Mit einem Mal wurde mir bewusst, dass sich unsere Hände noch immer berührten und ich fühlte ein Kribbeln. Verzweifelt versuchte ich meine Gedanken zu sammeln.
Ich spürte, dass mein Gegenüber sich langsam aufrichtete, was mich aus meiner Trance riss. Ich tat es ihm gleich und erhob mich. Als ich aufsah, bemerkte ich erst, wie hochgewachsen er war, gut einen Kopf größer als ich. Er trug ein weißes Hemd mit Krawatte und einen grauen Pullunder, unter dem sich der regelmäßige Besuch im Fitnessstudio deutlich erkennen ließ.
Ich gab mir alle Mühe meinen Puls, der aus einem mir unerfindlichen Grund zu rasen begann, zu beruhigen.
»Emily Brontë?«, seine Stimme war tief, melodisch und rau. Sie jagte mir einen gewaltigen Schauer über den Rücken. Erst jetzt bemerkte ich, dass er meinen Roman in den Händen hielt und diesen betrachtete. Dann hob er seinen Blick und sah mir direkt in die Augen. Mein Herz machte einen Satz.
»Schullektüre?«, fragte er nochmals und sein rechter Mundwinkel verzog sich zu einem wunderschönen, schiefen Lächeln. Ich räusperte mich, da ich das Gefühl hatte, meine Stimme erst wieder finden zu müssen.
»Ähm, nein. Ich lese es in meiner Freizeit«, ich richtete meinen Blick auf den Roman, um mich wieder einigermaßen zu sammeln.
»Mein Lieblingsroman«, merkte ich an, in der Hoffnung, er würde mir das Buch endlich wieder zurückgeben, sodass ich von hier verschwinden konnte.
Diese Begegnung verwirrte mich zutiefst.
Im Augenwinkel sah ich, wie er die Brauen hob.
»Ein solch düsterer Roman weckt Ihre Liebe zur Literatur?«, er wirkte erstaunt.
»Scheint so«, erwiderte ich und sah wieder in seine stahlblauen Augen.
»Was ist mit Jane Austen? Stolz und Vorurteil?«, neugierig musterte er mich. Leicht lächelnd blickte ich zu Boden. Natürlich hatte ich Stolz und Vorurteil gelesen - und geliebt. Doch das war, bevor ich all diese schweren Schicksalsschläge hatte erleiden müssen.
»Ich schätze ich gehöre zu der anderen Sorte.«
»Sie mögen kein Happy End?«, ein überraschter Ausdruck legte sich über sein Gesicht.
»Doch«, flüsterte ich. »Ich glaube nur nicht mehr daran.«
Bevor ich überhaupt darüber nachdenken konnte, was ich da sagte, waren die Worte bereits über meinen Lippen. Erschrocken schaute ich auf. Er hatte die Brauen zu einem schmalen Strich zusammengezogen und sah mir tief in die Augen. Für einen kurzen Moment schien etwas in seinem undurchdringlichen Blick aufzuflackern.
War es Neugierde? Wissen? Möglicherweise sogar Verständnis? Es schien als versuchten seine eisblauen Augen in meine Seele zu schauen, an einen Ort, der in Schutt und Asche lag.
Bevor ich diesen Ausdruck jedoch deuten konnte, nuschelte ich eine kurze Verabschiedung und machte auf dem Absatz kehrt. Ich stürmte regelrecht davon. Auf halbem Weg zum Unterricht fiel mir auf, dass der Fremde noch immer meine Ausgabe von Sturmhöhe hatte. Ich kehrte jedoch nicht zurück.
∞
In der ersten Stunde hatte ich amerikanische Geschichte. Mein Platz befand sich zwischen Poppy und Timmy und nun saß ich hier inmitten der beiden und war noch immer verwirrt über das vorherige Gespräch mit diesem Mann. Ärger sammelte sich in meinem Bauch, da ich meinem Kummer nachgab und ihn nach außen getragen hatte. Ich hatte einem Fremden für einen kleinen Moment meine Trauer offenbart, ihm einen Einblick in meine Seele gewährt.
Wer war er überhaupt? Ein neuer Schüler wohl kaum. Sein Kleidungsstil entsprach nicht gerade dem eines Jungen hier auf der High School. Sehr wahrscheinlich war er ein neuer Lehrer.
Zugegeben, er sah noch relativ jung aus. Ich schätzte ihn auf Mitte zwanzig. Allerdings gab es selbst in diesem Alter bereits Lehrkräfte, was noch peinlicher war in Anbetracht dessen, dass ich ihn zuerst angestarrt hatte, wie eine Ertrinkende, um ihn danach auch noch zum Zeuge meiner schwarzmalerischen Weltanschauung zu machen. Ich konnte nur hoffen, ihn in der Schule so wenig wie möglich sehen zu müssen. Jedoch war er noch im Besitz meines Romans, den ich mir wohl oder übel zurückholen musste.
Seufzend warf ich einen Blick auf die Uhr. Noch ein paar Minuten und die erste Stunde war überstanden. Poppy sah mich besorgt von der Seite her an und ich spürte die unausgesprochene Frage auf ihrem Gesicht. Ich rang mir ein Lächeln ab, um ihr mitzuteilen, dass alles okay war.
Endlich klingelte es zur nächsten Stunde und ich begab mich zusammen mit ihr auf den Weg zu unserem Englischsaal. Timmy dagegen hatte leider einen anderen Kurs.
Kurz vor dem Saal umfasste Poppy mich plötzlich am Handgelenk und warf mir einen bedeutungsvollen Blick zu. Zuerst verstand ich nicht, was sie mir mitteilen wollte. Als sie jedoch mit einem Nicken nach vorne wies, sah ich Danny vor dem Englischsaal stehen.
Er lehnte mit dem Rücken an der Wand, die Hände lässig in den Taschen seiner Collegejacke versteckt und lachte gerade über etwas, dass seine Freunde ihm erzählten. Wie immer war er umringt von einer Gruppe aus Schülern. Danny gehörte zu der High Society an unserer Schule. Dies rührte wohl daher, dass er Captain des Football Teams war.
Mein Blick wanderte. Blonde Locken umschmeichelten die klaren, geraden Linien seines Gesichtes, das ich in- und auswendig kannte. Sehnsucht packte mich und erinnerte mich an die vielen gemeinsamen Momente und die Wärme, die sich in mir ausgebreitet hatte, wenn ich in diese vertrauten schokoladenbraunen Augen gesehen hatte.
Sofort verkrampften sich meine Hände und mein Herz gefror zu Eis. Mein Blick wurde starr und ich musste tief einatmen, um den Schmerz zu vertreiben.
»Du schaffst das, Drea. Wir ignorieren ihn einfach.«
Ich nickte, sah zu Boden und folgte Poppy zu unserem Saal. Ich zwang mich, nicht aufzuschauen, ihn einfach links liegen zu lassen. Stark sein, Drea. Doch im nächsten Moment vernahm ich auch schon den Klang seiner bekannten Stimme hinter mir.
»Drea… Hey.«
Erschrocken zuckte ich zusammen und fuhr herum. Danny stand direkt vor mir und blickte auf mich hinab. Mein Herz zog sich schmerzhaft zusammen.
Auch er schien sich sichtlich unwohl in seiner Haut zu fühlen. Seine Augen wanderten ruhelos umher. Verlegen kratzte er sich am Hinterkopf und ließ die Hände dann in den Hosentaschen seiner Jeans verschwinden.
Sofort wurde mir wieder übel, als ich den Ausdruck von Mitleid in seinem Gesicht lesen konnte. Ich wollte sein Mitgefühl nicht, ich brauchte es nicht.
Mir war natürlich klar, dass Danny nichts für seine Gefühle konnte. Wenn er schlicht und ergreifend nicht mehr ausreichend für mich empfand, dann war das so. Ich gab ihm keine Schuld, nicht im Geringsten. Doch der Schmerz war trotzdem da und ich hatte es satt, ihn ertragen zu müssen.
»Ich habe versucht dich zu erreichen. Ich habe angerufen und geschrieben«, sprach er und sah dabei beschämt zu Boden. Die Situation war ihm mehr als unangenehm. Ich schluckte schwer und riss mich zusammen, um eine vernünftige Antwort zustande zu bringen.
»Ja, ich weiß«, ich wollte nicht mit ihm darüber reden, nicht zwischen Tür und Angel. Und schon gar nicht vor den anderen Schülern, die das Geschehen offenbar mehr als interessant fanden und nun alle leise tuschelnd ihre Köpfe in unsere Richtung drehten. Generell wollte ich gar nicht mehr mit ihm sprechen. Es schmerzte einfach zu sehr und rief Erinnerungen in mir wach, die lieber verschlossen blieben.
Er hob den Kopf und sah mich erneut voller Mitleid an. Wie ich diese Blicke hasste. Sie erinnerten mich daran, dass meine Mutter tot war und nie wieder zurückkommen würde. Als müsste man mich mit Samthandschuhen anfassen.
»Wie geht es dir?«, fragte er schließlich. Ich konnte die Unsicherheit förmlich von seinem Gesicht ablesen, als wäre sie ihm auf die Stirn geschrieben.
Ich wollte diese Frage nicht beantworten. Nicht schon wieder. So oft hatte ich sie in den letzten Wochen schon gestellt bekommen. Doch im Grunde interessierte es niemanden wirklich, wie es mir ging. Man fragte nur aus reiner Höflichkeit. Und jedes Mal antwortete ich mit gut. Was gelogen war. Aber was sollte ich schon sagen?
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