„Nennen Sie mich Rodrigo.“
Eigentlich hatte sie das erwartet: Er nannte nie seinen echten Namen gegenüber Menschen, die nicht zum Kartell gehörten.
„Und wie darf ich Sie nennen, meine Hübsche?“
Gelassenheit schmückte ihr Gesicht.
„Wir kennen uns schon“, offenbarte sie ihm. Etwas verwirrt blickte er auf.
Galant machte sie zwei Schritte nach vorne, streifte ihre High Heels ab und kickte sie achtlos aus dem Weg. „Wissen Sie, mein Vater hat mir vieles beigebracht: das Lesen, das Fahrradfahren, das Schreiben.“ Bei jedem ihrer Worte näherte sie sich ihm um einen kleinen Schritt. Ihr Blut pulsierte um die Stelle herum, wo ihr Messer an ihre Haut drückte und auf seinen Einsatz wartete. „Er zeigte mir auch das Kämpfen, das Täuschen, das Betrügen. Er zeigte mir den Hass, den Schmerz, das Leiden, die Furcht.“ Sie sprach immer schneller und ihre Hand wanderte zu der spitzen Klinge unter dem zarten Stoff ihres Kleides. „Er brachte mir bei, was es heißt, zu leben, und auch, wie man tötet.“ Fest fasste sie den Griff der Waffe. Aus ihrem Versteck zog sie sie ins schummrige Licht der Deckenbeleuchtung und hielt sie ihm an die Kehle. „Aber das weißt du ja schon, oder hattest du es etwa vergessen, Sergio?“
Kurzzeitig erschrak er und die Furcht spiegelte sich in seinen sonst so arroganten Zügen wider.
„Hattest du mich etwa vergessen? Mich, deren Schreie dich hoffentlich bis in deine Träume verfolgt haben? Mich, deren Leben du beinahe beendet hättest? Mich, die du fast ertränkt hättest?“ Olivias Körper bebte vor Wut, und obwohl sich die Spitze der Waffe bereits in seine dünne Haut bohrte, fing Sergio sich.
Er fragte sie mit ausdrucksloser Miene: „Bin ich etwa der Nächste auf deiner Liste, Olivia?“ Er wagte es, sie zu verspotten. „Sollte ich etwa Angst vor dir haben, nur, weil du ein Messer hast? Vor dem kleinen Mädchen, welches auf seinem Rachefeldzug eine lange Liste abarbeitet, nur, um am Ende, wenn es in die Mündung einer Pistole blickt, zu merken, dass es einen gewaltigen Fehler begangen hat? Nein, ich fürchte dich nicht, kleines Mädchen!“ Er spuckte ihr rechthaberisch entgegen.
„Du bist noch dümmer als all die anderen, denen ich das Messer bereits zu Recht an die Kehle gehalten habe. Sie waren wenigstens so schlau und hatten Angst!“ Sie wechselte die Position und legte ihm die Klinge nun von hinten an den Hals. Für wenige Sekunden war nur sein eine Spur zu schnell gehender Atem zu hören.
„Weißt du, Angst ist ein notwendiges Gefühl. Sie warnt uns bei Gefahr und kann uns das Leben retten. Ich frage dich das jetzt nur einmal: Könnte ein dummes, kleines Mädchen so viele Männer töten? Könnte es sich nie dabei erwischen lassen? Wäre es so clever? Wäre es in der Lage, ein ganzes Kartell auszulöschen? Denn genau das werde ich tun: Jeden einzelnen Schuldigen in seine wohlverdiente Hölle schicken.“
Kurz flackerte das Licht der Deckenlampen über ihren Köpfen.
„So viele Namen auf meiner Liste sind bereits durchgestrichen. Und deiner ist der nächste. Ich werde nicht aufhören, Sergio. Das ist kein Fehler. Woher ich das weiß?“
Ihr Atem traf ihn am Nacken und ließ ihn frösteln.
„Wenn ich fertig bin mit meiner kleinen Liste, dann gibt es keinen mehr, der eine Pistole auf mich richten könnte. Anfangs wollte ich nur den Tod derer, die mich gequält hatten, aber mittlerweile ist mir bewusst geworden, dass der gesamte Laden vor Verbrechern nur so strotzt. Einen nach dem anderen werde ich mir holen. Dann seid ihr alle tot und ich werde lachen. Über meinen Sieg werde ich lachen und über eure Dummheit!“
Ihre freie Hand schoss vor, umklammerte seinen Arm und ihre Nägel bohrten sich in seine Haut, so fest, dass er blutete.
„Ihr wart so dumm, eure größte Feindin zur Mörderin auszubilden. Ihr könnt mich nicht mehr aufhalten! Dafür habt ihr selbst gesorgt. Und jetzt“, sie löste ihre Nägel aus seinem Fleisch und zog seinen Kopf an den Haaren nach hinten, „sag noch einmal, ich wäre nur ein kleines Mädchen! Das kleine, dumme Kind ist schon vor so langer Zeit verschwunden. Und wer hat es vertrieben?“
Ihre zischenden Lippen spürte er an der viel zu dünnen Haut an seinem Ohr.
„Ihr! Ihr, als ihr mich durch die Hölle gehen ließt. Du“, das Wort traf sein Ohr, „du hast mich ertränkt. Fast. Ich bin nie wirklich gestorben, doch in diesen Momenten habe ich mir nur gewünscht, ich wäre es.“
Durch die Erinnerung brach das Feuer in ihr aus, durchbrach die Grenzen, in denen es ursprünglich brannte.
„Weißt du eigentlich, wie es sich anfühlt? Weißt du, was das für ein Gefühl ist, wenn einem unter Wasser die Luft ausgeht?“
Wut nahm ihre Stimme ein.
„Wahrscheinlich nicht, deswegen erzähle ich es dir.“
Sie schloss die Augen und erinnerte sich an die Gefühle des Ertrinkens. Brüchig erklangen ihre Worte und füllten die Stille im Raum.
„Am Anfang versuchst du krampfhaft, mit dem bisschen Luft, das dir zur Verfügung steht, auszukommen, aber lange dauert es nicht, bis du nicht anders kannst und unter Wasser versuchst, einzuatmen. Ganz blöde Idee, denn sobald Wasser in deinen Körper gelangt, wird es nur noch schmerzhafter. Dann fängt das Brennen an, erst in deiner Kehle und am Ende überall. Du kannst nicht richtig sehen, deine Augen und gefühlt alles an dir weigert sich, weiterzuarbeiten. Die Kraft geht dir aus, deine Augäpfel stehen in Flammen. Sie lecken an deiner Kehle und bringen deine Lunge scheinbar zum Zerbersten, zum Platzen, weil der Druck zu groß wird. Es zerreißt dich und saugt dich aus, bis kein Funken Lebenswille mehr in dir ist.“
Er konnte nicht sehen, dass ihr Tränen in den Augen glitzerten. Sein Atem stockte.
Plötzlich klopfte es dreimal zaghaft an der Tür. Sergio war so naiv, zu glauben, dass nun endlich Hilfe käme, doch Olivia wusste es besser. Ruckartig und ohne zu zögern, nahm sie das Messer von seinem Hals, jedoch nur, um ihm daraufhin einen Finger abzuschneiden. Ihm blieb kaum die Zeit, zu schreien, weil sie seinen Moment des Schocks ausnutzte und zur Tür eilte, um diese aufzuschließen.
Wenige Augenblicke später hielt sie erneut das Messer an seine Kehle. „Schrei und du bist auf der Stelle tot!“
Blut floss über seine Finger und bildete eine kleine Pfütze am Boden. Der Schmerz betäubte seine Hand, während er nach Luft schnappte. Das hatte er ihr ehrlich gesagt nicht zugetraut. Solche Kaltblütigkeit ließ ihn erkennen, wozu sie fähig war und dass sie längst kein wütendes, kleines Mädchen mehr war, sondern eine sich rächende, junge Frau.
Und er bekam es mit der Angst zu tun.
Arians Mädchen betrat nun den Raum und schlug sich eine Hand vor den Mund beim Anblick des abgehackten Fingers, der in der roten Pfütze lag. Sie strauchelte und schaute so verschreckt drein, dass Olivia schon befürchtete, sie hätte sie vollends traumatisiert.
„Es ist nicht so schlimm, wie es aussieht“, sagte sie beruhigend. Sergio wimmerte indes besonders laut. „Er ist nur eine extrem große Memme, nicht wahr?“
Abwartend schaute Olivia ihn an, doch er zischte lediglich: „Du bist tot!“
„Irgendwann werde ich sicherlich sterben, aber du garantiert vor mir. Und zwar jetzt, Sünder!“
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