Eines Tages kam ein Havaneserzüchter zu mir, um meine Hilfe in Anspruch zu nehmen. Er hatte einen kleinen, jungen Rüden, der sich auf Ausstellungen einfach nicht auf dem Richtertisch präsentieren wollte. Der kleine Hund war ein vielversprechender Nachzuchtrüde, doch aufgrund seiner Angst und Unsicherheit bekam er nie die für die Zucht nötigen Wertnoten. Als er meine Schäfchen im Garten grasen sah, fragte er mich plötzlich, ob ich nicht noch ein kleines Pony haben wollte. Er besaß ein kleines Pony, aber wusste nicht, wohin damit. Niemand würde es haben wollen. Als Minishetty sei es als Reitpony ungeeignet, und zwischen den kleinen Schafen würde das Pony doch gar nicht auffallen. Zunächst musste ich lachen, da dieser Gedanke so lustig erschien. Als ich aber merkte, dass er es wirklich ernst meinte, besprach ich diese Idee am Abend mit Frederik: „Wir können es uns ja mal anschauen…“ Und so kam es, dass bald ein kleines, bunt geschecktes Minipony mit dem klangvollen Namen Donatella zwischen den Schafen stand. Donatella wechselte grad ihr Fohlenfell und war völlig verfilzt. Der Halter war sichtlich mit der Haltung des Ponys überfordert. Es brauchte einige Tage, bis ich sie in mühsamer Kleinarbeit mit einer Nagelschere von den starken Verfilzungen befreit hatte.
Für mich war es schon immer wichtig, dass jedes Tier artgerecht und glücklich gehalten wird. Uns war von Anfang an klar, dass ein Pony nicht alleine zwischen Schafen gehalten werden sollte. Wir sahen uns also nach einem passenden zweiten Pony um, damit Donatella nicht alleine leben musste. Es dauerte zwar leider ein paar Wochen, aber dann fanden wir an der Nordseeküste eine Miniponyzüchterin. Kurz darauf zog der kleine Tim bei uns ein. Timmys Umzug zu uns war ebenso abenteuerlich wie der Umzug der Schafe, denn wir hatten nach wie vor keinen Pferdeanhänger. Donatella wurde uns von ihrem Besitzer gebracht, aber wie sollten wir den kleinen Tim zu uns holen? Wir überlegten, dass wir ihn ebenfalls mit dem Kombi abholen könnten, denn schließlich war das Pony nicht größer als ein Schäferhund und auch nicht größer als ein Schaf. Den Kombi verkleideten wir innen mit festen Brettern, bauten eine Art stabile Box in das Auto hinein und legten alles ordentlich mit rutschfesten, wasserfesten Matten aus. Wir polsterten alles noch mit Stroh und Heu. Was unser Kombi in seinem Leben schon alles transportiert hatte, könnte sicherlich ein eigenes, amüsantes Kapitel füllen.
Unser Alltag auf dem Hof wurde nach und nach teils zufällig gewollt, wie die Ponys, und teils zufällig ungewollt mit neuem Leben gefüllt. Unser vorheriges Stadtleben wandelte sich mit jedem Tier, das bei uns einzog. Unser Lebenswandel änderte auch unsere Sichtweisen und Prioritäten.
Selbst heute erinnere ich mich noch gut an den Anruf, als Frederik und ich gerade beim Einkauf waren. Der benachbarte Tierschutzverein, mit dem wir bereits öfter bezüglich der Kitten zusammenarbeiteten, war am Telefon. Die Mitarbeiterin war verzweifelt und meinte, wir wären ihre letzte Hoffnung. Ein kleines Rehkitz wurde gefunden und sie würden dringend eine Pflegestelle benötigen. Wir wussten noch gar nicht so recht, was da auf uns zukommen würde, doch wir sagten selbstverständlich sofort zu, das Kitz zu übernehmen. Wir ließen alles stehen und liegen und fuhren gleich zum vereinbarten Treffpunkt. Von nun an waren wir Eltern eines verlassenen Rehkitzes. Die passenden Informationen zur Aufzucht von Rehkitzen zu erhalten, stellten wir uns wirklich einfacher vor. Es war mühsam, im Internet etwas anderes als Rezepte für Rehbraten zu finden. Angebliche Ansprechpartner gaben lieber Auskunft über saftige Strafen und Belehrungen über Wilderei, als dass sie einen nützlichen Rat für uns hatten. So mussten wir uns alles Wissen und die Handhabung selbst aneignen, um diesem und anschließend noch zwei weiteren Kitzen in diesem Jahr, eine gute Pflegefamilie sein zu können. Uns war klar, dass es wie uns, auch tausend anderen Menschen jedes Jahr gehen muss, die mit einem wilden Findelkind konfrontiert und mit den daraus resultierenden Problemen allein gelassen werden. Diesen Umstand fanden wir mehr als bedauerlich. Aus dieser Not heraus entwickelten wir unsere Rehkitzrettung. Über eine Internetseite und eine Notrufnummer konnte man uns fortan kontaktieren, um Rat und Informationen zu erhalten, ohne böse Vorwürfe oder Drohungen befürchten zu müssen.
Ich bin der Ansicht, dass richtiges Handeln und richtiges Verhalten durch richtiges Wissen entsteht. Natürlich sterben immer noch viele Tiere aufgrund der „Das-habe-ich-nicht-gewusst-Krankheit“. Doch genau aus diesem Grund ist Aufklärung so wichtig. Viele Menschen sammeln ein scheinbar verlassenes Rehkitz oder auch ein Feldhäschen ein, weil sie glauben, dass die Mutter es verlassen hat. Der Nachwuchs von Reh und Hase wird jedoch in den ersten Wochen im hohen Gras versteckt und die kleinen müssen dort geduldig stundenlang auf die Rückkehr der Mutter warten. Sie wurden also nicht verlassen. Das wissen die meisten Leute aber leider nicht, woher auch. Natürlich ist es für die Mutter schrecklich, wenn der wilde Nachwuchs „entführt“ wird, weil die Menschen es in diesem Moment nicht besser wissen. Aber auch in solchen Fällen besteht die Möglichkeit, die Babys den Müttern zurückzubringen, wenn man den menschlichen Geruch durch Einreiben mit frischer Erde überdeckt. In 80% der Fälle ist dieses Vorgehen von Erfolg gekrönt. Man darf nicht vergessen, dass die meisten Menschen aus einem Gefühl der Fürsorge und Tierliebe handeln und sich bemühen, Hilfe und Informationen zu erhalten. Ich rechne es jedem hoch an, wenn er sich kümmert, selbst wenn man dabei vielleicht zunächst etwas falsch macht. Unsere Tätigkeit habe ich immer auch dahingehend verstanden, dass unsere Hilfe am Tier auch eine Hilfe am Menschen ist, genau wie umgekehrt.
Plötzlich führten wir mit unseren Tieren ein Leben, das wir so nicht geplant hatten. Es entwickelte sich von selbst. Wenn uns jemand fünf Jahre vorher gesagt hätte, dass wir eine Tierrettungsorganisation gründen, ich meine tierpsychologische Hundeschule auf meinem privaten Grundstück führen und wir eine Zuflucht für verstoßene und verwaiste Tiere in Not aufbauen würden, so hätten wir sicherlich Angst vor all diesen Aufgaben bekommen. Doch tatsächlich wächst man mit seinen Aufgaben. All diese Tiere wollen jedoch nicht nur geliebt werden, sondern benötigen auch Futter. Die handelsüblichen Kleinpackungen an Heu und Stroh aus dem Zoofachhandel waren mit steigender Tieranzahl weder praktisch noch finanzierbar.
Eines Tages standen auf dem benachbarten Feld große Strohballen. Da ich nicht wusste, wer der Eigentümer dieses Feldes war, band ich kurzerhand einen großen Zettel an einen dieser Strohballen fest. Ich hinterließ eine Notiz, dass wir Interesse an dem Kauf eines Ballens hätten und uns über Kontakt sehr freuen würden. Es dauerte keinen Tag, da kam der Anruf des Verkäufers. Er wollte uns einen Ballen anliefern. Somit war das Geschäft besiegelt.
Ein verhängnisvoller Kontakt
Am nächsten Tag lieferte uns der Hobbybauer wie vereinbart einen Rundballen Stroh für unsere Tiere. Frederik und ich empfingen ihn an unserem Gartentor. Er fuhr mit einem alten Golf II und einem kleinen, einachsigen Anhänger auf dem der Rundballen festgezurrt war, vor. Wie er diesen großen Ballen auf diesen kleinen PKW-Anhänger hinauf bekam, war mir irgendwie ein Rätsel, denn der Mann war nicht unbedingt ein athletisch oder groß gebauter Mann. Ich schätzte ihn auf Ende vierzig, vielleicht Anfang fünfzig. Seinen runden, kahlen Kopf umringten noch einige wenige, kurz geschorene und bereits grau gewordene Stoppeln. Mit geschätzt vielleicht gerade mal 169cm Körpergröße war er nicht besonders groß und für sein Gewicht definitiv etwas zu klein geraten. Seine Kleidung erzählte von seiner Arbeit. Die Jeanshose sowie das T-Shirt wirkten etwas lumpig und beansprucht, seine Füße steckten in alten und recht ausgelatschten, ursprünglich mal weißen Turnschuhen. Seiner Statur wegen nahm ich an, dass er sicherlich rein körperlich nicht in der Lage war, einen solchen großen Rundballen selbst auf den kleinen Anhänger zu hieven oder diesen mittels Rampe auf den Anhänger zu rollen. Solch ein Ballen wiegt immerhin an die 200 Kilo. Aber als Bauer, wird er sicherlich nötige Gerätschaft dafür haben, verwarf ich meine Gedanken. Wie auch immer er den Ballen auf den Hänger brachte, ich war froh, dass wir nun ausreichend Stroh hatten und nicht mehr die kleinen Packungen für den nahezu zehnfachen Preis im Handel kaufen mussten. Wir unterhielten uns noch einen Moment lang mit dem Bauern, bevor er den Ballen vom Anhänger schubste. Es war ein kurzes und belangloses Gespräch über den Gartenzaun hinweg, bei dem sich herausstellte, dass er sogar hier aus der Gegend kam. Seine sprachliche Ausdrucksweise war bodenständig und von einem starken Brandenburger Dialekt geprägt. Er wirkte dadurch irgendwie lustig und sympathisch und „gerade heraus“. Wir freuten uns, dass wir Kontakt zu jemanden gefunden hatten, der hier aus der Gegend kam. Wenn man auf dem Land neu ist, ist es doch recht schwer, Anschluss zu finden. Im Gespräch bot er uns sogleich an, dass wir ihn bei seinem Kosenamen nennen könnten, den er seiner Aussage nach wohl schon seit Kindertagen hatte. Ich musste bei seinem Kosenamen etwas lachen, da ich diesen Ausdruck als Bezeichnung für eine Steinschleuder wiederum aus meinen Kindertagen kannte und sogleich etwas Schabernack damit in Verbindung brachte. Wir nennen ihn in diesem Buch abgewandelt einfach fortan Zwille. Nach einem kurzen Plausch verabschiedete sich Zwille und verschwand mit seinem braunen Golf und dem rappelnden Einachsanhänger. „Zwille.., damit hatten wir als Kinder kleine Kiesel auf Dosen geschossen“, witzelte Frederik, als wir den Strohballen lachend und schäkernd zu seinem Bestimmungsplatz rollten.
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