setzte er nach ein paar Augenblicken an zu sprechen, doch sie unterbrach ihn seelenruhig: „Ich
weiß.“
„Du hast mich k. o. geschlagen …“
Er kam auch dieses Mal nicht sonderlich weit. „Auch das weiß ich.“ Sie nahm sich zusammen und
sagte: „Ich weiß, wie das alles auf dich wirken muss, aber ich kann es dir nicht so erklären, dass du es
verstehen würdest. Jedoch war das, was ich getan habe, notwendig …“
„Notwendig?!“, fragte er entgeistert. „Du hast mich erst geküsst und dann bewusstlos geschlagen.
Was soll ich davon halten?“
Olivia wurde langsam wütend. „Du weißt nur nicht, was du davon halten sollst, weil du es nicht
verstehst. Es war zu deinem Besten! Ich habe dich doch nur geküsst, weil …“ Sie verstummte. Das
Ende des Satzes durfte sie ihm nicht verraten, aber, um ehrlich zu sein, wusste sie nicht wirklich, ob
es da nicht doch mehrere Gründe gegeben hatte.
Zayn wirkte nun nicht mehr sauer, sondern neugierig. „Ja? Warum hast du mich geküsst?“ Er legte
den Kopf schief und trat näher an sie heran. Daraufhin wich sie einige Schritte zurück und spürte
plötzlich die Wand des Gartenhauses an ihrem Rücken wie eine Mauer.
„Die bessere Frage ist doch, warum du mich zurückgeküsst hast und warum du es jederzeit wieder
tun würdest!“ Herausfordernd blitzte sie ihn an.
„Woher willst du das wissen?“
„Ich sehe es dir an! Wenn ich dich wieder küssen würde, würdest du mich nicht fortstoßen.“
„Würdest du es denn wieder tun?“
„Und erneut stellst du die falsche Frage: Wäre es nicht viel wichtiger zu wissen, ob ich dich danach
wieder schlagen würde?“
Automatisch lachte er und es spiegelte sich in seinen Augen wider, diesen unendlich blauen Augen. Jetzt stand er direkt vor ihr und legte jeweils eine Hand rechts und links von
ihrem Kopf ab. Nachdenklich musterte er sie, um dann festzustellen: „Du könntest dich aus meinen
Armen befreien, wenn du willst.“ Leugnen war unmöglich. Dazu verwirrte seine Nähe sie zu sehr.
„Wer sagt denn, dass ich es will?“, erwiderte sie, was er jedoch überging.
„Du hast meine Frage noch nicht beantwortet“, bemerkte er.
„Ich habe viele deiner Fragen nicht beantwortet, da musst du schon genauer werden“, entgegnete
sie frech. Wieder näherte er sich ihr um einige Zentimeter und seine deutliche Präsenz vereinnahmte
sie, während sein Duft nach Sandelholz sie fesselte.
„Die Frage, ob du mich wieder küssen würdest“, präzisierte er.
Sie tat so, als ob sie angestrengt überlegen müsste, und begutachtete ihn ausgiebig. „Ich werde dir
darauf keine Antwort geben“, entschied sie sich einfach.
Zayn wollte ihr bereits etwas entgegensetzen, als sie bestimmte, dass sie genug geredet hatten. Kurzerhand legte sie die Arme um seinen Hals und zog ihn an sich. Sie war sich nicht sicher, wieso sie das tat, sie handelte rein instinktiv und sämtliche ihrer Instinkte hatten sie dazu verführt, ihre Lippen einfach auf seine zu drücken. Erst war er überrascht davon, doch dann schien er daran Gefallen zu finden. Er löste sie von der Wand und sie schmiegte sich an ihn, sodass kein Blatt mehr zwischen sie passte. Es war unglaublich, ihn zu küssen. Sanft und leidenschaftlich zugleich. Seinen Geschmack von Honig auf ihrer Zunge zu schmecken. Sie liebte Honig. Traumhaft, schoss es ihr nur durch den Kopf. Entschlossen vergrub sie die Hände in seinem Haar und er schlang die Arme fester um sie. Die Zeit schien für ein paar Momente einfach stehen zu bleiben. Olivia vergaß alles um sich herum, wo sie war und vor allem, was sie durchgemacht hatte. Es fühlte sich an wie eine Erlösung von all ihrem Schmerz – eine unwiderstehlich süße. Sie fühlte, wie weich seine Lippen waren, wie ein Kissen. In jeder Zelle konnte sie ihn fühlen, auf ihrer Zunge schmecken und sich von seinem Duft den Verstand vernebeln lassen. Berauschend floss ein vollkommen neues Gefühl durch ihre Adern und ließ ihr Herz schneller schlagen.
Auf einmal jedoch wurde ihr klar, welchen Fehler sie begangen hatte. Jemand könnte sie sehen. Jemand, der ihrem Vater nur allzu gerne von einem ihrer Schwachpunkte berichtete. Mit ihrem langen und intensiven Kuss schubste sie Zayn geradezu ins Scheinwerferlicht für ihre Feinde, die, sollten sie Olivia erst einmal gefunden haben, sie höchstwahrscheinlich nicht aus den Augen ließen. Obwohl sie sich nicht sicher war, ob sie beobachtet wurden oder nicht, zeigte ihr allein, dass die Möglichkeit bestand, wie gefährlich es für ihn war. Das war dumm von ihr gewesen. Dumm und egoistisch und … wunderschön, aber zu risikoreich. Olivia musste das schleunigst unterbinden, etwas tun, um ihn von sich fortzustoßen. Bildlich und wörtlich. Hatte sie denn gar nichts aus der Sache mit Henry und Tylor gelernt? Es würde zwar wehtun, ihn zu vertreiben, aber ihre Gefühle durften hierbei keine Rolle spielen, wenn es um seine Sicherheit ging. Also löste sie sich langsam von Zayn und ignorierte das plötzliche Stechen in ihrer Brust. Verträumt lächelte er sie an, doch sie erwiderte es bösartig. Ein Plan hatte in ihrem Kopf Gestalt angenommen und die Gefühle in ihr hoffentlich ausgeschaltet: Er musste sie hassen. Der Pfad zwischen Liebe und Hass war schmal und sie musste sicherstellen, dass er auf der Seite des Hasses wandelte und nicht der der Liebe.
„Sag ich doch: Du wirst mich nicht wegstoßen, niemals.“
Ihm schwante Übles.
„Aber ich kann es tun!“
Die nächsten Worte trafen ihn unvorbereitet. „Wie ich schon sagte: Ich liebe es zu spielen, aber mit dir bin ich fertig. Es wird Zeit, mich dem Nächsten zu widmen. Wir alle spielen doch ein Spiel, springen von einem zum Nächsten, aber wenn auch nur eine Person nicht loslassen kann, ist die ganze Kette unterbrochen. Also lass mich in Ruhe.“
Die Rolle der bösen Zicke beherrschte sie perfekt, was sie endlosen Filmeabenden mit Ryan zu verdanken hatte, an denen sie sich so gut wie jeden Highschool-Drama-Film reingezogen hatten. Zayns ungläubiger Anblick verriet ihr dies. Gleichzeitig freute sie sich und hätte ihm am liebsten all ihre Beweggründe gebeichtet, aber der letzte funktionstüchtige Teil ihres Gehirns hielt sie zurück, und so setzte sie ihre Sonnenbrille auf, lächelte ihn zufrieden an und ließ ihn mit offenem Mund stehen.
Es tat weh, aber sie musste es ihm antun. Sein Leben besaß einen weit höheren Stellenwert als ihre Gefühle, die Olivia nun in einen Käfig aus Wut und Trauer steckten. Um Zayn zu zeigen, dass sie es ernst meinte, schnappte sie sich Liam, der gerade zufällig an ihr vorbeilief, drückte ihn gegen die nächstbeste Wand und setzte ihren Mund einfach auf seinen. Es fühlte sich nicht mal ansatzweise so gut an wie bei Zayn, aber sie vertiefte den Kuss trotzdem. Zuerst wirkte der Junge überfordert, doch er fing sich schnell und erwiderte den Kuss mit all seinen Sinnen. Seine Hände glitten über ihren Rücken und sie schmiegte sich widerwillig in seine Arme.
Dann zog sie seinen Kopf an den Haaren nach hinten, und während er ihr hitzig in die Augen schaute, verriet sie ihm, dass er für sie nur einen Zweck erfüllt hatte. „Danke.“ Es hörte sich gehässig und nicht sonderlich ernst gemeint an. Lächelnd drehte sie sich zu Zayn um, den sie bereits während des Kusses hatte kommen hören. Schmerz zuckte in Blitzen durch ihren Körper, als sie ihn ansah. Schwierig zu sagen, wer mehr litt.
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