kalte Temperaturen hatte.
Hopes Mutter liebte Himbeeren, deshalb wirkte der Vorgarten von Haus Nummer Zwanzig kahler als die übrigen in dieser Straße, in denen pompöse Winterblüher in ihrer bunten Pracht miteinander konkurrierten. Ellen Cromworth hatte die Himbeersträucher fachgerecht zurückgeschnitten, damit sie im kommenden Frühjahr wieder austreiben konnten, was ihrem Garten jedoch zum momentanen Zeitpunkt ein recht tristes und verlorenes Aussehen verlieh.
Ihre Mutter stand hinter der Spüle und schaute aus dem Fenster. Als sie Hope erblickte, legte sich ein Lächeln auf ihr Gesicht und sie winkte ihr aufgeregt zu, während von ihren Putzhandschuhen in grellem Neon-Pink munter der Spülschaum heruntertropfte. Dann verschwand der dunkle Haarschopf, um kurze Zeit später an der sich öffnenden Haustür wieder in Erscheinung zu treten.
Hope stellte den Schalthebel auf Parken, zog den Zündschlüssel ab und stieg aus.
„Hope!“, rief ihr die Mutter zu. „Was für eine Überraschung! Wieso hast du dich nicht angemeldet, dann hätte ich doch ein Abendessen vorbereitet! Oh…“ Sie hielt in ihrer Freude inne, als sie das verweinte Gesicht ihrer Tochter sah.
„Ich bin spontan hergefahren“, flüsterte Hope und fiel ihrer Mum um den Hals, ganz wie früher, als sie noch Mamas kleines Mädchen gewesen war. Ellen Cromworth war stets der sichere Hafen in ihrem Leben gewesen, eine enge Vertraute, ein Rückzugsort für alle Fälle, ein Auffangnetz, wenn sie ganz tief zu fallen drohte.
Ellen strich Hope sanft über den Kopf wie nur Mütter es tun und sagte: „Komm erst mal herein. Ich mache dir eine heiße Milch und Kekse habe ich auch da. Danach wird es dir gleich viel besser gehen.“
Denselben Effekt wie früher, als Kekse und Milch wirklich jede Kindersorge verscheuchen konnten, hatte das liebevoll zubereitete Frustessen zwar nicht, aber dennoch ging es Hope danach ein wenig besser.
Sie saß auf ihrem breiten Lieblingssessel, wohlig eingemummelt in eine kuschelweiche Decke, den mittlerweile dritten warmen Becher mit dampfender Milch in der Hand. Auf dem Wohnzimmertisch brannte ein Stövchen, auf dem Ellen gerade eine heiße Kanne Tee postierte, während sie in der linken Hand zwei Thermo-Teetassen jonglierte. Dann nahm sie auf der kleinen Couch Platz, die im rechten Winkel zu Hopes Sessel aufgestellt war, und lächelte ihrer Tochter aufmunternd zu. „Ist es wegen Conrad?“, fragte sie. „Es hat mich tief getroffen, als ich deine Email über seinen Tod gelesen habe.“
„Ich habe eine Ladung zur Testamentseröffnung bekommen.“
„Oh.“
Hope nippte an der noch immer heißen Milch. „Conrads Frau war heute im Präsidium. Sie hat mich Flittchen genannt.“
Ellen legte die Stirn in Falten und wartete auf einen ausführlicheren Bericht und so sprach sich Hope alle Sorgen von der Seele. Sie erzählte vom Zusammentreffen mit Eleanor Harper, von der Feindseligkeit ihres Chiefs und der Arroganz des neuen Kollegen. Ihre Mutter hörte aufmerksam zu, ohne sie zu unterbrechen, trank schweigend ihren Tee und nickte hin und wieder, um Hope zu signalisieren, dass sie ihr noch folgen konnte.
Als Hope schließlich am Ende ihrer Berichterstattung angelangt war, neigte Ellen den Kopf und blickte ihre Tochter noch eine Weile nachdenklich an. „Woher kommen nur diese tiefen Selbstzweifel?“, fragte sie irgendwann ganz unvermittelt. „Du bist eine starke Frau. Du wirst dich doch nicht von einer Hure im Pelzmantel und einem Arschloch in Uniform kleinkriegen lassen!“
Klare Worte waren typisch für ihre Mum. Das Leben hatte sie geprägt. Nachdem sie mit siebzehn unverheiratet schwanger geworden war, hatten ihre streng katholischen Eltern sie aus dem Haus geworfen. In der Überzeugung, in Hopes Vater den Mann ihres Lebens gefunden zu haben, war sie nach Alexandria gekommen und bei ihm eingezogen. Doch noch ehe Hope das Licht der Welt erblickte, hatte der feige Kerl sich bereits aus dem Staub gemacht und lag bei einer anderen im Bett.
Ellen Cromworth hatte alles alleine geschafft. Arbeit, Kindererziehung, Haushalt… Es hatte Hope nie an etwas gemangelt. Ellen hatte Zeit und Geduld für sie, war liebevolle Mutter und verständnisvoller Vater zugleich, eine gute Zuhörerin und sie hatte ihrer Tochter stets alles ermöglicht, was diese sich in ihren Kopf gesetzt hatte. Hope wusste, was sie ihrer Mutter verdankte.
„Ich bin nicht so stark wie du.“, warf sie ein.
„Aber Conrad war der festen Überzeugung, dass du es bist“, hielt ihre Mum dagegen. „Sonst hätte er dich nicht für seine Nachfolge bestimmt.“
Hope verzog das Gesicht, denn gegen diese logische Argumentation gab es nichts einzuwenden. Der Captain hatte an sie geglaubt und sie gefördert. Bis zum letzten Atemzug, als er sie im Haus der Familie Thomas, in dem sich eine unglaubliche Tragödie zugetragen hatte, am Boden liegend und wohlwissend, dass er sterben würde, ermahnt hatte, sich nicht unterkriegen zu lassen. „Du bist für mich die Tochter, die ich nie hatte“, waren seine Worte gewesen. „Du bist stark und klug. Lass dir von niemandem jemals etwas anderes einreden. Versprich es mir!“
„Wenn Chief Rice mich raushaben will, dann wird er das auch schaffen“, sagte Hope missmutig. „Er ist derjenige mit Macht und Einfluss und die gewinnen immer.“
„Wenn du jetzt alles hinwirfst und davonrennst, dann hat er bereits gewonnen“, schlussfolgerte Ellen. „Und es wird irgendwo irgendwann wieder eine neue Hope geben, die derselben Ansicht sein wird und hinwirft. Außer du beweist heute hier und jetzt das Gegenteil. Nämlich dass es doch möglich ist, den Mächtigen die Macht zu nehmen, den Einflussreichen den Einfluss und den Rechthabern ihre vermeintlichen Rechte.“
Hope seufzte. Das klang alles so einfach. Dabei war es alles andere als das. Und sie war diejenige, die da durch musste. Das konnte ihre Mutter ihr nicht abnehmen. „Was würdest du an meiner Stelle tun?“
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