Im Vorraum setze ich mich an den Schreibtisch, um mit den Aufgaben zu beginnen. Es sind drei Stunden vergangen, bis ich endlich mit den zusätzlichen Arbeiten durch bin.
Ich erhebe mich. In dem Moment sehe ich Mario aus seinem Büro kommen.
Er wirft einen Blick auf meinen Schreibtisch. »Sieh an, Sie sind gleich mit den heutigen Aufgaben fertig. Respekt.« Ich lächle und sortiere die restlichen Unterlagen, die noch vor mir liegen, in einen Ordner.
Es ist der letzte Arbeitstag vor meinem Urlaub. Die Aufgaben sind alle erledigt. Zum Glück hab ich Feierabend, weil ich nur bis Mittag Dienst schieben musste.
Ich packe das Smartphone in die blaue Tasche, hänge sie um meine Schulter und gehe heim.
Im Wohnzimmer setze ich mich an den Esstisch. Mit einem Krimi, den ich gestern Abend zu lesen begonnen habe, mache ich es mir gemütlich.
Nach einer Weile springt Minni auf meinen Schoß. Mit einem Maunzen schmiegt sie ihren Kopf an mich. Lächelnd lege ich das Buch zur Seite. Ich streichle sanft über ihr schwarzweißes, glänzendes Fell. Währenddessen fällt mir ein, dass die Hunde noch rausmüssen. Ich bin so froh, dass sich Paul in den letzten Tagen um alles gekümmert hat.
Ich setze die Katze auf den Boden ab. Danach nehme ich Sammy und Mekki an die Leine.
Mit den beiden Hunden spaziere ich den Kiesweg entlang, an meiner Firma vorbei, bis er in den Wald mündet, den ich von zuhause aus sehen kann.
Ich bekomme ein unbehagliches Gefühl. Was ist, wenn Herr Bayer mit dem Gedanken spielt, mich in absehbarer Zeit zu feuern? Er ist undurchschaubar. Wer weiß, was er alles mit der Firma vorhat?
Links neben mir sehe ich ein Haus, das mir hier zuvor noch nie aufgefallen ist. Drei Männer in blauen Latzhosen stehen davor. Sie überpinseln die beige Fassade mit grauer Farbe, die meinem Geschmack nach viel zu dunkel wirkt.
Mit wachem Blick betrachte ich das Gebäude. Es besitzt zwei Stockwerke, daneben ist ein hoher Zaun, der sich über eine ellenlange Strecke hinweg zieht. Im Garten dahinter höre ich Hundegebell. Augenblicklich heben meine beiden Vierbeiner interessiert den Kopf. Eine Männerstimme, die etwas Unverständliches ruft, vernehme ich ebenfalls. Moment, die Stimme kenne ich. Das ist doch die von Mario.
Langsam öffne ich das unverschlossene Zauntor. Die Leinen befestige ich vorher an einem Laternenmast, der am Wegrand steht. Ich spähe in den Garten. Vor mir taucht eine gigantische Grünfläche auf. Ich komme aus dem Staunen nicht mehr heraus.
Unbemerkt von den Malern, die nach wie vor in ihre Arbeit vertieft sind, schleiche ich auf das Grundstück. Es ist kein Mensch zu sehen. Der auffallend gepflegte Rasen sticht mir ins Auge. Am Zaun entlang wachsen Fliederbüsche, die ordentlich zurechtgestutzt sind.
Ein Stück entfernt entdecke ich einen hohen Grashügel. Langsam gehe ich in diese Richtung, bis ich davor stehenbleibe. Was sich wohl dahinter verbirgt?
Stirnrunzelnd krame ich ein Bonbon aus der Hosentasche. Bevor ich es aus der Verpackung wickle, läuft mir wie aus dem nichts ein Golden Retriever vor die Füße.
Vor Schreck fällt mir die Süßigkeit aus der Hand. Der Hund wedelt aufgeregt mit dem Schwanz und schnüffelt an dem Bonbon. Erwartungsvoll wandert sein Blick zu mir hoch.
Ich beginne herzhaft zu lachen. In dem Moment höre ich das Gras hinter dem Hügel rascheln.
»Sasha, wo steckst du?«, vernehme ich die Stimme von Mario.
Der Hund horcht kurz auf, danach sieht er wieder zu mir hoch.
Ich streichle über sein Fell. »Ist das dein Name? Weißt du was, du siehst genauso aus, wie meine beiden Lieblinge. Die sind auf der anderen Seite des Zaunes, damit sie nicht mit dir in einen Kampf geraten. Obwohl, wenn ich dich so ansehe, wirkst du viel zu zahm dafür.«
»Nicht nur das«, höre ich Mario neben mir sagen. »Extrem gutmütig ist er obendrein.«
Ich schaue ihn an und räuspere mich. »Tag, Herr Bayer. Ist das Ihr Hund?«
»Hallo, Frau Wind. Ja, das ist Sasha. Sagen Sie, was treiben Sie hier in meinem Garten?«
Verlegen senke ich den Blick. »Ich ... ich bin grad in der Gegend mit den Hunden spazieren gegangen.«
Er fährt sich mit den Fingern durchs Haar. »Ach, Sie haben auch Hunde?«
»Ich besitze obendrein zwei Katzen und ein Aquarium, in dem ein Schwarm Neonfische lebt.«
Mario beginnt lauthals zu lachen. »Wow, das hört sich nach einem echten Zoo an. Freut mich, zu hören, dass Sie ebenso ein Tierfreund sind.«
»Wegen der vielen Arbeit in den letzten Wochen, bin ich leider kaum dazugekommen, mir Zeit für meine Tiere zu nehmen.«
»Zum Glück haben Sie mich um Urlaub gebeten. Ich hatte ja keine Ahnung.«
Meine Hunde beginnen hinter dem Zaun zu bellen. Rasch renne ich los und werfe einen Blick über die Schulter. »Sorry, ich muss los.«
Endlich ist es soweit, der wohlverdiente Urlaub ist angebrochen. Ich spaziere mit den Hunden im Wald. Da sie wild bewachsene Wege mögen, sind sie davon hellauf begeistert.
Wir gelangen nach ein paar Metern zu einer Lichtung. Hier löse ich Sammy und Mekki von der Leine, damit sie sich austoben können.
Sofort laufen sie wild umher und versuchen, sich gegenseitig zu fangen. Man sieht ihnen direkt an, wie sehr sie sich freuen.
Auf einer Parkbank an der gegenüberliegenden Seite sehe ich Mario sitzen, der auf seinem Smartphone herumtippt. Was treibt er hier in der Gegend? Entschlossen gehe ich auf ihn zu. »Hallo, Herr Bayer.« Er legt grinsend das Handy zur Seite. »Was für ein Zufall, dass ich Sie ständig treffe.«
»Das ist nicht verwunderlich, ich wohne in der Nähe. In der Wohnhausanlage neben dem Wald.«
»Ehrlich? Sie Arme, ich kenne diese Bauten, sie sind in einem fürchterlichen Zustand.«
»Stimmt.« Ich berühre den Stern-Anhänger. »Meine Eltern haben damals einen hohen Kredit für ein eigenes Haus am Stadtrand aufgenommen. Für mich war es nach ihrem Unfall unmöglich, es mit dem Gehalt einer Auszubildenden zu behalten. Deshalb musste ich es der Bank überlassen. Anschließend bin ich dann in eine der schrecklichen Wohnungen gezogen.«
»Das schwere Schicksal hat Sie zu der Zeit komplett aus der Bahn geworfen, habe ich recht? Ich wünschte, ich könnte etwas für Sie tun. Wissen Sie was, ich zahle Ihnen die unzähligen Überstunden doppelt aus.«
»Das ist nicht nötig, ich helfe gern mit, damit die Firma Aufschwung bekommt.«
»Sie müssen mir keinen Honig ums Maul schmieren«, sagt Mario. »Ich weiß, dass Sie engagiert sind.«
Eine mitreißende Melodie ertönt neben ihm. Er sieht auf das Display seines Smartphones. »Sorry, ich erwarte einen wichtigen Anruf.« Mit einer Handbewegung deutet er zu Sasha, der eifrig in der Wiese herumläuft. »Geben Sie bitte kurz auf ihn Acht.«
Ich sehe zu dem Hund, der gerade im Gebüsch herumstöbert. »Kein Problem, das mache ich gern.«
Mario entfernt sich von mir. Gleichzeitig kommt Sasha mit einem Ast im Maul auf mich zu. Ich ergreife das Teil und werfe es ein Stück weit.
Alle drei Golden Retriever setzen sich zeitgleich in Bewegung. Jeder versucht, den Stock als Erster zu fassen.
Mario taucht wieder neben mir auf. »Die Hunde scheinen sich gut zu verstehen. Das finde ich toll.«
»Das ist wahr, die Beiden sind immer von Artgenossen begeistert.«
Sasha legt den Ast nochmal vor mir in die Wiese. »Mein Hund mag Sie«, sagt Mario. »Normalerweise ist er eher zurückhaltend, wenn er fremde Leute trifft.« Er grinst. »Witzig, jetzt fällt mir grade ein, dass Sie genauso sind wie er.«
»Echt?« Ich lächle ihn an. »Das hätte ich beinahe vergessen.«
Mario sieht mich versonnen an. »Sie haben ein charmantes Lächeln.« Er schaut auf seine Armbanduhr.
Das ist scheinbar typisch für ihn, dass er die Zeit im Auge behält. Er räuspert sich. »Sasha, komm, wir müssen los. Valentina wartet schon auf uns.«
Читать дальше