Gerade hatte er lautlos die Schubladen der Schlafzimmerkommode geöffnet und durchsucht. Den Pfiff durch die Zähne verkniff er sich gerade noch. Von den fünf Armbanduhren steckte er nur zwei ein, Markenuhren, aber nicht die teuersten aus der Sammlung. Der Alte würde sie wohl vermissen, aber glauben, er habe sie verlegt.
Es klingelte an der Haustür. Hannes hörte den Sessel des Seniors ächzen, als der sich erhob, und hörte ihn mit einem leisen Fluch zur Tür schlurfen. Das Klingeln wiederholte sich, die Tür wurde geöffnet, der Hausherr stellte eine Frage, und die Tür fiel wieder ins Schloss, wohl recht heftig zugestoßen. Hannes spähte durch die Lochbleche des modernen Edelstahlgeländers und sah, wie der Hausherr rückwärts durch die Diele ins Wohnzimmer gedrängt wurde. Seine Proteste konnte er nicht verstehen.
Sein Herz setzte ein paar Schläge aus, als der Eindringling in seine Richtung nach oben blickte: Er glaubte, sich selbst ins Gesicht zu sehen! Zum Glück widerstand er der Versuchung, sich hastig zurückzuziehen, die Bewegung hätte man von unten aus gesehen. Reglos klebte er am Geländer, überlegte fieberhaft, woher er den Kerl mit der Baseballmütze kannte. Eine Mütze mit dem eingestickten Namen Michael Jordan und einem stilisierten Basketball, sogar den runden silbernen Aufkleber mit dem Hologramm erkannte Hannes. Ein Zeichen, dass der Träger sie offenbar in einem Fanshop erstanden hatte.
Im Wohnzimmer entspann sich außerhalb seines Blickfeldes ein erregter Disput, aus dessen Bruchstücken sich Hannes zusammenreimte, es ginge um etwas Persönliches. Dann ein dumpfer Schlag, Rascheln und Schaben, und er sah den Eindringling durch die Diele in Richtung Haustür hasten, die geöffnet und gleich darauf wieder zugezogen wurde.
Endlich raffte sich Hannes auf, schlich die Treppe hinunter, betrat die hölzernen Stufen nur am Rand, weil sie dann weniger knarrten, und stand im Wohnzimmer. Der alte Herr lag seitlich gekrümmt auf dem Teppich, die Blutlache unter seinem Hinterkopf hatte aufgehört, sich weiter auszubreiten. Hannes würgte, seine Blicke streiften hektisch umher, Panik verwirrte seine Gedanken. Nur fort! Rückwärts ging er in die Diele, drehte sich um und wollte durch die Haustür auf die Straße. Nur fort! Die Hand hatte er schon fast auf der Klinke, als ihm das Licht der Straßenlaterne auffiel, das durch den Türspion hereinschien. Er machte kehrt und hatte beinahe die Treppe erreicht, als sein Fuß etwas zur Seite stieß. Instinktiv bückte er sich, hob die dicke Geldbörse auf und ließ sie in die weite Tasche seiner Jacke gleiten.
Ungesehen verließ er das Haus auf demselben Weg, auf dem er sich hineingeschlichen hatte.
Angst packte ihn, hielt ihn den ganzen Heimweg im Griff. Wer war der Mörder, sein Doppelgänger? Hatte der ihn nicht doch bemerkt? Was hatte er von ihm zu befürchten?
Er durchquerte die Arbeitersiedlung, durch die er zu seiner Wohnung musste. Einst schmucklose Reihenhäuser aus den dreißiger Jahren, hatten sie heute durch den Geschmack und die Mühen ihrer Eigentümer eine morbide anmutende Schönheit angenommen. Gepflegte Vorgärten, immer nur ein Handtuch von Grundstück, mit akkurat geschnittener Hecke. Blumenkästen mit Geranien auf den Fensterbänken. Es wurde Zeit, dass die verblühten Pflanzen durch winterharte Heide ersetzt würden.
Der Weg des Erinnerns führte hier hindurch, eine im Jahr 2007 eingeweihte Route zum Gedenken an die Opfer der NS-Zeit. Auf einem Dutzend Schildern wurden die Stationen beschrieben, an denen die KZ-Häftlinge auf ihrem drei Kilometer langen Marsch vom Bahnhof zum Lager vorbeikamen.
Hannes blieb überrascht stehen. Den ganzen Weg lang hatte er gegrübelt, woher ihm der Mörder bekannt vorkam. Als er jetzt den Blick hob, fand er sich vor dem fünf Schritt langen Plattenweg zu einem dieser gleich aussehenden Häuser stehen. Er schlug sich mit der Hand an die Stirn. Natürlich! Vor diesem Haus hatte er ihn öfter gesehen, hatte sich über die Ähnlichkeit mit ihm gewundert. Bisher hatte es ihn belustigt. Sein Blick wanderte ziellos über die Fassade, die weißen Fensterrahmen aus Holz, die Kachel mit der Hausnummer 29, den Briefkastenschlitz in der Türe und die Klingel mit dem Namensschild.
Der Mörder wohnte hier, ein grober Kerl, wie Hannes selbst Ende zwanzig, aber ein Draufgänger, der ihn schon öfter angepöbelt hatte. Er erschrak und machte, dass er heimkam.
Die folgende Woche war der lokale Blätterwald voll von Berichten über den Mord. Die Polizei tappte im Dunklen, Spuren gab es nicht, die Reporter ergingen sich in Spekulationen.
Viel Geld war nicht in der Börse gewesen, dafür der Personalausweis und mehrere Kreditkarten des Toten. Konnte Hannes damit etwas anfangen? Geld hätte er gut gebrauchen können, sein 450-Euro-Job in der Lagerhalle reichte gerade, die eineinhalb Zimmer in dem heruntergekommenen Anbau zu bezahlen, den er sein Zuhause nannte. Deshalb unternahm er die kleinen Diebestouren. Mit seinen 29 Jahren hatte er nichts erreicht, was er gerne auf seine schwere Kindheit zurückführte. Das gab ihm die angenehme moralische Überzeugung, die Welt sei ungerecht und er der einzig Gute darin. So wunderte er sich auch nicht, als er in sich den Entschluss reifen spürte, den Mörder zur Strecke zu bringen. Dumm nur, dass er nicht als Zeuge auftreten durfte, er hätte sich selbst ans Messer geliefert! Und Beweise hatte er auch nicht.
Ohne recht zu wissen, was er davon zu erwarten hatte, sah er sich in den folgenden Tagen nach der Erfüllung seiner Teilzeitarbeit immer häufiger in der Arbeitersiedlung herumstreunen. Er lungerte in der kleinen Grünanlage an deren Ende herum. Oder er saß mit Schal und hochgeschlagenem Kragen länger, als dafür nötig gewesen wäre, vor seiner Pilstulpe an dem Klapptisch, der zu dem Kiosk in einer Lücke zwischen den Häuserzeilen gehörte. Immer hatte er die Tür des Hauses Nummer 29 im Blick. Seinem Doppelgänger schlich er regelmäßig nach, wenn der ins Freie trat.
Die Baseballkappe schien eine Art Markenzeichen zu sein, sein gesamtes Auftreten war darauf ausgerichtet. Der Mörder trug eine dieser aus der Mode gekommenen mehrfarbigen Collegejacken, rote Jeans und elegante Sneakers. Sein ausladender Gang sollte ihn sportlich scheinen lassen. Er sah ungepflegter als Hannes aus.
Nach zwei Wochen kannte Hannes seine Gewohnheiten. Und er hatte eine Idee!
Die Baseballkappe hatte ihn im Fanshop fast sein ganzes Bargeld gekostet, die Collegejacke hatte er am Wochenende auf dem Flohmarkt für einen schmalen Taler erworben. Jeans und Turnschuhe hatte er selbst. Darauf, dass die Hose nicht rot, die Turnschuhe dafür knallbunt waren, würde niemand achten.
»Bitte, was kann ich für Sie tun?«
Hannes schreckte aus seinen Gedanken, als er die freundliche Stimme von der anderen Seite des Tresens her hörte. Mit der hübschen Bankangestellten hätte er gern etwas angefangen, aber erstens war er kein Frauenheld, und zweitens hatte er eine Aufgabe zu erledigen.
Auf die konzentrierte er sich.
»Tobias Hachenberger ist mein Name«, stellte er sich vor. Den Nachnamen hatte er auf dem Klingelschild der Nummer 29 gelesen, den Vornamen im Telefonbuch als den des einzigen Hachenbergers in der Stadt. »Ich soll für meinen Onkel Geld abheben, habe aber am Geldautomaten dreimal wohl die falsche PIN eingetippt. Jetzt hat der die Karte geschluckt, und ich stehe ohne Geld und Karte da. Können Sie mir helfen?«
Immer wieder hob er nervös den Kopf, schaute mit unstetem Blick in die Überwachungskamera, wartete auf die Reaktion der Angestellten.
»Aber natürlich, gern. Können Sie sich ausweisen?«
»Äh, ja sicher. Mein Onkel hat mir seinen Ausweis mitgegeben.«
Er zog die Sporttasche von seiner Schulter, fingerte aus der Börse darin die Plastikkarte und legte sie auf den Schaltertisch. Es war etwas umständlich mit der linken Hand, an der er immer noch den dünnen Handschuh trug. Aber so hinterließ er keine Fingerabdrücke, und bei dem Schmuddelwetter war es auch nicht auffällig. Den rechten Handschuh hatte er beim Eintreten abgestreift, er hielt ihn in der Hand. Offensichtlich interessierte sich die junge Frau für das Tattoo auf seinem Handrücken.
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