Die drei Menschen in meinem Raum machten das, was sie immer taten, wenn sie nicht damit weiterkamen, mir bei der Aufklärung eines Falles zu helfen. Sie quatschten durcheinander, tranken ein bitteres rote Gebräu und aßen süße Sachen, die mich nicht hinter dem Ofen hervorlocken konnten.
Ich hörte nur noch mit einem Ohr zu, das ich ab und zu aufstellte, wenn ich etwas nicht verstanden hatte, und stellte mich schlafend. Denn manchmal entdeckten sogar Menschen bestimmte Sachverhalte. Wie gesagt, sie sind höher als Hunde und sehen deshalb weiter. Das mit dem höher meine ich übrigens nur als Längenmaß. Sie selbst leiten daraus immer höher entwickelt ab. So kann man sich täuschen!
Hinnerk lud sich ein weiteres Stück Ostfriesentorte auf seinen Teller, Svantje goss frischen Tee über die Kluntjes in den blau bemalten Tassen. Es knisterte und knackte. Ein Geräusch, bei dem die Welt komplett in Ordnung war.
»Nichts ist in Ordnung«, fand Lukas. »Wir wissen nicht, wer der Tote ist, geschweige denn, wer ihn umgebracht hat. Bis die Ergebnisse von der Projektiluntersuchung zurück sind, vergehen Tage. Was hat die Spurensicherung denn noch gefunden? Und wann bekommen wir den Obduktionsbericht?«
»Fußspuren, Reifenspuren, von einem E-Fahrrad, und eine Menthol-Kippe«, berichtete Hinnerk. »Wobei die Fußspuren von etwa zehn verschiedenen Leuten stammten und zeitlich nicht einzuordnen waren. Eine davon lag über den Reifenspuren, war also jünger. Das E-Bike war ein Husqvarna, die Reifen waren so gut wie neu. Und die Kippe war eine Marlboro Blue Fresh, mit Lippenstiftspuren daran, aber ohne verwertbare Fingerabdrücke. Der Lippenstift wird noch ausgewertet.«
»Das Projektil war ein Neun-Millimeter-Geschoss«, steuerte Svantje bei. »Der Tote hatte kein Portemonnaie und keine Schlüssel bei sich, nur einen Zehn-Euro-Schein und drei Münzen. Ein Euro fünfzehn, um genau zu sein.«
Sie trank einen Schluck Tee, machte aber mit der Hand Zeichen, dass da noch etwas kam.
»Seine Schuhe waren aufschlussreich«, fuhr sie fort. »Unter dem Dreck von dem Weg, wo wir ihn gefunden haben, klebte Lehm, und darunter etwas Streusplitt. Vielleicht können wir darüber herausfinden, wo er hergekommen ist. Womöglich wohnt er dort in der Nähe.«
»Was ist mit der Gesichtserkennung? Hat das jemand mit der Einwohnermeldebehörde abgecheckt?«, fragte Lukas.
»Mache ich gleich«, antwortete Svantje. »Moment.«
»Und ich rufe noch mal bei der Spusi an«, entschloss sich Hinnerk. »Vom Handy aus. Ich gehe mal kurz nach draußen.«
Beide verließen den Raum, Hinnerk mit seiner Pfeife in der Hand, Svantje mit der leeren Teekanne. Lukas stand auf und füllte Wasser aus einer Flasche in eine Schale.
»Was meinst du denn, Jackie?«, fragte er. »Du findest doch immer etwas«, erinnerte er mich, während er die Schale vor mich hinstellte und mir zum Aufwachen einen Keks vor die Nase hielt. Einen richtigen, den die Menschen nicht durften, nicht so einen billigen Zuckerkram, mit dem sie sich begnügen mussten.
Ich schnaubte. Natürlich hatte ich ihm in den entscheidenden Fällen die richtigen Spuren aufgezeigt, wozu ist man schließlich Hundehauptkommissar. Aber ich roch, was er meinte. Er dachte an meinen zweiten Fall, bei dem ich statt einer Leiche erst ein Kaninchen und dann zwei zugeknotete Gummibeutel mit menschlichem Samen darin gefunden hatte, die er als Beweismittel zu Haus in seinen Kühlschrank gelegt hatte, woraufhin er mit seinem Weibchen mächtig Krach bekommen hatte.
Ich trank erstmal was, das half immer. »Wir müssen die Berner Sennenhündin finden«, sagte ich.
»Ist ja gut, Jackie, sei brav. Nicht bellen. Wir gehen gleich eine Runde«, versprach er, obwohl ich gar nicht musste. Manchmal ist es echt zum Verzweifeln. Andererseits hatte ich eine Ahnung, wo die schöne Sennerin in etwa wohnte, ich würde ihn hinbringen. Vielleicht kam er dann auf den richtigen Trichter.
Er ging wieder an seinen Tisch und hielt die Sache wohl vorerst für erledigt. Ich brauchte dringend eine Strategie, wie ich ihn auf die entscheidende Spur führen konnte, bevor die anderen Menschen ihn wieder mit ihren Vermutungen ablenkten.
Gerade kam Hinnerk zurück und roch nach Kartoffelfeuer, nur ohne Kartoffeln, die ich bei solchen Gelegenheiten gerne ausgrub. Diese Traditionen geraten leider mehr und mehr in Vergessenheit.
»Tja«, sagte er. Das tat er immer, wenn er eine Überraschung in petto hatte. »Die Spusi hatte tatsächlich was. An der Kippe waren Spuren von einer Plastiktüte, am Filter. Werner Reemtsma meinte, der Filter war noch heiß, als sie eingetütet worden ist.«
Fast zeitgleich war auch Svantje wieder eingetreten und hatte mitgehört. »Dann muss die Täterin oder eine Zeugin nur Momente vor uns am Fundort gewesen sein«, schloss sie aus seinen Worten. »Denn sonst wäre die Kippe ja schon kalt gewesen, als sie in die Tüte kam, oder?«
Hinnerk grinste, Lukas schüttelte langsam den Kopf.
»Der Typ war schon länger tot, als die Spusi dort ankam«, sagte er. »Spricht nicht dafür.«
»Dann kam die Kippe von einer Zeugin, die vor Ort war. Vielleicht hat die was gesehen, oder sie kannte den Toten«, vermutete sie.
Hinnerk wollte gerade zu einer Rede ansetzen, als bei ihr der Groschen fiel. »Ach, Quatsch«, sagte sie. »Ich hab’s. Das Plastik war gar nicht vom Beweismittelbeutel, sondern einer anderen Tüte. Da drin ist die Kippe aufbewahrt worden, und der Täter hat sie da rausgenommen und als falsche Spur für uns ausgelegt. Damit wir nach einer Frau mit einem bestimmten Lippenstift suchen, die so etwas raucht. Da will uns einer verarschen.«
»Außerdem sind Mentholzigaretten inzwischen bei uns verboten«, warf Lukas ein. »Außer in der Schweiz, vielleicht sind die von da. Schränkt den Kreis der Täter schon mal ein.«
Hinnerk, der sich um seine Pointe gebracht sah, zog einen Flunsch. »Oder Täterinnen«, erwiderte er. »Von mir aus auch TäterInnen oder Täter*innen. Vielleicht sogar Täter:innen.«
Ich wunderte mich, wie er so schwierige Wörter überhaupt aussprechen konnte. Er hätte doch schlicht ›der dicke Verbrecher‹ sagen können. Aber Menschen machen es sich eben immer viel zu kompliziert, wo das Leben doch so einfach war.
Lukas schien das egal zu sein. »Finden wir schon raus«, fand er. »Eine falsche Spur ist nämlich eine richtig gute Spur. Denn wenn wir die vermeintliche Täterin finden, sind wir an der Person, die sie reinlegen will, schon einen großen Schritt näher dran.« Er wandte sich an Hinnerk.
»Und? Gibt es weitere Informationen dazu? Typ der Tüte, Fingerabdrücke auf dem Filter, DNA im Lippenstift? Du weißt doch noch etwas.«
Ich roch, dass Hinnerk das lieber von sich aus gesagt hätte und sich in eine passive Position gedrängt fühlte. Das mochte er nicht, schließlich war er älter als Lukas. Das Alter schien bei Menschenrudeln eine gewisse Rolle zu spielen.
»Tja«, sagte er wieder. »Eine Polypropylen-Tüte mit einem Zellophananteil. Angeblich werden die oft für das Eintüten von Briefmarken verwendet, meinte Reemtsma.«
»Aha. Ein Briefmarkensammler«, schloss Svantje daraus.
Wieder so eine Sache bei den Menschen. Sie interessierten sich für Hobbys, Vorlieben und andere merkwürdige Tätigkeiten. Ich hatte schon öfter beobachtet, dass meine menschlichen Helfer Leute, die ihnen sympathisch erschienen, weil sie ähnliche Neigungen hatten, nicht so schnell in den Zwinger steckten. Immer für eine Überraschung gut, selbst mein Lukas.
»Möglich«, meinte er. »Sonst noch was? Typ des Lippenstifts, sonstige Hinweise?«
»Ja. Das war ein Becca Ultimate, in rosa-beige. Wird nicht so häufig gekauft, sagte Johanna Kleinschmidt.«
Dieses Weibchen kannte ich. Eine Kollegin von Lukas, die oft diese weißen Sachen anhatte, genau wie Werner Reemtsma. Die zwei sollten Spuren sichern, wurde immer gesagt. Dass eine von den beiden mal die Nase an den Boden gehalten hätte, wäre mir aufgefallen. Die hatten noch nie eine richtige Spur aufgenommen. Dicke tun und nichts dahinter, wie immer bei den Menschen.
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