Im Bad betrachtete sie ihr Spiegelbild als wäre es das erste Mal, sah sich in die Augen und blickte tief in die grüngraue Farbe ihrer Iris. Eigentlich hätte sie sich gerne eine Fratze gezogen, doch ihre Gesichtszüge blieben unbeweglich und starrten weiter die Frau im Spiegel an. Je länger sie schaute, desto mehr entstand ihr der Eindruck als ob es jemand anders wäre, der ihr da gegenüber stand. Und nicht nur eine Person, sondern mehrere. Mit ähnlichem Ausdruck, ähnlichen Augen aber doch ganz anderer Physionomie.
Marissa fröstelte es ein wenig, riss sich dann abrupt von den verschiedenen Frauen los, kämmte rasch ihre wirren Haare und stieg dann langsam und bedacht die Treppe nach unten.
„Ich fahre nach Bremen.“ Die Worte kamen aus ihr heraus sobald sie auf der Sonnenterrasse stand. Emilia blickte zu ihr von ihrem Platz auf der Bank und nickte. Sie schien nicht überrascht. „Ja“, sagte sie. „Ja – das tust du.“
„Heute“, fügte Marissa hinzu. Und Emilia nickte wieder.
Wenige Stunden später liefen sie schweigend nebeneinander auf dem Deich in Richtung Hafen. Kurz bevor sie gingen, war Marissa noch zum Strand gelaufen, hatte ihre Füßen im Sand versinken lassen bevor sie mit den Zehen ein letztes Mal ins Meerwasser spürte. Sie ließ sich ihre Lungen vollsaugen mit frischer, herber Seeluft, ließ den Wind ihr Gesicht durchwehen und die Sonne ihre Haut erwärmen. Mit allen Sinnen sog sie die Insel nochmal in sich auf. Sog die Empfindungen auf wie ein Schwamm und bewahrte sie in ihrem Inneren. Zeit für einen langen Abschied blieb ihr nicht. Und auf dem Deichweg oben neben der Großmutter irrte ihr Blick ohne wirklich zu sehen über Dünen, Sand, Gras, Wasser und Himmel. Am Anleger umarmte sie die alte Frau heftig, drückte sie an sich, spürte deren Herzschlag und ihren eigenen zusammen in Gleichklang unruhig pochen. Emilia legte ihre warmen Hände auf die Wangen der Enkelin, blickte ihr liebevoll in die Augen. „Mein liebes Mädelchen“, sagte sie nur.
„Oma“, Marissa wollte plötzlich so viel noch sagen. Jetzt sofort. Alles sagen. Alles fragen. Alles wissen. Jetzt und hier. Vor dem Schiff. Vor dem Abschied. Alles auf einmal. Schnell und dringlich. „Oma, ich….“ Das Hupen der Schiffssirene übertönte ihre Worte. Emilia drückte ihre Hand. „Geh, Issa.“ Sie schob die Enkelin zum Schiffsübergang, winkte ihr zu als diese sich nochmal umdrehte. „Geh nur - geh!“
Sie blieb stehen, bis das Fallreep abgezogen war, bis sie Marissa drüben an der Reling stehen sah, ohne zu winken. Sah zu, wie die Fähre zu ihrem Ablegemanöver ausholte, sich langsam wegdrehte von der Insel und dann ganz allmählich Fahrt aufnahm. Dann winkte sie zu der Gestalt hinüber, die mit einem Mal beide Arme nach oben riss und hin und her wehte wie eine lebende Fahne. Erst als die Fähre kaum noch zu sehen war, drehte sie sich um und ging langsam über den Deich zurück.
*
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