Da flirtet er mit mir, dabei scheint er eine Freundin zu haben. Anscheinend merkt Mario, dass ich mir Gedanken darüber mache, weil er mich unentwegt ansieht.
»Ich habe Valentina vor einem Monat kennengelernt«, beginnt er. »Beim ersten Blick hat es zwischen uns beiden gefunkt.«
Wow, Mario vertraut mir wirklich, wenn er mir sowas erzählt.
Er streckt mir eine Hand entgegen. »Auf Wiedersehen, Frau Wind, ich wünsche Ihnen einen schönen Urlaub.«
Ich verabschiede mich ebenfalls und er verlässt mit Sasha den Wald.
Ich stehe zusammen mit Paul vor dem renovierten Haus, in dessen Garten ich vor kurzem Mario begegnet bin.
»Das Gebäude ist mir zuvor nie aufgefallen«, sage ich. »Vermutlich, weil hier ständig eine Baustelle war. Glaubst du, dass Mario beim Renovieren mitgeholfen hat? Ich bin mir sicher, dass er noch nicht darin wohnt, denn es steht kein Auto in der Einfahrt.«
»Das tut er garantiert nicht«, sagt Paul. »Grade ist mir eingefallen, dass ich in der Zeitung gelesen habe, dass in der Gegend ein Tierheim gebaut wurde. Das Haus, das abgebildet war, sah aus wie dieses hier.«
»Wenn das ein Heim ist, ist garantiert jemand da. Das sehe ich mir näher an.« Ich klopfe an die Tür und warte ab.
Eine dunkelhaarige Frau mit rabenschwarzen Augen öffnet uns. Ihr Blick verdüstert sich, als sie mich genauer ansieht. »Sie wünschen?«
Oje, sie wirkt nicht gerade kontaktfreudig. Ich schlucke beunruhigt, in mir zieht sich alles zusammen. »Ich suche Herrn Mario Bayer.«
»Aha«, sagt sie. »Wer sind Sie bitte, wenn ich fragen darf?«
Mein bester Freund räuspert sich. »Ich bin Paul Seger. Wir wollten nachfragen, wann denn das Tierheim eröffnet wird.«
Schlagartig erhellt sich ihre Miene. »Morgen Früh ist es soweit, da gilt es offiziell als eröffnet. Wenn Sie wollen, dürfen Sie reinkommen. Wir haben sogar schon einige Tiere, womöglich können Sie mir sogar weiterhelfen.«
Wir betreten das Haus und sehen die Frau erwartungsvoll an.
»Eine Katze weigert sich, zu fressen«, sagt sie. »Ich habe alles versucht, doch sie tut es einfach nicht.
Eigentlich müsste sie am Verhungern sein.« Sie öffnet links von uns eine Tür. »Kommen Sie mit, da drinnen ist sie.«
Wir folgen ihr in einen riesigen Raum, in dem sich etliche Katzen befinden.
Ich sehe mich um. An einer Wand entdecke ich verschiedene Kratzbäume. Gegenüber sind Schlafkörbchen und Katzentoiletten platziert. Sofort stürmen einige der Samtpfoten auf uns zu und betteln um Streicheleinheiten. Paul geht in die Knie und krault ein paar von ihnen. Währenddessen beobachte ich eine kleine Tigerkatze, die gerade dabei ist, eine Spielzeugmaus zu jagen.
Die Frau deutet auf ein Kätzchen mit rot-weißem Fell, das verängstigt in der Ecke sitzt. »Hätten Sie eine Idee, wie ich vorgehen soll?«, fragt sie. »Vorhin hab ich mit meinem Freund telefoniert. Er ist auf dem Weg hierher, aber es hilft mir nicht wirklich, wenn ich warte, bis er da ist. Die Katze wird trotzdem nicht fressen.«
»Haben Sie versucht, ruhig auf das Kätzchen einzureden?«, frage ich.
Sie schüttelt den Kopf, dabei verdreht sie die Augen. »Das ist zwecklos.«
Vorsichtig gehe ich auf das Tier zu und neige mich zu ihm hinunter. »Hat es bereits einen Namen?«
»Nein, es ist uns gestern gebracht worden. Bis jetzt hatten wir keine Zeit, darüber nachzudenken.«
Ich streichele der Kleinen sanft über den Kopf. »Hallo Süße, na bist du gar nicht hungrig?«
»Soso, Sie sind also Katzenflüsterin, oder was?« Die Stimme der Frau klingt skeptisch.
»Tja, ich versuche, Ihnen zu helfen, damit es klappt.« Sie beginnt zu lachen. »Viel Glück. Mein Freund hat gestern auch sein Bestes gegeben.«
Ich entdecke neben mir einen gefüllten Futternapf. Augenblicklich schnappe ich ihn mir, um ihn näher zum Kätzchen zu stellen.
Es sieht zu mir, wagt es aber nicht, sich zu bewegen. Paul beginnt in der Zwischenzeit mit der Dame ein Gespräch über verschiedene Tiere.
Ich starte einen weiteren Versuch, die Katze zum Fressen zu animieren. Beruhigend rede ich auf sie ein. Es vergehen einige Minuten, bis sie endlich den Kopf in die Schüssel neigt und ein paar Häppchen zu sich nimmt. Ich beginne zu lächeln.
Die dunkelhaarige Frau starrt mich fassungslos an. »Sie sind eine Zauberin. Wie haben Sie das nur geschafft?«
»Ich hab ruhig auf sie eingeredet, dann hab ich gewartet, bis sie all ihren Mut zusammennimmt. Sonst musste ich nichts weiter tun.«
Hinter uns öffnet sich mit einem Knarren die Tür. »Valentina?«, höre ich Mario sagen.
Ich wende mich um und sehe, dass er verwundert zum Kätzchen hinunter sieht.
»Unglaublich, sie frisst jetzt endlich«, sagt er und wendet sich Valentina zu. »Wie stellst du das an, dass die Tiere so schnell Vertrauen zu dir fassen?«
Sie geht auf ihn zu und gibt ihm einem Kuss. »Tja, weißt du, ich hab auf sie eingeredet, bis sie angefangen hat, zu fressen.«
Er sieht ihr tief in die Augen. »Gut gemacht. Ich wusste, dir gelingt es noch, das Kätzchen zu überreden.«
Paul räuspert sich. »Natalie hat mit der Mieze gesprochen. Das haben Sie ihr zu verdanken.«
Mario sieht verwirrt zu mir. »Das kann ich kaum glauben. Frau Wind würde doch nie auf fremde Tiere und Menschen von sich aus zugehen. Übrigens, was wollen Sie beide eigentlich hier?« Sein kalter Unterton jagt mir einen Schauer über den Rücken. Warum ist er auf einmal so unfreundlich zu mir?
»Valentina hat uns reingelassen«, sagt mein bester Freund und geht auf ihn zu. »Ich bin Paul Seger, ein Vertrauter von Natalie.«
Mario streckt ihm eine Hand entgegen. »Freut mich, Sie kennenzulernen.« Er sieht zu mir rüber. »Frau Wind, wieso sind Sie eigentlich hergekommen, wenn Sie andere für sich reden lassen?«
Paul ballt die Hände zu Fäusten. »Was fällt Ihnen ein, so patzig mit Natalie zu sprechen?«
»Sie haben recht«, sagt Mario. »Es tut mir leid. Ich wollte Sie echt nicht demütigen, Frau Wind.«
»Ihr Verhalten in der Firma ist nicht anders, als im privaten Umfeld«, sage ich. »Um ehrlich zu sein, bin ich froh, dass ich Sie nicht besser kenne. Sie sind viel zu eitel, darum merken Sie nicht, dass Ihre Freundin Sie belügt.«
»Moment, jetzt gehen Sie aber zu weit. Wieso behaupten Sie das?«
Ich sehe Mario eindringlich in die Augen. »Weil es die Wahrheit ist.«
Ohne eine Miene zu verziehen, öffnet er die Tür. »Verlassen Sie jetzt bitte das Haus.«
Mein Blick wandert zu Valentina. »Sie sind echt bedauernswert. Warum haben Sie es nötig, Ihren Freund zu belügen?«
Paul legt mir eine Hand auf die Schulter. »Komm Natalie, gehen wir. Es ist sinnlos, dass du dich darüber aufregst.« Wir treten aus dem Haus und bleiben vor der Tür stehen.
»Vielleicht hätte ich ihn nicht dermaßen anblaffen sollen«, sage ich. »Immerhin ist er mein Chef.
»Das, was du angesprochen hast, war die Wahrheit, meine Liebe. Du hättest aber lockerer reagieren können.«
»Wenn ich indirekt bin, glaubt mir kein Mensch.« Ich seufze. »Da ist es egal, was ich sage.«
»Schätzchen, es liegt daran, dass du unsicher bist. Vertraue dir, dann glauben dir die Leute eher.«
Ich senke den Kopf. »Es ist hoffnungslos. Herr Bayer mag mich jetzt garantiert nicht mehr.«
»Deiner Mutter ging es ähnlich«, sagt Paul. »Sie wollte auch immer, dass alle Menschen sie mögen. Das hast du sicher in Ihrem Tagebuch gelesen, stimmt’s? Besitzt du es noch?
»Ja klar, es liegt in der obersten Schublade meiner Kommode.«
Seine Miene verdüstert sich. »Gehen wir heim. Es ist Zeit, dass du die ganze Wahrheit über deine Eltern erfährst.«
Was genau meint er damit? Hoffentlich ist es nichts Schlimmes. Wir setzen uns in Bewegung. Mit jedem Schritt wird mir mulmiger zumute.
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