Um Geld zu sparen, hatten wir bereits unsere Wohnungen gekündigt. Wir entschieden uns, im Haus ein Zimmer nach dem anderen herzurichten. Sicherlich eine nervenaufreibende Situation, welche unsere frische Beziehung auf den Prüfstand stellte. Doch gerade dank all dieser Aufgaben und Hürden fanden wir immer mehr zueinander. Nachdem wir im Haus alles in einen gut bewohnbaren Zustand gebracht hatten, kümmerten wir uns um den Garten. So kam das Projekt Feldbahnwagen auf den Plan. Nachdem wir den Teil des Gartens freigelegt, viel Schutt und Müll entsorgt und den Feldbahnwagen vom Müll und Gestrüpp befreit hatten, überlegten wir, was man damit anfangen könnte. Der Wagen stand bereits im Verfall auf seinem Betonsockel und sah so traurig aus, dass wir es nicht übers Herz brachten, diesen Wagen, der so viel älter war als wir selbst, einfach abzureißen.
Zum Glück teilen Frederik und ich die gleichen Interessen, und wir lieben es, alte Dinge zu erhalten. Jetzt, da wir auf einem solch großen Grundstück auf dem Land leben, wäre es da nicht naheliegend, sich ein paar Hühner anzuschaffen? Eigene Eier von unseren Hühnern; das war für uns Berlinstädter eine witzige, völlig romantische Vorstellung. Hier würde sich niemand an diesen Tieren stören. Wir haben nun Platz und die Möglichkeit, also warum nicht? Der Feldbahnwagen sollte zu neuem Leben erweckt und mit neuem Leben gefüllt werden. Er sollte das neue Heim für eine kleine Hühnerschar werden. Wir hauchten dem alten Wagen neues Leben ein. Von Grund auf restauriert, erstrahlte der Feldbahnwagen nun in neuem Glanz. Er wurde ein richtiges Schmuckstück und ich glaube, die Hühner fühlten sich auch sehr wohl darin.
Es dauerte nicht lange, bis die ersten Hühner bei uns einzogen. Unsere Hühner bekamen alle einen Namen, und keines musste die Schlachtung fürchten. Selbst in hohem Alter bekam jedes unserer Hühner noch sein Rentenkorn, und auch, wenn sie irgendwann keine Eier mehr legten, so blieben sie bis zum letzten Tag glückliche Hühner.
Natürlich waren wir auf dem Land die Neuen, die Sonderlinge. Und was die Tierhaltung anging, auch die „Spinner“. Auf dem Land ist es nicht immer schön und romantisch. Die Einstellung zu Tieren ist an vielen Orten leider immer noch hinterwäldlerisch. Tiere haben keinen Stellenwert und die Wertschätzung für ein Tierleben ist nur bei wenigen Landleuten zu finden. Während einige Leute ihre Katzen ignorant jeder Verwahrlosung eine wilde Vermehrung gewähren, sind andere mit erschreckenden Maßnahmen dabei, die Vermehrung einzudämmen. Katzenbabys werden leider selbst heutzutage noch bevorzugt im Wassereimer ertränkt oder mit dem Stock totgeschlagen. Dieses veraltete Gedankengut wird leider immer noch von Generation zu Generation weitergegeben. Da muss man mal versuchen, Ruhe zu bewahren, wenn ein alter Bauer vor einem steht und meint, dass die Katze schon lernen würde, keine Jungen mehr zu zeugen, wenn man ihre Babys vor ihren Augen möglichst brutal erschlägt. Dies war die Überzeugung des Mannes, der bis dahin die Katzenbabys tötete und von Kastration so gar nichts hielt. Uns war völlig klar, dass wir diese Ansichten nicht über Nacht ändern konnten, aber wir versuchten, das Leid zu mildern. So sprachen wir mit vielen Bauern ab, dass wir die Babys aufnehmen und an neue Besitzer vermitteln könnten. Durch die Vermittlung der Kitten konnten wir etwas Geld sammeln und viele Katzen kastrieren lassen. Wenngleich einige Bauern unsere Idee nicht teilten, so hatten wir vielen Katzen das Leben gerettet und den Muttertieren eine Kastration ermöglicht. Denn auch das war keine Selbstverständlichkeit. Auf dem Land hält sich der Irrglaube, eine kastrierte Katze sei faul und würde keine Mäuse mehr fangen. So waren wir also die „Spinner“ mit den vielen Tieren. Fortan wurden uns verletzte und schwer kranke Tiere einfach über unseren Zaun geworfen. Die Tiere wurden teilweise wie Müll entsorgt. So auch ein kleiner, nur wenige Wochen alter Kater. Als Frederik am Abend noch einmal zur Mülltonne ging, war es bereits dunkel und alles lag verschneit, still und leise unter einer dicken, weißen Winterpracht. Auf dem Rückweg hörte Frederik ein leises Maunzen. Es war kaum zu hören und er konnte es nicht richtig lokalisieren. Frederik suchte alles ab, aber fand das Kätzchen nicht. Er lockte und rief immer wieder nach dem Kätzchen, doch es kam nicht, maunzte immer leiser. Frederik holte mich rasch dazu, damit ich ihm beim Suchen half. Wir liefen durch den Schnee und tasteten uns immer näher an das kleine Kätzchen heran. Dann fanden wir es: unter einer Schneedecke. Ein kleines, gestreiftes Kätzchen mit einer weißen Nase und weißen Pfoten. Es wurde von den Schneemassen nahezu vergraben, konnte sich kaum noch rühren und war halb erfroren. Die Hinterbeine konnte es nicht mehr bewegen. Mit den steif gefrorenen Vorderbeinen versuchte es sich mit aller Mühe aus dem Schnee zu befreien und hob den Kopf in unsere Richtung. Frederik griff gleich zu und zog das kleine Tier aus dem Schnee. Wir nahmen den Kater sofort unter die Jacke und eilten mit ihm ins Haus und wärmten ihn erstmal auf. Es war ein unbeschreibliches Glück, dass Frederik gerade noch rechtzeitig das schwache Maunzen gehört hatte. Wir pflegten ihn gesund, ließen ihn kastrieren und fanden ein schönes, neues Zuhause für den kleinen Kerl.
Natürlich blieb unsere Tierhaltung nicht nur bei Hühnern, Katzen und Hunden. Wir hatten ein großes Grundstück mit mehreren Tausend Quadratmetern. Also hatten wir nicht nur viel Platz, sondern auch viel Arbeit damit. Zwischen den alten Kiefern war es schwierig, dem Wildwuchs Einhalt zu bieten. Mit dem Rasenmäher kam man zwischen den Bäumen und dem unebenen Böden nicht richtig durch. Es dauerte daher nicht lange, bis uns die Idee kam, für die nur schwer zugänglichen Stellen im Garten kleine Schafe anzuschaffen, die sämtliche Gräser kurz halten sollten. Mit unserem Kombi fuhren wir von Berlin bis nach Fehmarn an die Küste hoch, um von einer Züchterin sechs Minischafe der alten deutschen Nutztierrasse Skudde zu adoptieren. Einen Pferdeanhänger hatten wir nicht und auch keine Anhängerkupplung am Auto, um einen Anhänger zu leihen. Da diese Schafe kaum größer als ein Hund sind, dachten wir uns, dass sie sicherlich auch in einem Kombi zu transportieren wären. Wir adoptierten eine schwarze Zippe mit zwei bunt gescheckten Lämmchen und einen wunderschönen, roten Bock mit geschwungenen Hörnern, die sich wie bei einem Widder rund um die Ohren zu drehen schienen. Zwei grau gescheckte, junge Schäfchen rundeten die Zahl von sechs gut auf. Und sie passten allesamt ins Auto. Wir klappten die Rücksitzbank um und kleideten die Ablagefläche gut aus. So fuhren wir, frisch gebackene und stolze Besitzer von sechs niedlichen Skudden, wieder zurück in Richtung Berliner Umland. Die anderen Autofahrer staunten sicherlich nicht schlecht, als sie während ihres Überholvorgangs in ein verwundertes Schafsgesicht blickten, welches ihnen beim Blöken die Zunge rausstreckte. Die Schafe zogen gleich neben den Hühnern in den nun dafür hergerichteten, ehemaligen Holzunterstand ein. Sie konnten den ganzen Tag zwischen Stall und Auslauf wählen und bekamen auf Zuteilung die große Wiese vor unserem Haus zum Grasen. Da alle unsere Tiere den Status eines Haustieres haben und auch dementsprechend von uns behandelt werden, dauerte es natürlich nicht lange, bis wir die Schafe gezähmt hatten und sie uns über das Grundstück hinweg überall hin folgten.
Die Arbeit als Tierpsychologin und Tierverhaltenstherapeutin war von Kindesbeinen an mein Traumberuf. Als ich im Alter von 11 Jahren das erste Mal von diesem Beruf hörte, war mir klar, dass ich genau das später einmal werden möchte. Schon damals begann ich, für dieses selbst zu finanzierende Studium mein Taschengeld zu sparen. Ob Autowaschen, Hunde ausführen, Babysitten oder Zeitung austragen, ich nahm nahezu alle Jugendarbeiten an und sparte eisern jede einzelne Münze. Auch in der Schule war ich von jenem Augenblick an sehr motiviert und wollte gute Noten schreiben. Nach Beendigung der Schulzeit suchte ich mir einen soliden Ausbildungsplatz und entschied mich für einen Kaufmännischen Beruf. Nachdem ich meine Lehre zur Rechtsanwalts- und Notariatsfachangestellten absolviert hatte, nahm ich das Studium in Angriff. Mein Leben war auf dieses Ziel ausgerichtet, und nach jahrelangem Fleiß erfüllte sich mein Traum endlich. Durch die stattliche Größe unseres Grundstückes hatte ich nun die Möglichkeit, meine eigene Hundeschule zu eröffnen. Parallel dazu bot ich auch Hausbesuche an, denn meine Schwerpunkte lagen nicht nur in der Hundeerziehung und -haltung, sondern auch bei anderen Haus- und Heimtieren wie Katzen und Pferden. Da ich auch staatlich geprüfte Papageienzüchterin bin, reichte mein Behandlungsspektrum vom Wellensittich bis zum Pferd.
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