Wieso hast du uns alleine gelassen Mom? Wieso nur?
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Als ich am nächsten Morgen in den Spiegel sah, bereute ich sofort, dass ich meinen Gefühlen gestern Abend freien Lauf gelassen hatte. Meine Augen waren derart angeschwollen, dass ich sie kaum öffnen konnte. Ich spritzte mir kaltes Wasser ins Gesicht, in der Hoffnung die Schwellung würde etwas zurückgehen. Doch keine Chance. Irgendwann gab ich es auf und zog mich nach einer heißen Dusche an. Ich schnappte mir meine Schultasche und schleppte mich nach unten in die Küche, wo Dad mir wieder eine Brotbox hingelegt hatte. Ich steckte sie gerade ein, als er mit Mia auf dem Arm in die Küche kam.
»Guten Morgen, Schatz«, er gab mir einen Kuss auf die Stirn und kümmerte sich um Mias Frühstück. Entweder überging mein Dad einfach die Tatsache, dass ich aussah, als hätte ich die Nacht durchgeweint oder es fiel ihm durch den Trubel mit Mia nicht auf. Wie auch immer, ich war dankbar dafür, dass er mich nicht darauf ansprach. Mir graute es bereits vor meinen Mitschülern, denen es mit Sicherheit nicht entgehen würde.
»Könntest du heute Mittag nach der Schule vielleicht etwas einkaufen gehen?«, fragte Dad und zückte seinen Geldbeutel.
»Ja, natürlich«, erwiderte ich und nahm das Geld entgegen. Kurz darauf machte ich mich auf den Weg in die Schule. Bereits in der Aula erwarteten mich Poppy und Timmy. Ein breites Grinsen lag auf den Gesichtern der beiden, doch als sie mich näherkommen sahen, schwand ihr Lächeln. Sehr wahrscheinlich hatten sie meine verweinten Augen bemerkt. Ich blieb vor ihnen stehen und niemand sagte etwas. Ein unangenehmes Schweigen herrschte zwischen uns. Irgendwann durchbrach Poppy die Stille und räusperte sich.
»Also, ich habe Timmy gerade davon berichtet, dass er etwas verpasst hat. Unser neuer Englischlehrer ist 'ne totale Granate oder was meinst du, Drea?«
So war Poppy. Sie bemerkte, dass ich nicht über meine Gefühle reden wollte und warf mir einen Rettungsanker zu. Wenngleich es auch etwas verdächtig war, dass dieser ausgerechnet unser neuer Englischlehrer sein musste. Timmy dagegen schien kurz mit sich zu ringen. Nachdem Poppy ihn jedoch mit dem Ellbogen in die Seite stieß, überlegte er es sich anders und spielte ihr Spiel mit.
»Euer Englischlehrer interessiert mich recht wenig«, schnaubte er und schulterte seine Tasche.
»Ach? Du bist also nicht schwul?«, Poppy grinste ihn breit an.
»Nur weil der Großteil meiner Freunde weiblich ist, heißt das noch lange nicht, dass ich vom anderen Ufer komme«, er hob eine Braue und warf Poppy einen bösen Blick zu. Sie dagegen kicherte und wir machten uns auf den Weg zum Unterricht. Zum Englischunterricht.
Vor dem Saal blieben wir stehen und ich widerstand dem Drang, zu Danny zu schauen, der sich ein paar Meter weiter mit seinen Freunden unterhielt. Selbst seine Stimme zu hören, schmerzte in meinem Herzen und ich schloss meine müden Augen, um mich auf etwas anderes zu konzentrieren. In diesem Moment rempelte mich jemand an.
»Hey, pass doch auf!«, eine bekannte Stimme zickte mich von der Seite her an. Als ich die Augen wieder öffnete, begegnete ich Madison Livelys gehässigem Blick. Sie strich sich ihre rote Lockenmähne über die Schulter und erdolchte mich mit ihren Augen.
»Pass du lieber auf wo du hingehst. Drea hat einfach nur hier gestanden«, fauchte Poppy und schoss beschützerisch wie ein Pitbull nach vorne.
»Tja, ich kann auch nichts dafür. Würde die Heulsuse da«, sie deutete mit ihrem perfekt manikürten Zeigefinger auf mich, »mal ihre Augen öffnen, dann hätte sie mich bemerkt. Aber stattdessen trauert sie die ganze Zeit nur ihrem Ex hinterher, der sie einfach nicht mehr will.«
Madisons Worte trafen mich. Es fühlte sich an, als hätte mir jemand einen Hieb in die Magengrube verpasst. Unerwarteter Weise, kam Danny auf Madison zu und legte ihr eine Hand auf die Schulter.
»Maddy, es reicht.«
Fassungslos stand ich da. Die Tatsache, dass Danny bei ihr stand, anstatt mich zu verteidigen, sie sogar berührte, verwirrte mich. Nein es verletzte mich. Mein Herz gefror und splitterte in tausend Teile. Seit wann waren die beiden befreundet?
»Nein, es ist doch wahr. Sie soll aufhören, sich wie ein armes Hündchen aufzuführen, nur weil du sie abserviert hast und ihre Mutter ins Gras gebissen...«, doch weiter kam sie nicht, da Poppy vorschoss und Madison mit ihrem gesamten Gewicht gegen die Wand stieß.
»Wag es ja nicht!«, brüllte Poppy und war erneut im Begriff auf Madison loszugehen, aber irgendjemand schien sie zurückzuhalten. Ich konnte es nicht genau erkennen, da die aufsteigenden Tränen mir die Sicht vernebelten. Nichts um mich herum nahm ich mehr wahr. In meinem Kopf begann es zu rauschen und Übelkeit stieg in mir auf.
Mit aller Mühe unterdrückte ich den aufkommenden Würgereiz und krallte meine Fingernägel in die Handflächen. Dann ging ich einige Schritte rückwärts, bis ich an die Wand hinter mir stieß. Ich musste hier weg. Sofort.
Das letzte, das ich wahrnahm, bevor ich in die entgegengesetzte Richtung rannte, war die tiefe Stimme von Mr Black, die meinen Namen rief.
Ich eilte durch die Flure, ignorierte alles und jeden um mich herum und trat durch die Doppeltür hinaus auf den leeren Pausenhof.
Während ich lief, spürte ich nichts, außer den Wind, der mir die Haare ins Gesicht peitschte und die Tränen auf meinen Wangen trocknete, ehe schon wieder neue über mein Gesicht kullerten.
Erst als ich die Tribüne unseres Footballfelds erreichte, drosselte ich mein Tempo und steuerte auf eine Bank zu.
Ich setzte mich und ließ mein Gesicht in die Hände sinken. Hatte Madison womöglich recht? Verhielt ich mich wirklich wie ein armes Hündchen? War es für mich so langsam an der Zeit, meine Trauer zu besiegen? Doch wie sollte ich das schaffen? Ich konnte noch nicht einmal über meine Mom nachdenken, ohne gleich in Tränen auszubrechen. Wieder geisterten Madisons Worte in meinem Kopf herum und krampfhaft versuchte ich, den Schmerz in meinem Innern zu unterdrücken.
Nun war genau das geschehen, was ich unter allen Umständen zu vermeiden versucht hatte, nämlich ein Zusammenbruch vor aller Augen. Jeder konnte sehen wie sehr ich litt, jeder hatte mitbekommen wie ich in Tränen ausgebrochen war. Mein Leben glich einem einzigen Albtraum.
Unerwartet vernahm ich Schritte auf der Tribüne neben mir. Erschrocken zuckte ich zusammen, als ich Mr Black erkannte. Wortlos ließ er sich auf dem Platz neben mir nieder und hielt mir ein Taschentuch hin. Verwundert von dieser netten Geste, nahm ich es dankend an.
Dennoch wagte ich es nicht, hoch zu schauen. Ich wollte nicht, dass mein Lehrer mich in dieser Verfassung sah. Es hatten ohnehin schon genug Leute mitbekommen.
»Falls Sie jemanden zum Reden brauchen, Drea, habe ich immer ein offenes Ohr für Sie.«
Ich schluckte den Kloß in meinem Hals herunter. Hatte er etwa gesehen, was sich soeben vor seinem Saal abgespielt hatte? Hatte er meine Demütigung mitangehört? Nun konnte ich doch nicht mehr an mich halten und blickte zu ihm auf. Seine goldenen Haare tanzten im Wind und umspielten seine markanten Gesichtszüge, während sein durchdringender Blick schweigsam auf mir ruhte. Doch anders als bei allen anderen, konnte ich nicht das geringste Mitleid in seinem Gesicht erkennen, lediglich die Aufrichtigkeit seiner Worte. Und zum ersten Mal seit langem sah jemand in mir nicht das arme, traurige Mädchen, das ihre Mutter verloren hatte und von ihrem Freund verlassen wurde.
»Danke«, brachte ich atemlos über die Lippen, noch immer gefangen von dem intensiven Blau seiner Augen. Sein Mund verzog sich zu einem kleinen Lächeln. Für ein paar Minuten saßen wir einfach nur schweigend da, genossen den Wind, der die Laubblätter vom Boden aufwirbelte und durch die Bäume peitschte. Ich wusste nicht warum, aber ich fühlte mich mit einem Mal nicht mehr unwohl in seiner Gegenwart. Ich empfand seine Gesellschaft nun sogar als angenehm, obwohl wir nichts miteinander sprachen.
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