»Einen Moment, bitte.«
Die Frau nahm den Ausweis an sich und trat einige Schritte vom Schalter zurück. Hannes sah, wie sie sich, halb verdeckt von der fast deckenhohen Zimmerpflanze, die dem Schalterraum etwas von seiner nüchternen Atmosphäre nehmen sollte, mit einem jungen Mann beriet. Ab und zu beugte sie sich zurück und lächelte Hannes zu, bat ihn so um Verständnis für die Verzögerung.
Als sie in Begleitung des Kollegen auf den Schalter zutrat, drehte sich Hannes abrupt um und verließ schnellen Schrittes die Schalterhalle, hastete durch den Vorraum, in dem der Automat die Kreditkarte erwartungsgemäß nicht mehr hergegeben hatte, und trat nach einem letzten Blick in die Überwachungskamera über dem Automaten durch die Schiebetür gegenüber dem Dachauer Bahnhof ins Freie.
Bevor die Bankangestellten auf der Straße waren und sich suchend umblickten, war Hannes in den Eingang des benachbarten Haushaltswarengeschäftes geschlüpft. Den Laden hatte er für das Ablegen seiner Verkleidung ausgesucht, weil die Tür zum Geschäft weiter innen lag und die Schaufenster davor ihn gegen die Straße abschirmten. Er nahm die Schildmütze ab, zog seine Jacke aus und stopfte beides in die Sporttasche, die er sich wieder über die Schulter warf. Aus der Vortasche des Sportbeutels zog er nun einen Einmalrasierer und schabte sich den Dreitagebart aus dem Gesicht. Mit seinem Taschentuch wischte er anschließend die nachgemalten dunklen Augenbrauen wieder auf ihre natürliche helle Farbe und rieb sich mit Spucke die schwarze Filzstiftzeichnung vom Handrücken. Dann zog er die Handschuhe an und war wieder er selbst. Wenige Minuten später nahm er Aufstellung neben dem Eingang zur Bank, hielt sich außerhalb des Überwachungsbereichs der Kamera.
Wie jeden Freitag um viertel nach elf war Tobias Hachenberger auch diese Woche pünktlich. Hannes stieß sich von der Hauswand ab und provozierte eine kleine Rempelei. Tobias pöbelte zwar, aber diesmal machte sich Hannes nichts daraus. Vielmehr nutzte er die Ablenkung, um ihm die Geldbörse des Mordopfers in die Sporttasche gleiten zu lassen. Er schmunzelte, schließlich hatte der sie nach dem Mord bestimmt nicht absichtlich auf den Boden fallen lassen, nun hatte er sie wieder. Er murmelte eine Entschuldigung und lehnte sich wieder an die Wand, als der Mörder sich in die kurze Schlange am Geldautomaten einreihte.
Der unauffällige Opel fuhr mit zwei Rädern auf den Bürgersteig und hielt direkt vor der Bankfiliale. Zwei Männer sprangen auf der Beifahrerseite heraus, der Fahrer stellte den Motor ab, stieg aus und schickte sich an, ihnen nachzugehen. In diesem Moment sah Hannes die Bankangestellte ihnen aus der Tür entgegeneilen.
»Er ist wieder da. Wie jeden Freitag um die Zeit. Er ist jetzt am Geldautomaten.«
Alle vier betraten den Vorraum zur Schalterhalle. Ihre Bewegungen in dem kleinen Raum hielten den Bewegungssensor beschäftigt, sodass die Schiebetür offen blieb und sich Hannes ein kleines Hörspiel bot, das ein Unbeteiligter kaum verstanden hätte.
»Herr Hachenberger?«
»Ja, was ist?«
»Kriminalpolizei. Sie sind vorläufig festgenommen wegen des Verdachts, Herrn Heinrich Wagner ermordet zu haben. Folgen Sie uns bitte zum Wagen!«
»Wagner? Kenn´ ich gar nicht!«
»Sie haben doch seinen Ausweis und seine Kreditkarte gehabt. Vorhin« – Hannes erkannte die Stimme der Angestellten – »haben Sie das Portemonnaie wieder in Ihre Sporttasche gesteckt.«
»Dürfen wir mal sehen?« Eine ungeduldige Männerstimme. »Ach, sieh an! Und Sie kennen Herrn Wagner nicht? Jetzt lassen Sie den Automaten in Ruhe, Sie brauchen heute wirklich kein Geld mehr. Und nun kommen Sie endlich mit!«
Hannes hörte ein metallisches Klicken. Befriedigt drehte er sich um und ging die Einkaufsstraße entlang zu dem Café an der Ecke Bahnhofstraße und Gröbmühlstraße, in das er sich der Preise wegen nie getraut hatte. Heute aber hatte er sich eine heiße Schokolade wirklich verdient.
Das zweite Opfer innerhalb einer Woche!
Christine schaute vom Schleißheimer Anzeiger auf, einer kostenlosen Regionalzeitung des Münchner Nordens, die sich durch Werbung und Kleinanzeigen finanzierte. Ihre Mundwinkel zuckten, als sie hochrechnete, wann bei dieser Rate die Bevölkerung von Unterschleißheim ausgelöscht sei. Bei 31.000 würde das ganz schön lange dauern! Etwas erschrocken über ihre makabren Gedanken widmete sie sich wieder dem Bericht in dem dünnen Blatt.
Am Freitag war ein Fünfzehnjähriger erstickt. Mit geschwollenem Rachen genau wie davor am Mittwoch diese Rentnerin. Wespengift. Kamen die asiatischen Wespen jetzt schon bis nach Oberbayern? Christine war erschüttert. Der Reporter hatte sie sensationslüstern als „Killerbienen“ bezeichnet und damit den drei Zentimeter langen schwarzen Insekten mit dem besonders harten Chitinpanzer Unrecht getan. Bei den Obduktionen waren keine Einstiche im Mund oder sonstwo gefunden worden. Auch hatten andere Bewohner der kleinen Stadt im Norden des Dreiecks zwischen den Autobahnen A9, A92 und A99 unter Erstickungsanfällen oder zumindest einem geschwollenen Rachen gelitten, aber nichts davon berichtet, sie hätten mit Insekten zu tun gehabt.
Christine beugte sich vor, griff blind in die Obstschale in der Tischmitte und lehnte sich mit dem Apfel in der Hand wieder zurück, wollte weiterlesen. Ein herzhafter Biss in das frische Obst würde ihre Müdigkeit vertreiben, der Saft sie erfrischen. Bei der schwülwarmen Sommerluft, die sich durch die Balkontüre in ihr Wohnzimmer drängte, eine Wohltat. Kaum jedoch durchdrangen ihre Zähne die knackige Schale des rotgelben Fuji, setzte sie sich ruckartig wieder auf, riss die Arme hoch und warf Zeitung und Apfel in entgegengesetzte Richtungen von sich. Urplötzlich hatte sie dieses pelzige Gefühl am Gaumen, das sich rasend schnell im Mund bis hinter den Rachen verbreitete und ihr die Kehle zuschnürte.
Sie sprang von ihrem Stuhl in der Essecke auf, hastete in die Küche und hielt den Mund unter den Wasserhahn. Der erste Schluck war lauwarm, aber schnell war das abgestandene Wasser aus der Leitung abgelaufen, frisches, kaltes floss nach. Christine hangelte das Geschirrtuch vom Griff des Backofens, auf dem es hatte trocknen sollen, hielt es unter den kühlen Strahl und schlang es sich um den Hals, zwang die Schwellung zurück. Obwohl alles keine halbe Minute dauerte, kam es ihr wie Ewigkeiten vor, bis sie wieder atmen konnte.
»Geronimo«, rief Christine schon, bevor sie den Obst- und Gemüseladen ganz betreten hatte, »was ist mit deinem …« Sie brach mitten im Satz ab, als sie in das verstörte Gesicht des Inhabers schaute.
»Guillermo, Wilhelm«, hatte er sie verbessern wollen, einem eingespielten Ritual zufolge.
Guillermo war nicht nur Christines Obsthändler ihres Vertrauens, sie waren auch Vertraute. Nach dem Tod seiner Frau vor sechs Jahren hatte er mit seiner Tochter den kleinen galizischen Küstenort San Vicente auf der hundekopfförmigen Halbinsel O Grove im Atlantik zwischen La Coruña und der portugiesischen Grenze verlassen, um sich in Oberbayern, wo er einen ebenfalls spanischen Freund hatte, niederzulassen. Pepe aus Valencia führte im Unterschleißheimer Industriegebiet einen gutgehenden Obst- und Gemüseimport. Trotzdem kaufte Guillermo alles, was auch Süddeutschland hergab, lieber auf dem Münchner Großmarkt. Er wollte der Umwelt etwas Gutes tun, Transportwege vermeiden und Produkte der Region verkaufen.
Geronimo war zwischen den beiden sein Spitzname geworden, da Christine bei ihrem ersten Treffen seinen Namen nicht behalten hatte und ihn beim zweiten Rendezvous wie den vor über hundert Jahren verstorbenen Kriegshäuptlings der Apachen angesprochen hatte.
Heute aber war ihm die Lust auf das Ritual gründlich vergangen. Es war Dienstag, der einzige Arbeitstag der Woche, an dem Christine nicht zu arbeiten brauchte. »Nicht in die Schule zu gehen«, wie sie sich immer ausdrückte. Seit letztem Dienstag hatten sie sich nicht mehr gesehen, eigentlich freute er sich über ihr Erscheinen, aber etwas lag ihm an diesem Vormittag schwer im Magen.
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