Was nimmt man nicht alles in Kauf, damit einem die netten Mitarbeiter nicht abhanden kamen!
»Das Meldeamt kennt den Kerl nicht«, berichtete Svantje. »Ich habe gleich mal beim KTI nachgefragt, das mit der Analyse des Projektils kann dauern. Zwei Wochen.«
So kamen wir hier nicht weiter. Es wurde Zeit, aktiv zu werden. Ich schlenderte zur Tür und sah Lukas fragend an.
»Oh je«, sagte er. »Wir schieben eine Pause ein, Leute. Ich fürchte, Jackie muss mal raus. Seht doch in der Zwischenzeit mal das Vermisstenregister durch. Irgendwo wird der Typ doch fehlen, zu Haus, bei der Arbeit, im Vermisstenregister, was weiß ich.«
Er stand auf, nahm seine Leine und machte sich an mir fest, damit er den Weg nicht verlor. Menschen sind ganz schlecht in sowas, sie verlaufen sich leicht, weshalb wir sie lieber an der Leine führten.
»Bis nachher«, sagte er zu den anderen. »So wie er aussieht, kann das eine Weile dauern. Und checkt bitte, ob es hier Briefmarkensammler gibt, Clubs, Treffen, Austausch, Facebook-Gruppen. Ihr wisst schon.«
Er öffnete die Tür und folgte mir. Jetzt konnte es losgehen.
Gleich hinter dem Revier liegt ein kleiner Park mit einem Teich. Ein beliebter Treff für Hunde, die mit ihren Menschen hierher kommen, außerdem ein ausgezeichnetes Klo und damit ein Infozentrum.
Schon am ersten Pfahl, einem rotweißen runden Pfeiler, der mitten auf einem Pfad stand und verhinderte, dass Menschen da mit ihren Drehgestellen oder Kutschen reinfuhren, fand ich eine Nachricht von Fifi, einer kleinen Pudeldame, Mitte dreißig in Hundejahren, die regelmäßig hierherkam.
Mia ist allein zu Haus, jemand muss sich um sie kümmern, ihr Mensch ist weg, ohne Bedienung kommt sie nicht raus , hatte Fifi an den Pfosten gesprüht. Ihr Urin roch etwas zu sauer, sie aß zu viel Fleisch. Ich sprühte ihr diese Erkenntnis weiter oben an den Pfahl. Gesunde Ernährung ist so wichtig!
Wo lebt Mia denn, fragte ich mit dem zweiten Strahl. Wir könnten uns mal wieder treffen, Fifi, was meinst du?
Ich umrundete den halben Teich, bevor ich die nächste Message fand, auf U-Tube, kurz für den Urinschlauch, mit dem wir Nachrichten absonderten.
Mache mir Sorgen um meine Nachbarin Mia, sie jault den ganzen Tag und kommt nicht raus. Jemand muss ihr was zu essen und trinken besorgen, hatte Nino gepostet, ein bulliger französischer Bulldoggenmann, der zwar nicht gut laufen, aber umso besser riechen konnte. Wer helfen kann, soll bei mir vorbeikommen und Laut geben.
Ich dachte mir meinen Teil. Mia musste die nette Berner Sennenhündin sein, die ich am Aas erschnüffelt hatte.
»Lukas, komm, wir müssen dahin«, sagte ich meinem Menschen und zog ihn in die richtige Richtung.
»Zieh nicht so, Jackie! Wo willst du denn hin? Schau mal hier, das schöne Laub, da kannst du schön Häufchen machen!«
Menschen denken eben immer nur an das Eine. Häufchen.
Ich ließ diese Aktion bewusst aus, denn mein Begleiter würde ungeduldig werden, wenn ich damit durch war. Er verstand ja nichts, ich musste ihm mit anderen Mitteln zeigen, wo es langging.
Ein paar Minuten später waren wir raus aus dem Park und in der Sauerbruchstraße, einer Sackgasse. An einer Stelle roch es tatsächlich etwas sauer, als ob sich dort jemand erbrochen hätte. Nino wohnte im vorletzten Haus, und er war da, wie ich seinen Spuren entnahm.
Am Pfosten eines Zauns hatte er etwas gepostet. Ruft mich raus, wenn was wegen Mia ist. Ich komme dann. Aber laut, mein Diener ist schwerhörig.
Ich rief ihn.
»Jackie, was ist bloß los mit dir? Ich muss zurück aufs Revier! Was willst du denn hier?«
Das war natürlich Lukas, wie immer ohne Checkung. Dafür antwortete Nino aus dem Haus. »Moment, bin gleich da!«
Tatsächlich öffnete eine Minute später ein steinalter Mensch die Haustür, und der Hund im Haus stürmte heraus, schnell für eine französische Bulldogge. Ich fragte mich gerade, wann er über seine eigenen krummen Beine stolpern würde, als er schon am Tor war.
»Hör zu! Hör zu!«, hatte er unterwegs bereits laut gerufen. Dann beschnüffelten wir uns ein wenig, zur Bestätigung, dass alles in Ordnung war. Ich nahm seinen Respekt wahr, dass er es geschafft hatte, einen leibhaftigen Hundekriminalhauptkommissar herbeizurufen.
Er teilte mir etwas mit. Mia wohnt gegenüber. Lass sie uns mal gemeinsam rufen. Vielleicht bemerkt sie ja einer der Menschen und macht endlich die Tür auf, damit sie raus kann.
Ich postete zurück. Okay, wir rufen sie, dann laufe ich rüber und alarmiere sie von dort aus. Los, jetzt!
»Ruhig, Nino!«, rief der alte Mensch, der langsam in Zweibeinerart angewackelt kam. Bei jedem Schritt drohte er nach links oder rechts zu kippen und verhinderte das gerade noch mit dem nächsten Schritt, um dann in die andere Richtung zu kippen. Ich wunderte mich immer, wie man so vorwärtskommt. Richtig laufen können sie auch nicht, und schnell schon gar nicht. Der kleinste Chihuahua ist fixer als selbst ein junger Mensch. Wer mal mit ihnen Fangen gespielt hat, weiß das. Sie sind einfach zu blöd dazu. Zweibeiner eben.
Nicht dass wir nicht auch mal auf den Hinterbeinen stehen. Aber das ganze Leben lang so rumwackeln? Wie soll man denn da vorwärtskommen?
»Ich weiß nicht, was mein Jackie hat«, erzählte Lukas dem Alten, der sich jetzt am Zaun festhielt. Zu meiner Beruhigung, sonst wäre er vermutlich umgekippt. »Ist Ihre Hündin heiß? Er ist die ganze Zeit ihrer Spur gefolgt.«
»Das ist ein Rüde, der Nino«, brummte der Griesgram. »Der stellt sich schon seit gestern so komisch an. Und jetzt das. Sitz, Nino!«
Ich war inzwischen auf die andere Straßenseite gewechselt und rief weiter nach Mia. Ich hörte eine schwache Antwort, ein Winseln. Es ging ihr schlecht, sie hatte Durst. Sie antwortete leise.
»Ich musste schon das Pipiwasser aus der Menschenschüssel trinken, widerlich«, piepste sie. »Ich brauche was Richtiges. Holt mir hier raus, Jungs!«
»Komm zurück, Jackie, schnell!«, rief mein Lukas. »Hier fahren Autos!«
Ich sah keines und sprang weiter an Mias Zaun hoch.
»Moment«, sagte der alte Mensch. »Ist das nicht der Hund von dem Mehnert? Den habe ich schon länger nicht mehr gesehen. Ob der krank ist?«
Mein Lukas spitzte die Ohren, so gut er konnte. Menschen haben keine drehbaren Ohren, ein weiterer Grund, weshalb sie so miserabel hörten. Sie können nur den Kopf drehen wie eine Eule und ein ganz klein wenig mit den nutzlosen rosa Muscheln wackeln. Immerhin, Lukas hörte Mia.
»Tatsächlich, da winselt ein Hund«, erkannte er und zog ein verblüfftes Gesicht. »Ich gehe da mal klingeln. Das geht ja nicht, einen Hund so lange allein zu lassen.«
Endlich mal ein vernünftiges Wort von meinem Assistenten!
Lukas wackelte herüber, öffnete die Tür im Zaun und ließ mich durch. Ich stürzte sofort zum Fenster, hinter dem ich Mia wahrnahm. »Wir sind gleich da, Mädchen! Halte durch!«
Lukas drückte auf einen Bellknopf. Menschen machen so etwas. Anstatt zu rufen, damit man sie gleich erkennen kann, haben sie das Rufen anonymisiert, damit die Menschen im Haus nicht wissen, wer genau kommt. So machen sie das immer. Stets durchdenken sie eine Sache nur halb. Warum sollen die anderen denn raten, wer da ankommt, statt gleich zu wissen, wer es ist?
Wahrscheinlich nur deshalb, damit auch unangenehme Besucher eine Chance bekamen, zu fremde Leute zu kommen. Versteh einer die Menschen.
Es öffnete niemand. Lukas konnte ja nicht wissen, dass dieser Mehnert tot war, er hatte seinen Geruch am Fundort nicht aufgenommen. Halbe Sachen, wie gesagt.
»Ich glaube, da liegt ein Schlüssel unter der Fußmatte«, rief der besorgte Alte von gegenüber. »Schauen Sie mal rein in die Wohnung. Oder rufen Sie die Polizei, das geht doch nicht, mit dem Hund.«
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