Sie selbst war im Haus geblieben, nachdem der Dicke ihr die Tür vor der Nase zugeknallt hatte, und hatte durchs Fenster zugeschaut, wie ihr Mensch vorne eingestiegen war, der Dicke hinten. Viel mehr hatte sie nicht gesehen, weil es schon recht dunkel gewesen war.
Das war eine super Zeugenaussage. Ich fragte mich nur, wie ich Lukas das alles beibringen sollte, er hörte ja nie richtig zu.
Drinnen spielten die Menschen wieder rum, anstatt zu ermitteln. Sie stellten Fähnchen auf, malten etwas mit Kreide vor die Tür, sprühten ein paar Stellen lustig ein, warfen helles Licht auf bestimmte Positionen und anderen Schabernack mehr. Viele Sachen packten sie in kleine Beutel, die sie mitnahmen. Anschließend schlossen sie ab und klebten bunte Zettel und Bänder vor die Tür. Wie für eine Party, nur dass niemand kam.
»So«, sagte Lukas. »Wir gehen gleich zurück aufs Revier, Jackie, nachdem wir die Nachbarn befragt haben. Was stellen wir jetzt mit dem Hund an?«
Er meinte Mia. »Die nehmen wir mit, das ist eine wichtige Zeugin«, erklärte ich ihm. »Es sei denn, sie kann hier bei Nino wohnen, sie braucht ja jemanden, der für sie sorgt.«
»Kläff nicht so rum«, meckerte Lukas, weil er wohl wieder nichts verstanden hatte. »Ich frage mal gegenüber, die haben ja auch einen Hund, vielleicht können die sie für eine Zeit nehmen.«
Also hatte er doch etwas mitgekriegt, intuitives Hörverständnis, meiner Meinung nach. Sie verstehen bisweilen mehr, als man denkt, und in gewissen Situationen muss hund aufpassen, was er sagt.
Manchmal bin ich jedoch verdammt stolz auf meinen Menschen, Mia und ich sprangen an ihm hoch.
Er gab uns etwas von meinem Leckerchen-Vorrat, den bei sich zu tragen ich ihm beigebracht hatte.
Gegenüber öffnete der Mensch von Nino die Tür. Lukas sprach mit ihm, bevor er zur Sache kam.
»Wissen Sie, ob Herr Mehnert Verwandte hatte? Er lebte offenbar allein. Hat er Besuch bekommen? Haben Sie in den letzten Tagen jemanden bei ihm gesehen, oder haben Sie bemerkt, wann er aus dem Haus gegangen ist?«
»Wieso? Ist was mit ihm?«, fragte der Mann zurück. »Dem ist doch nicht etwa etwas passiert?«
»Herr Mehnert ist tot aufgefunden worden, wir können ein Gewaltverbrechen nicht ausschließen. Jede Aussage dazu könnte wichtig sein.«
Der Mann schluckte und sah zu Mia hinunter, die fragend zurückschaute.
»Was wird denn dann mit dem Hund? Der würde da ja verhungern, wenn ihn keiner nimmt.«
Das hatte Lukas schlau eingefädelt, dachte ich. Er wusste, was sich gehörte, sofern es um uns Hunde ging.
»Es wäre schön, wenn Sie ein paar Tage auf ihn aufpassen könnten. Sobald wir geklärt haben, ob er Verwandte oder jemand anderen hatte, der den Hund nehmen kann, lassen wir ihn wieder abholen.«
Ich schüttelte ungläubig den Kopf. Ihn . Nicht einmal das Geschlecht eines Hundes konnten sie ordentlich bestimmen, und selbst dann sagten sie zu einer Dame er . Also echt jetzt!
Lukas redete weiter. »Und? Haben Sie jemanden bemerkt? Hatte er manchmal Damenbesuch? Wie oft ist er aus dem Haus?«
Der steinalte Mann kratzte sich den ziemlich kahlen Schädel, von dem nur noch wenige Haare hinten herabhingen. »Tja. Er ist wohl zwei, drei Mal am Tag mit dem Hund raus, am Wochenende. Unter der Woche fährt er arbeiten, in Wilhelmshaven, glaube ich, den Hund nimmt er dann mit. Eine Frau habe ich da lange nicht gesehen. Und wann er das letzte Mal das Haus verlassen hat? Ich sitze ja nicht ständig am Fenster, wissen Sie?«
Viel mehr bekam Lukas aus dem Alten nicht heraus. Immerhin erklärte er sich bereit, Mia für ein paar Tage zu betreuen; Lukas gab ihm ein blaues Stück Papier, mit dem man sich in einem großen Haus eine Dose mit etwas zu essen nehmen durfte, wie ich beobachtet hatte. »Für Mia, bis sie abgeholt wird«, sagte er.
Ich sage das ja jedem, der es hören will oder auch nicht. Herr und Mensch werden sich mit der Zeit immer ähnlicher. Lukas hatte viel von mir gelernt, wie es schien, meine Erziehung zu mehr Kaninität zahlte sich langsam aus. Er zollte uns Hunden jetzt wesentlich mehr Achtung.
Von hinten näherte sich die hohe Menschin, die mich mit ihrem feuerroten, kugelförmigen Haar immer an eine Pudeldame erinnerte. Lukas verglich sie meist mit einem hohen Haus, in dem sich oben ein Licht drehte, einem sogenannten Leuchtturm, warum auch immer. So ein Licht hatte ich bei ihr noch nicht gesehen.
»Der Mann ist geschieden, keine Kinder«, bellte sie schon aus einigen Metern Entfernung. »Er arbeitet im Marinearsenal in Wilhelmshaven. Die anderen Nachbarn halten ihn für extrem verschwiegen.«
Sie plapperte weiter, mein Lukas hörte zu und fasste dann zusammen. »Demnach hat niemand gesehen, wie er das Haus verlassen hat.«
Ich sagte ihm, dass er von dem Dicken abgeholt worden war.
»Still, Jackie, ich rede mit Svantje«, fuhr er mich an. »Ich weiß, du sorgst dich um den Hund, nicht?«
Dann vergaß er mich wieder.
Ich nutzte die Gelegenheit, eine Frage an Ninos Zaun zu posten.
Wer immer einen dicken Menschen gesehen hat, der verbrannte Pflanzenteile einatmet, Getreidewasser mit Hefe ausdünstet und zu viel Schweinefleisch frisst, soll Nino Bescheid sagen. Der hat einen Menschen totgemacht, der zu Mia gehörte, die kennt ihr ja alle. Der Täter muss in den Zwinger. Gern auch im Park posten, legte ich nach.
Dann ließ ich Lukas seine Leine an mich anlegen und führte ihn durch den Park zurück zur Dienststelle.
Ich aß etwas aus meinen edlen Metallschüsseln, während sich die drei Menschen mit belegten Teigfladen aus Pappkartons begnügen mussten. Anschließend war es Zeit für ein Nickerchen.
Als ich wieder wach war, wechselte ich mein Lager und legte mich unters Fenster, um die Spuren im Kopf auszuwerten und um nachzudenken. Wenn ich bei dem Geplapper der Menschen dazu kam. Denn sie redeten und redeten, ließen aber die Hauptspuren außer acht, weil sie sie gar nicht kannten.
Überhaupt, sie vertrauen wie immer mehr auf Maschinen, Geräte und anderes technisches Zeugs statt auf ihre Sinne, die sich entsprechend weiter zurückgebildet haben.
Laut Fido dem Struppigen konnten Menschen kurz nach ihrer beginnenden Domestizierung noch ganz gut riechen, hören und auch laufen, sehen konnten sie schon immer ganz gut.
Je mehr wir ihnen beibrachten, damit sie etwas effizienter wurden, desto mehr verließen sie sich auf technische Krücken und ließen ihre Sinne verkümmern.
Mir fiel eine andere Erzählung ein, die ebenfalls auf Fido den Struppigen zurückging. Es ging um eine Vereinfachung der Jagd, die ihm damals eingefallen war. Unsere Vorfahren hatten die Menschen dazu abgerichtet, das Wild, das wir auf sie zutrieben, mit ihren spitzen Stöcken und geschliffenen Steinen zu töten, zu zerlegen und dann zu rösten, der besseren Verdaulichkeit wegen.
Zu den Steinen, Stöcken und anderen Waffen, die wir den Halbaffen beigebracht hatten, weil sie weder Fangzähne noch Krallen noch nennenswerte Muskeln hatten, gibt es gleichfalls einiges zu sagen. Dass man mit spitzen Stöckchen Käfer aus Baumrinde pulen und mit etwas Glück Fische aus Flüssen stechen konnte, hatten sie den Krähen nachgeäfft, die ihnen das schon immer vorgemacht hatten.
Es hatte ewig gedauert, diese Wesen von ängstlichen Opfern zu Jagdgehilfen zu erziehen.
Sie waren schon damals von vielen Ängsten geprägt. Furcht vor Magie, Panik bei Löwen und Hyänen, Bammel angesichts von Ameisen, Käfern, Spinnen und vor anderen Menschen.
Sie wussten schon damals, wie man sich gegenseitig totmacht, deshalb schützten sie sich. Käfer, giftige Insekten und Schlangen hielten sie sich vom Leibe, weil sie Angst vor allem und jedem hatten, wie großteils auch heute noch. Vor bekannten Gefahren, bei denen sie früher schlechte Erfahrungen gemacht hatten, und vor allem Neuen schon aus Prinzip.
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