Viktoria setzte sich in den Sessel neben ihrer Großcousine, faltete sittsam ihre Hände in ihrem Schoß und schaute gefasst ins Nichts. Das alte Fräulein legte behutsam eine Hand auf das nackte Ärmchen der jungen Frau: „Es wird sich alles zum Guten richten. Du wirst sehen, mein Kind.“ sagte sie dabei in leisen Worten, die aber dennoch sehr überzeugend klangen.
„Sie meinen es gut, liebe Cousine. Ich weiß,“ antwortete Viktoria flüsternd, „und ich verstehe es als wohllöblich, dass Sie mir Mut zusprechen woll´n, und dafür meinen Dank. Doch ein Tümpel beleibt ein Tümpel, auch wenn sich der schönste Himmel in ihm spiegelt. Und es nutzt dem in ihm Badenden kein schillernd Antlitz, wenn er jüngsthin im schmutzigen Wasser versinkt und im Moder am Grund vergeht.“
„Es war nicht meine Absicht,“ sprach die Alte zurück, „Dich zu beruhigen, um Dich so getäuscht in ein Verderben rennen zu lassen. Vielmehr ist es, was ich meine, dass Du mit Deiner Stärke, mit Deinem Verstand dazu, das alles dann doch so zu wenden wirst können, wie Du es brauchst, auch wenn ein steinig Weg zu diesem Ziel nur führen mag. Und hast Du nicht schon länger mit List und Tarnung viel erreicht, so wird´s Dir auch gelingen, dem fetten Hagestolz, den Du bald ehelichen wirst, den Garaus zu bereiten.“
Die Worte von Käthe klangen Viktoria noch einige Zeit in den Ohren. Still saßen sie nebeneinander, die Cousine klopfte dem jungen Ding immer wieder behutsam das Ärmchen und beide wussten, es nahm nun alles seinen Weg.
Franz-Joseph Kohlhaase war es, der sein Töchterlein selbst höchstpersönlich aus der Bibliothek in den Jagdsaal führte. Kurz bevor die junge Frau am Arm des Vaters hinausschritt, blickte sie noch einmal zurück zu Käthe, fast so, als erhoffte sie sich von dem klapprigen alten Fräulein ein Wunder in letzter Sekunde. Doch ihre Großcousine sah ihr nicht hinterher, sie hielt wieder ein kleines Büchlein in Händen, in dem sie weiterzulesen beschlossen hatte.
Im Saal herrschte eine unangenehme Fülle. Die leise Musik des kleinen Orchesters wirkte nahezu gespenstisch, denn es mischte sich ganz unpassend unter das Gemurmel der geführten Gespräche in den vielen Gruppen, die teils zusammenstanden, teils in kleinen Gesellschaften zu Tische saßen. Die wenigsten von den Gästen waren Viktoria bekannt. Nur vereinzelt, hier und dort, entdeckte sie Gesichter, denen sie schon begegnet war, auch hatten sich einige Verwandte eingefunden, was für sich schon eine gewisse Außergewöhnlichkeit in sich trug.
Immer noch bei ihrem Vater untergehakt schritten beide vom Herrn des Hauses dirigiert den heimischen Saal ab, als würde eine fürstliche Hoheit an ihrem Volke vorgeleitet. Man honorierte dies in den abgeschrittenen Reihen mit freundlichen Blicken, kleinen, oft auch nur angedeuteten Verbeugungen der Herren, während die herausgeputzten Damen sich ihrer Neugier gar nicht schämen wollten und Viktoria unverhohlen von oben bis unten musterten, um hiernach, sobald sie aus dem Blickwinkel der Vorbeischreitenden verschwunden war, die Köpfe zusammenzustecken und sich tuschelnd hinter eifrig gewedelten Fächern über das gerade Gesehene auszutauschen.
Als der Vater empfand, dass nun wohl alle ausreichend Gelegenheit gehabt haben sollten, das Töchterlein in ihrem prächtigen Kleid zu bestaunen, wohl auch niemand ausgelassen und nichts mehr geeignet ward die Spannung zu erhöhen, besann er sich zur Zurücknahme seiner eitlen Darbietung und schritt geradewegs mit seinem Kind auf seine Gattin zu. Neben dieser standen der Silberwarenhändler Berking, der extra aus Bremen gekommen war, ein Mann schlanker Figur und einem langen weißen Bart, dessen untere Spitze bis über die gebundene Fliege reichte, und Dr. Krottenkamp, der noch geheime Bräutigam, der sich im Erscheinungsbild vom feinen Berking ähnlich abhob, wie ein Masttruthahn von einem Fasan.
Während der Kaufmann in Silber mit freundlicher Galanterie das junge Fräulein begrüßte, stand der Doktor schwitzend und nervös daneben und war bemüht, sich gut durchzustrecken, um auf diese Weise den Unterschied im Wuchs, ganz zwecklos überdies, auszugleichen. Als er nun endlich an der Reihe war Viktoria zu begrüßen, gelang ihm eine durchaus passable Verbeugung und als diese beendet war, richtete er das Wort an sie: „Wertes Fräulein Viktoria“, begann er salbungsvoll, „darf ich Ihnen zunächst meinen allerherzlichsten Glückwunsch zu Ihrem erst vor kurzem zu feiernden Geburtstag aussprechen, verbunden mit nur guten Wünschen um Glück und Gesundheit fürderhin. Und ich habe mir ganz bescheiden erlaubt, Ihnen zur Bestätigung meiner Ihnen gegenüber äußerst gern aufzubringenden Aufmerksamkeit ein Bouquet stecken zu lassen, welches ich bei meinem Eintritt in Ihr Elternhaus am heutigen Tage den Dienstbereiten zur ordentlichen Präsentation in Ihrem privaten Zimmer anhand gegeben habe.“ Nun grinste er und glänzte in seinem Schweiß, der sich nun nochmals deutlicher auf seiner Glatze abzeichnete.
Viktoria verharre in ihrer steinernen Miene: „Ich danke dem Herrn Doktor sowohl für seine gutgemeinten Wünsche, als auch für die Aufmerksamkeit in Form seines Bouquets. Und ich gehe doch davon aus, dass er es gutheißen wird, wenn ich die sicher fein gewählte Blumenpracht einem Platz im Hause zuführe, an dem diese einer gerechten und freudebringenden Betrachtung unterliegt, und alle Herrschaften, wie auch Dienstbereite, sich an dem Anblick erfreuen können, bevor die Schönheit der Natur in meinem Zimmer kaum beachtet verkümmerte.“
„Welch´ eine vorzügliche Idee!“, antwortete Krottenkamp süßsäuerlich. „Und zeigt das Fräulein doch schon im jungen Alter einen außergewöhnlichen Sinn für das häusliche Wohl.“
Er merkte schnell, dass es ihm nicht leicht gemacht werden würde, mit seiner Zukünftigen, die das Vermählungsvorhaben gewiss schon zur Kenntnis erhalten hatte, mit dieser eine unbeschwerte und unverfängliche Konversation führen zu können. So versuchte er einen anderen Weg zu gehen: „Es wäre mir eine große Freude und Genugtuung, wenn das Fräulein Viktoria mir später einen Tanz zu dieser vorzüglichen Musik einräumen würde.“
„Wie könnte ich noch in den Spiegel schauen, sollt´ ich ganz voller Eitelkeit und Eigensinn den hoffenden Damen hier im Saale das lang ersehnte Tanzvergnügen rauben. Und als Tochter eines Kaufmanns ist mir das Wesen von Verträgen wohlbekannt. So bitt ich den Herrn Doktor zur Nachschau des mich betreffenden, um die Passage zu finden, in der das Tanzen zum Bestandteil wurd´.“
Viktoria hielt es für angebracht, die gerade aufgeflammte Konversation nicht weiter zu befeuern, senkte den Kopf und drehte sich mit ihrem Stand so, dass Krottenkamp unmissverständlich zu wissen bekam, dass es im Saal sicher Interessanteres als ihn geben sollte. Sie sah dann auch nicht, dass ihr bisheriges Gegenüber einen puterroten Kopf bekam und kurz darauf ein Taschentuch hervorzauberte, um sich mit diesem die feuchte Stirn zu tupfen. Und so verlief der erste Teil der Soiree nicht nur ohne einen weiteren Wortwechsel zwischen den beiden, sondern auch ohne das gewünschte Tänzchen. Sehr zum Missfallen des Vaters, sehr zur Sorge der Mutter, sehr zur Freude von Viktoria.
Doch der scheinbar währende Frieden fand sein jähes Ende, in dem der Vater nach ausreichend Zeit der Präsentation und Verlauf der Soiree seine Tochter in die Bibliothek bat, da dort Herr Dr. Krottenkamp auf das Fräulein Viktoria warten würde. Cousine Käthe, so der Vater, wäre auch zugegen, um der Etikette gerecht zu werden. Ihr Zugegensein aber wäre unschädlich, da es mit ihrer Hörkraft bekanntlich ja nicht weit her sei. Er geleitete seine Tochter nun aus dem Saal bis zur Bibliothek, öffnete die Türe und ließ sie dann von außen ziehend leise ins Schloss gleiten, nachdem Viktoria den Raum betreten hatte.
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