Meine Geschichte beruht auf einer wahren Begebenheit. Dieses Buch soll die Grausamkeit des Stalkings ungeschönt aufzeigen, aber auch Rat und Wissen vermitteln, was man tun kann und muss, um sich zu wehren. Es soll zeigen, dass etwas gewaltig schief läuft in Deutschland. Aus diesem Grund ist dieses Buch wahre Geschichte, Ratgeber und Krimi mit Gänsehautfaktor in einem.
Es wird Zeit, dass die Öffentlichkeit und insbesondere auch die Justiz aufgerüttelt werden. Stalking ist kein romantisches Kavaliersdelikt. Es ist ein Raub an der eigenen Privatsphäre, der Freiheit und Selbstbestimmtheit sowie der Gesundheit und den eigenen Lebensweisen.
Ich werde darüber schreiben, wie sich aus einer belanglosen, zufälligen Begegnung scheinbar unbemerkt ein gewalttätiger Stalker entpuppte, wie der Alptraum Stalking im Strudel der Gewaltspirale im versuchten Mord mit schwerer Körperverletzung endete und wie sich Schutzlosigkeit durch Amtswillkür und Korruption anfühlt. Aber ich möchte auch darüber schreiben, wie mir neuer Lebensmut half, dem Stalking zu entkommen.
Wieso kann Stalking überhaupt solche Macht über uns gewinnen? Was ich in meinem Leben bereits lernen konnte, ist, dass Menschen gerne dazu neigen, in einer Graustufe zu leben. Manche sehen alles schwarz, das sind die Pessimisten. Manche sehen alles weiß, das sind die unverbesserlichen Optimisten. Die meisten Menschen leben jedoch in einer Graustufe. Diese Leute leben nicht, sie existieren. Alles gleitet einfach so dahin; eine Schnellstraße des Lebens, ohne Rastplätze, mit dem Blick ständig auf eine ungreifbare Zukunft gerichtet. Jeder möchte alt werden, ohne jemals alt zu sein. Wenn aber niemand alt sein möchte, warum wird dann so viel Zeit im Hier und Jetzt verschwendet? Wir haben nur das Jetzt! Ob wir morgen oder gar die nächste Stunde erleben, das können wir nicht wissen. Diese Worte leuchten jedem ein, und wahrscheinlich möchte fast jeder diesen Zeilen und Gedanken mit einem Kopfnicken zustimmen. Aber zwischen Verstehen und Verinnerlichen besteht ein großer Unterschied. Kaum wurde zustimmend genickt, geht meist alles genauso weiter wie zuvor: hektisch. Nun betrachten wir das Leben der Pessimisten, die alles nur negativ sehen, die nur bemängeln was ihnen fehlt oder was sie verpasst haben. Für sie läuft alles schief, alles ist schlecht. Und wenn sie so gar nichts zum Nörgeln mehr finden, dann wird über den Tellerrand hinaus geblickt und nach Fehlern im Leben anderer gesucht, um von den eigenen Problemen abzulenken. Das Leben der Positivdenker verläuft anders: Alles erscheint verträumt, sie springen ohne Sorgen von einer Lebenssituation in die nächste, ohne auch nur an Morgen zu denken. Da ist das Glas nie halb leer, sondern immer irgendwie fast voll. Aus der Traditionellen Chinesischen Medizin kennt man das Yin und Yang, die Gegensätze, die sich gegenseitig perfekt vervollständigen. Himmel und Erde, das Eine kann nur in perfekter Balance mit dem Anderen existieren. So steckt in allem Übel auch immer etwas Gutes! Doch wenn das Gleichgewicht durch fremde Einflüsse plötzlich gestört wird, dann ist es manchmal schwer bis unmöglich, seine innere Mitte jemals wiederfinden zu können.
Meine innere Mitte und meine Weltanschauung gerieten durch das Stalking völlig aus dem Gleichgewicht, und es dauerte viele Jahre, um diesem Wahnsinn einen Sinn zu geben, um meinen Frieden damit schließen zu können. Diese Erfahrungen möchte ich nun teilen, damit andere nicht die gleichen Fehler machen wie ich, damit andere vielleicht schneller verstehen, sich besser wehren können und hoffentlich rascher in ein normales Leben zurückfinden. Oder einfach nur, um anderen, die sich in dieser Situation befinden, besser zur Seite stehen zu können.
Schon lange beschäftige ich mich mit dem Gedanken, meine Erlebnisse aufzuschreiben und zu veröffentlichen. Anfangs war es ein Gefühl von Rache, dass ich die Dinge, die mir so ungerecht vorkamen, öffentlich an den Pranger stellen wollte. Doch würde es das Geschehene ändern können? Würde es irgendetwas an dem durchlebten Unrecht ungeschehen machen? Nein. Die Vergangenheit kann man nicht ändern, so viel ist sicher, aber man könnte vielleicht einen Denkanstoß bieten, damit anderen geholfen werden kann. So lange hatte ich es vor mir hergeschoben. Immer wieder sagte ich mir: „Wenn das alles vorbei ist und ich endlich zur Ruhe gekommen bin, dann schreibe ich ein Buch darüber.“ Doch das war eigentlich nur Augenwischerei. Wer kennt sie nicht, die berühmten aufschiebenden Worte „wenn…, dann…“? Doch wann ist die Zeit für dieses „Dann“ gekommen? Wenn man tatsächlich alles hinter sich gelassen hat? Wenn die Sache hoffentlich irgendwann einmal vorbei ist? Wenn dieses einschneidende Erlebnis das ganze Leben verändert hat und die Folgen niemals wiedergutzumachen sind, kann es denn dann wirklich jemals vorbei sein? Es gibt keinen guten oder schlechten Zeitpunkt, um etwas Geplantes in die Tat umzusetzen. Es gibt nur irgendwann einmal ein: „Nun ist es zu spät.“
Das Stalking wurde leider immer noch nicht vollständig beendet. Ich beginne also dieses Buch, obwohl das vorgenommene „Dann“ noch nicht vollständig eingetreten ist. Vielleicht, weil ich insgeheim ahne, dass es noch sehr lange dauern kann und vielleicht sogar niemals beendet sein wird, wenn man den Prognosen der Fachleute Glauben schenkt. Doch dazu später mehr. Wie kam es dazu, dass ich ausgerechnet jetzt zu schreiben beginne? Anstoß war ein Bericht über Stalking im Fernsehen, für den man mich kontaktierte und fragte, ob ich bereit wäre, über meinen Fall öffentlich zu sprechen, um auf diese Problematik hinzuweisen. Für die Dreharbeiten suchte das Filmteam gemeinsam mit mir einen Originalschauplatz meines Stalking-Martyriums auf. Obwohl wir noch einige hundert Meter vom eigentlichen Schauplatz entfernt standen und dieser nur in der Ferne zu sehen war, zeigte mir dieser Besuch plötzlich ganz deutlich, wie fest mich das Erlebte immer noch im Griff hatte. Nie hätte ich damit gerechnet, dass mich dieser Besuch so emotional treffen würde. Obwohl zu diesem Zeitpunkt schon einige Jahre vergangen waren, brach ich in Tränen aus und fand mich in einem völligen Gefühlschaos wieder. Mein ganzer Körper zitterte und ich stotterte plötzlich. Mir wurde klar, dass ich bisher nur verdrängt, aber nichts verarbeitet hatte. Das war für mich der Auslöser. Der Zeitpunkt, mich meinen Ängsten zu stellen und mit der Aufarbeitung zu beginnen, um vielleicht irgendwann einmal abschließen zu können. Abzuschließen, nicht zu verdrängen.
Wenn man vor irgendetwas eine unbeschreibliche Angst hat, so nennt man das eine Phobie. Eine Phobie, also eine schreckliche, lebensbeherrschende Angst, kann man nur verarbeiten, indem man sich ihr stellt und an ihr arbeitet. Doch wie stellt man sich nun den Ängsten des Stalkings? Sucht man den Kontakt zum Stalker, um die Angst vor ihm zu verlieren? Wohl kaum. Dies ist weder empfehlenswert, um dem Stalking zu entkommen, noch sinnvoll, wenn der Stalker zu Gewalt neigt. Die regelmäßigen Begegnungen vor Gericht sind bereits qualvoll genug und können nicht als Angstkonfrontation gewertet werden. Bei Stalking kann man sich mit seiner Angst nicht wirklich auseinandersetzten, man kann sich ihr nicht stellen oder sich desensibilisieren. Dann merkte ich, dass es eine Art der Selbsthilfe sein kann, wenn man sich die schrecklichen Erlebnisse einfach von der Seele redet oder in diesem Fall von der Seele schreibt. So konnte ich das Erlebte in Ruhe verarbeiten, mich mit dem Geschehenen auseinandersetzen und mich auf diese Weise der eigenen Angst stellen. Wenn der Bekanntenkreis diesem Thema überdrüssig geworden ist oder man niemanden damit belasten möchte, wenn sich scheinbar niemand in die tatsächliche Gewalt hineinversetzen kann und stattdessen lieber versucht, alles herunterzuspielen, dann ist Schreiben oft hilfreich. Papier unterbricht nicht, es spielt die Situationen nicht herunter oder witzelt hämisch darüber. Man kann sich einfach alles von der Seele schreiben. Es ist wenig hilfreich, alles stillschweigend in sich hineinzufressen, um niemanden damit zu belasten. Wenn niemand zuhören will, dann ist Papier ein guter Zuhörer. Als ich nun allein mit all der grausamen Gefühlswelt im Magen im stillen Kämmerlein saß und über Möglichkeiten grübelte, wie ich diesem Alptraum endlich entkommen könnte, so kam mir immer wieder der Gedanke, dass ich über all dies berichten muss, es in die Welt hinausschreien oder auch darüber schreiben will. Jetzt ist es soweit, und ich fülle einfach meine ersten Zeilen.
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