Als sie zurückkam, gähnte Tao, stand auf, streckte seine Glieder, schüttelte sich und wedelte wild mit dem Schwanz.
„Na los, Du Penner!“, sagte Leonie und griff nach der Leine.
Auf der schmalen Straße vor dem Haus herrschte wenig Verkehr, zweihundert Meter weiter begann schon die Grünanlage, durch die hindurch es auf die Felder ging. Tao trabte voraus, er kannte ja den Weg.
Um diese Uhrzeit waren die meisten Hundehalter schon wieder zuhause, was Leonie leidtat, denn ihr fehlten die Schwätzchen mit ihnen. Über die Jahre hatte sie fast alle im Umkreis kennengelernt, die Hundeleine und Kacktüte bei sich trugen. Beim täglichen Gassigang war es egal, ob einer aus einer Millionenvilla oben auf der Düne kam oder aus einer Kleingartenparzelle unten am Wasser. Im Park trug jeder praktische Sachen, und die Hunde begegneten einander sowieso auf Augenhöhe. Es interessierte sie nicht, wer von ihnen aus dem Tierheim kam und wer von einem edlen Züchter.
Konnten sich die Vierbeiner gut riechen, dann ging Leonie häufig eine Stunde an der Seite eines anderen Hundehalters spazieren. Meistens tauschten sie Hundegeschichten aus, plauderten über Alltagsglücksfälle und Missgeschicke und wurden mit der Zeit zu Freunden, ohne es zu merken. Andere Hundebesitzer grüßte Leonie nur. Doch wenn es etwas Neues gab, erfuhr es jeder, so wie jetzt von Frau Hinselmann.
Diese kam Leonie aus dem Park entgegen. Sie führte eine kleine Promenadenmischung an einer Flexileine, und jedes Mal, wenn das Hündchen etwas beschnuppern wollte, riss sie es mit einem Knopfdruck zurück.
„Haben Sie schon gehört?“, rief sie von der anderen Straßenseite. „Da hinten im Gebüsch liegt eine Bache mit Frischlingen! Passen Sie bloß auf Tao auf. Meiner kommt ja gar nicht von der Leine. Ich habe das Wildschwein nicht gesehen, aber das Frauchen von Roberto. Ich hab´s bloß gerochen. Durchdringend nach Maggi. Das macht einem ordentlich Angst!“
Frau Hinselmanns Gesicht lag in furchtsamen Falten. Sie war Witwe, und Leonie hatte sie niemals lächeln sehen.
„Danke!“, rief sie ihr zu und pfiff Tao zurück. Sie würde den unteren Weg durch den Park nehmen und auch andere Hundehalter warnen.
Die Felder lagen in klarem Frühlingslicht. Sie wanderten durch eine Allee aus Kirschpflaumensträuchern, die so weiß und überreich blühten wie eine Hochzeitsdekoration. Ein paar hundert Meter weiter befand sich ein Bauernhof mit Pferdepension. Nur wenige Tiere standen um diese Jahreszeit schon draußen auf der Koppel. Weil Leonie in diesem Gelände öfter auf Reiter traf, hatte sie Tao frühzeitig an die Nähe riesigen, schnaubenden Tiere gewöhnt. Einmal war sie mit einer Frau mitgegangen, die ihr Pony am Zügel spazieren führte.
Im hohen Gras der hellgrünen Wiesen, die sich bis zum Horizont hinzogen, leuchteten Löwenzahninseln aus Hunderten gelber Blüten. Ein abgeerntetes Maisfeld war von lila blühendem Wildkraut bedeckt. Taos Schwanzspitze wedelte im Gebüsch. Er belauerte ein Mauseloch.
„Ich lieb Dich, Du Viech“, flüsterte Leonie, während sie seine sprungbereite Gestalt betrachtete. Hunde hatten das Talent, jeden Tag das gleiche Abenteuer neu zu erleben.
In der Ferne entdeckte Leonie das Herrchen von Rudi, und sie winkten einander zu. Obwohl sie ihn seit Jahren immer wieder traf, kannte sie seinen Namen nicht. Sein Hund lief auf wackligen Beinen hinter ihm her. Es war die gleiche Rasse wie Tao, aber neun Jahre älter. Seine Nase und Pfoten waren weiß geworden, die Muskulatur seiner Oberschenkel hatte abgebaut, er machte nur mehr kurze Trippelschritte. Leonie freute sich jedes Mal, ihn zu sehen, weil das bedeutete, dass er noch lebte.
„Hoffentlich machst Du es auch so lange“, sagte Leonie zu Tao, der wie besessen das Mauseloch aufbuddelte. Die Erde flog zwei Meter weit und traf Leonie am Hosenbein. Sie sprang weg und lachte. Seit sie einen Hund hatte, waren ihre Jeans immer dreckig.
Auf dem Heimweg durch den Park schaute Leonie sehnsüchtig nach den Gartengrundstücken, die hier in grüner Abgeschiedenheit lagen. Meist waren die Häuschen kaum fünfzig Quadratmeter groß, aber das würde ihr vollkommen ausreichen. Zum Ausgleich waren die Gärten sehr geräumig. Manche Lauben standen ständig leer und waren von Efeu überwuchert. In anderen sah sie selten Leute.
Neulich war offenbar das Rot-geklinkerte mit den grünen Fensterläden verkauft worden, denn es wurde jetzt von polnischen Handwerkern renoviert. Jedes Mal, wenn Leonie mit Tao vorbeikam, stand etwas anderes draußen: Ein rostiger Nachtspeicherofen, eine alte Toilette. War das Tor offen, so konnte sie hineinschauen: Drei alte Bäume, ein dichter Rasen, eine Grillecke, in der Ecke blühte ein üppiger, pinkfarbener Rhododendron.
Leonie hätte jedes dieser Häuschen genommen, egal wie schief es stehen mochte. Sie hätte ihre ganze Kraft und Liebe hineingesteckt, und das war nicht wenig. Aber über die Hürde des Kaufpreises kam sie niemals hinweg.
Sie entschied sich, unten am Ufer zurückzugehen. Tao rannte ins Wasser und schlapperte den Fluss leer. Währenddessen schaute Leonie in die lichte Weite. Hinten tuckerte ein schrottbeladener Lastkahn vorbei.
Als sie sich umwandte, konnte sie gerade noch die Frau vorbeigehen sehen, die ihr schon im letzten Sommer aufgefallen war, danach hatte sie sie nicht wieder getroffen. Sie war groß, genauso schlank wie Leonie, und trug eine lange, schwarze Mähne, wahrscheinlich gefärbt. Vermutlich war sie in Leonies Alter und im Gegensatz zu vielen Frauen hier am Stadtrand auffallend modisch gekleidet, zu schick für diese beinahe ländliche Umgebung, aber sehr geschmackvoll. Wenn Leonie ihr im letzten Sommer begegnet war, hatten sie einander manchmal zugenickt.
Leonie sah ihr nach. Die Frau hatte Kopfhörer auf und telefonierte. Vor trippelte ein winziger Yorkshireterrier. Mit großer Wahrscheinlichkeit würde Leonie ihr bald wieder begegnen. Um sie vor den Wildschweinen im Gebüsch zu warnen, hätte sie ihr nachlaufen müssen, das wollte sie nicht.
Zurück im Appartement fütterte Leonie den Hund und setzte sich mit einem Kaffee an den Schreibtisch. Sie hatte eine Stelle als Texter entdeckt, für eine Hausbau- und Gartenwebsite. In ihrer Bewerbungsmail gab sie ihren Stundensatz mit dreißig Euro an. Sie wusste, dass andere Texter nicht unter siebzig Euro einstiegen. Also löschte die die dreißig wieder und schrieb zweiundvierzig. Ihr war jetzt schon klar, dass sie keine Antwort erhalten würde. Es gab eben auch ein Heer von Textern, die für Stundenlöhne von sieben Euro arbeiteten, und es wurden immer mehr. Zudem waren sie dreißig bis vierzig Jahre jünger.
Wenn Leonie wenigstens ein Thema für einen neuen Roman eingefallen wäre. Mehrere Tage hintereinander hatte sie sich auf dem Schreibtischstuhl festgeklebt und einen Anfang geschrieben. Die erste Seite formulierte sie so lange um, bis sie nicht mehr darüber hinwegsehen konnte, dass sie keine Idee, keinen Willen, keine Fantasie hatte, sich irgendetwas Sinnvolles auszudenken.
Leonie stand auf, machte zwei Schritte in die fensterlose Küche und bereitete sich den zehnten Kaffee des Tages zu. Für eine Gärtnerin war der Frühling nicht die Zeit, Romane zu schreiben. Es war die Zeit, den Rasen zu kalken, die vertrockneten Lampenputzerbüschel zwei Handbreit über dem Boden zurückzuschneiden und mit der Leiter auf das Dach zu steigen, um die Dachrinnen vom Winterdreck zu befreien. Sie hätte Beete auflockern und düngen müssen.
Leonie unterdrückte das beklemmende Gefühl, mit ihrer Nase dicht vor einem Spiegel zu kleben und keine Möglichkeit zu haben, von ihrem Bild Abstand zu nehmen. Sie musste weitermachen, nach Auswegen suchen, sich selbst retten und Tao. Sie war verantwortlich für ihn. Er hatte doch nur höchstens fünfzehn Lebensjahre. Die sollte er nicht in einem Betongefängnis verbringen.
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