Nach dem Aufräumen der Küche stieg ich die Treppen nach oben in mein Zimmer und erledigte meine Hausaufgaben. Gerade als ich das Heft zuschlug, hörte ich die Haustür ins Schloss fallen.
Lukas.
Ich ging erneut nach unten, um ihn zu begrüßen. Als ich ihn ansah, erkannte ich Erschöpfung auf seinem Gesicht. Er war der Einzige in der Familie, der Moms blaue Augen geerbt hatte und wie so oft, wenn ich ihn ansah, sah ich auch Mom.
»Hey. Ich habe dir und Dad Auflauf gemacht. Steht im Kühlschrank«, informierte ich ihn und war schon wieder im Begriff nach oben zu flüchten, als Lukas mich auf der ersten Stufe plötzlich am Handgelenk packte. Er hielt mich zurück. Fragend wandte ich mich ihm zu. Seine Züge hatten sich zu einer besorgten Grimasse verzogen.
»Was ist mit dir? Hast du schon gegessen?«, wollte er wissen und ich spürte, wie er meine Statur musterte.
»Nein, ich habe keinen Hunger.«, ich wollte mich losmachen, doch Lukas hielt mich nach wie vor mit eisernem Griff fest.
»Drea... Du musst etwas essen. Sieh dich doch mal an«, erneut streiften seine Augen über mich hinweg. Die Sorge in ihnen war kaum zu übersehen und sorgten dafür, dass ich schließlich einlenkte.
»Na schön«, seufzend folgte ich ihm in die Küche, wo ich uns beiden etwas von dem Auflauf auf einen Teller gab.
»Wo ist Dad?«, fragte ich, da die beiden eigentlich stets zur selben Zeit nach Hause kamen.
»Er ist mit Mia zum Arzt. Sie bekommt irgendeine Impfung oder so«, erwiderte er und machte sich über das Essen her. Er wirkte wirklich sehr müde.
Seit die Erziehung einer vierjährigen allein auf Dads Schultern lastete, hatte er weniger Zeit, um in der Firma zu agieren. Daher war es nur logisch, dass Lukas einige von Dads Aufgaben übernahm, was auch der Grund für sein überarbeitetes Erscheinungsbild war.
Mit der Gabel schob ich mein Essen hin und her, zwang mir jedoch einige Male einen Bissen herunter, um meinen Bruder zufriedenzustellen. Nachdem er mich noch ein paar Mal mit mahnenden Blicken dazu aufgefordert hatte, meinen Teller aufzuessen, war ich satt. Früher hatte ich alles Mögliche in mich herein stopfen können, doch seit den Sommerferien fiel es mir schwer überhaupt etwas anzurühren.
»Hey. Ich gehe am Wochenende mit ein paar Freunden weg. Magst du nicht mitkommen?« Er warf mir einen hoffnungsvollen Blick zu. Unbehagen machte sich in mir breit. Seit dem Unfall war ich nicht mehr unter Menschen gewesen und im Grunde wollte ich das auch gar nicht.
Alles was ich brauchte, um mich abzulenken war ein gutes Buch und meine Ruhe. Wenn ich daran dachte auszugehen, etwas zu trinken oder gar zu tanzen, fühlte ich mich furchtbar unwohl in meiner Haut. Es erschien mir oberflächlich, nach allem was wir durch Moms Tod erlitten hatten.
»Ich weiß nicht …«, erwiderte ich und schob eine Erbse auf meinem Teller hin und her.
»Komm schon, Drea. Es ist schon ewig her, dass wir zusammen etwas unternommen haben …«, mit einem Mal wurde sein Blick trüb. »Mom hätte nicht gewollt, dass du dich im Haus verkriechst und keinen Spaß mehr am Leben hast.«
Meine Hände verkrampften sich. Eine altbekannte Übelkeit stieg in mir auf. Der Schmerz kehrte zurück und kratzte an meinem Herzen, drohte es zu zerreißen. Ich spürte wie Lukas nach meiner Hand griff und mir tief in die Augen sah. Für einen kurzen Moment dachte ich, in Moms Augen zu blicken. Ich unterdrückte die Tränen, die mir unweigerlich in die Augen stiegen.
»Drea. Bitte...«, flüsterte er und sein Griff um meine Hand wurde fester, bittender.
Erneut seufzte ich und nahm einen tiefen Atemzug, um mich etwas zu beruhigen. Es war schier unmöglich Lukas etwas auszuschlagen, wenn er mich so ansah.
»Na schön«, widerwillig gab ich nach und sofort erschien ein Lächeln auf seinem traurigen Gesicht.
»Aber nur unter einer Bedingung«, entgegnete ich.
Lukas hob die Brauen und ich erntete einen misstrauischen Blick. »Die da wäre?«
»Ich darf Poppy mitnehmen«, äußerte ich meine Bitte und sogleich erschien ein breites Grinsen auf Lukas’ Gesicht.
»Natürlich darfst du sie mitbringen.«
Lukas war ganz vernarrt in Poppy. Er lachte über jeden ihrer Witze und die beiden waren ununterbrochen dabei, irgendwelchen Unfug anzustellen. Manchmal fragte ich mich sogar, ob er sie nicht etwas zu sehr mochte.
Während wir aufräumten, berichtete Lukas mir von dem Club, in den wir vorhatten zu gehen. Kurze Zeit später hörte ich erneut die Haustür und schon stand Dad im Türrahmen mit Mia auf seinem Arm.
Wir begrüßten ihn und ich machte mich gleich daran, sein Abendessen aufzuwärmen. Ich sah, wie sein Blick über die beiden Teller und die Brotbox schweifte, die auf der Theke standen. Ein erleichternder Ausdruck huschte über sein Gesicht.
Offenbar schien Dad genauso erfreut darüber zu sein, dass ich etwas gegessen hatte, wie Lukas. Auch wenn ich das fade Essen hatte herunter zwingen müssen, der befreite Ausdruck auf Dads Gesicht war es mir wert.
Lukas erzählte Dad von unseren Plänen am Wochenende. Ich erwartete schon halb, dass Dad mir verbieten würde weg zu gehen. Dann hätte ich mich wenigstens, so wie ich es eigentlich vorgehabt hatte, in mein Zimmer zurückziehen und ein gutes Buch lesen können. Doch weit gefehlt. Stattdessen schien ihn das Vorhaben meines Bruders regelrecht zu beflügeln, mehrmals betonte er, wie gut er es fand, dass ich mal wieder rauskam.
Nachdem er mit Lukas noch kurz über das Geschäft redete, mich nach der Schule fragte und Mia ihr Abendessen gab, schnappte ich mir die Kleine und machte sie fertig für die Nacht. Ich half ihr in den mit Häschen bedruckten Pyjama und ging dann mit ihr ins Bad, um ihr die Zähne zu putzen.
Erst weigerte sie sich natürlich vehement, das Zähneputzen war ja so verdammt langweilig! Nach einem kurzen hin und her gab sie jedoch nach und so brachte ich sie danach wieder zurück in ihr Zimmer. Sie krabbelte auf ihr kleines Bettchen und klemmte sich ihren Plüschhasen unter den Arm. Ich musste schmunzeln, es gab drei Dinge, deren Mia sich verschrieben hatte; ihrem Plüschhasen, Pizza und der Farbe Pink.
»Also dann, kleine Motte. Schlaf gut und hab süße Träume«, ich gab ihr einen Kuss auf die Stirn und zog die Decke über ihren kleinen zerbrechlichen Körper. Gerade als ich im Begriff war, das Licht auszuschalten und die Tür zu schließen, setzte sie sich wieder auf.
»Drea?«, sprach sie mit leiser Stimme und blickte mich aus ihren kugelrunden Rehaugen an.
»Ja, Motte?« Ich blieb im Türrahmen stehen.
»Ist Mommy wirklich nicht mehr da?«, fragte sie mit einer so traurigen Kinderstimme, dass es mir sofort das Herz brach. Der Schmerz meldete sich wieder und ich spürte den Kloß in meinem Hals. Hier saß sie nun, meine süße Schwester von vier Jahren, klein und einsam und fragte nach ihrer Mutter. Ich ging zurück an ihr Bett und setzte mich, um nach ihrer kleinen, kindlichen Hand zu greifen, die nicht einmal halb so groß war, wie meine eigene.
»Weißt du Mia, Mom wird immer da sein. Sie sitzt oben auf den Wolken und sieht auf unsere Familie hinab. Auf dich, Lukas, Dad und mich. Sie beschützt uns von jetzt an.«
»Aber kann sie uns nicht auch von hier unten aus beschützen?«, wollte sie wissen und ich spürte die Sehnsucht in ihrer Stimme. Ich konnte meine Tränen nicht zurückhalten und unweigerlich liefen sie mir über die Wangen, doch ich versuchte stark zu bleiben.
Für Mia.
»Nein, das geht leider nicht, Süße«, erwiderte ich und schluckte den Kloß in meinem Hals herunter. Es fühlte sich an, als hätte ich einen dicken Wattebausch verschluckt.
»Ich vermisse sie echt doll«, flüsterte Mia und ihre Augen wirkten unendlich traurig.
»Ich auch, Mia. Ich auch ...«, meine Stimme klang erstickt und schnell strich ich Mia über ihr seidiges Haar. Ich drückte sie an mich, damit sie meine aufsteigenden Tränen nicht sehen konnte. Nachdem ich mich wieder einigermaßen im Griff hatte, gab ich ihr noch einen Kuss auf die Wange und ließ sie alleine in ihrem Bett zurück. Sobald ich ihr Zimmer verlassen hatte, liefen die Tränen unaufhaltsam meine Wangen herunter. Ich stürmte in mein Zimmer, ließ mich aufs Bett sinken und weinte mich in den Schlaf.
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