"Danke," sagten die Kunden und stellten die leere Tasse auf den Tresen.
"Tschüs," rief die Bedienung, und wandte sich dem nächsten zu: "Bitte sehr?"
Marlene trank den Kaffee in kleinen Schlucken, beobachtete Arbeiter mit Ledertaschen, Büroangestellte in kurzen Kostümen, Schüler in Hosen, die ihnen vom Hintern rutschten. So war es, immer guckte sie ihnen nur ihr Leben ab, entdeckte den Ehering am Finger, den kaputten Reißverschluss, las den Zeitungsartikel mit, auf den sie starrten, stahl ihnen die Wortfetzen vom Mund, verfolgte ihren Blick und ihren Gesichtsausdruck, wenn sie einen Fremden musterten, dechiffrierte die Beziehung, die zwei miteinander hatten, indem sie ihre Handbewegungen, die Stellung der Körper zueinander, ihr Lächeln zusammenrechnete.
Am Nachbartisch hatte sich ein Mann niedergelassen. Er schlug die Frankfurter Allgemeine Zeitung auf, fuhr sich mit der Hand über die Halbglatze, legte ein Bein über das andere und wippte mit der Schuhspitze in der Luft. Er schaute kurz hoch und musterte die am Tresen Stehenden genau. Er war frisch rasiert, sein After Shave wehte in Marlenes Nase. Er hatte breite Schultern, oder waren es nur die Polster seines Anzuges? Ich weiß gar nicht, wie man sich um Sex bemüht, dachte Marlene sehnsüchtig. Sie konnte nicht einfach aufstehen und fragen, er würde "Nein" sagen, und sie wäre lächerlich gemacht, müsste flüchten, und das konnte sie nicht, bevor sie die Rechnung nicht bezahlt hatte.
Marlene stand auf und reichte der Bedienung drei Euro. "Stimmt so," sagte sie.
Der Mann schaute auf, als sie an ihm vorüberging und lächelte, das veränderte sein Gesicht auf seltsame Weise.
Seine Augen glitzerten, und Marlene zögerte und trat vor ihn hin: "Wollen Sie mit mir schlafen?“, fragte sie und sagte es laut genug, dass ein paar Leute sich nach ihr umdrehten.
In ihr tobte ein Tumult, sie bemerkte die Blicke nicht. Sie bemerkte nur die Augen des Mannes, der seine Zeitung noch immer hochhielt. Die Augen changierten ernst, amüsiert, musterten Marlene, der Mund blieb geschlossen, nun legte er die Zeitung zusammen.
"Nehmen Sie doch Platz," sagte er halblaut und mit einer angenehmen Stimme.
Marlene haute ab.
Sie lief die Friedrichstraße hinunter in Richtung Unter den Linden, sie ging sehr schnell, drehte sich nicht um. Wenn er hinter ihr herlaufen sollte, würde sie der Schlag noch früh genug treffen. Marlene bog um eine Ecke und blieb schwer atmend stehen. Da konnte sie sich nie wieder blicken lassen, das war verbotenes Gebiet, sie kicherte: "Werde ich auch nicht."
Im Weitergehen fantasierte sie. Ich hätte es tun sollen. Ich hätte mich setzen sollen. Ich habe nichts zu verlieren. Keinen Ruf, keine Zeit. Es wäre eine Sensation gewesen. Eine Sensation, die in großen Lettern auf die erste Seite der Tageszeitung meines Kopfes gepasst hätte. Mit weiteren Einzelheiten auf Seite drei und einer kurzen Mitteilung am nächsten Tag: Marlene sprang über ihren Schatten.
Sie war aber nicht gesprungen. So wie im Sommer, auf dem Drei-Meter-Brett, auf dem sie zitternd stand, ihr ganzer Körper in Aufruhr und beschämt, rückwärts wieder hinuntergekrochen war, und eine Frau sagte laut: „Das gibt's doch nicht. Die traut sich wirklich nicht.“ Sie hätte mit dem Finger auf Marlene zeigen können. Und Marlene trug nichts als einen Badeanzug.
Es war immer noch früh am Morgen und so viel Zeit auszufüllen. Sie hatte nie gelernt, Zeit auszufüllen, hatte auf Order gewartet. Nun fürchtete sie sich vor den Leerstellen, die wie Bombenkrater in ihren Tagen lagen, und manchmal fiel sie in einen hinein, der Himmel war weiter weg als eben noch, und sie lag auf dem Bauch im Dreck. Manchmal machte sie einen Versuch, wieder hinauszukommen, kroch an den steilen Wänden hoch, krallte ihre Hände in die Erde, und dann begann es zu regnen. Aus der Erde wurde Matsch. Hier war wieder so ein Bombenkrater.
Marlene passierte das Kaufhaus Lafayette, die Edelboutiquen, es war ruhig um diese Zeit, sie öffneten nicht vor zehn, sonst hätte sie hineingehen können, so tun, als hätte sie eine goldene Kreditkarte in der Tasche, sich von den Verkäuferinnen anlächeln lassen, kritisch und sorgfältig den Sitz eines Kleides begutachten, es mit gekrauster Stirn auf den Bügel hängen und den Laden verlassen, mit dem Standardsatz auf den Lippen. Damit hätte sie eine Stunde gewonnen und ein schlechtes Gefühl vermehrt, hätte Wünsche geweckt, die wie schlafende Hunde auf dem Boden ihres Bewusstseins lagen, eine Traumfrau wollte sie sein, noch immer, mit vierzig Jahren war eine Traumfrau eine lächerliche Figur.
Marlene bog rechts ab, nach wenigen Schritten stand sie auf dem Gendarmenmarkt. Wenn sie jetzt Rollerskates gehabt hätte, sie würde sausen, ohne Rücksicht auf pikierte Blicke morgendlicher Berufsmenschen, sie wäre um den französischen Dom gesaust und hinüber bis zum Hilton, sie liebte diesen Platz, man konnte die Arme ausbreiten, man konnte fliegen. Ihr Herz kroch die Kehle hoch, es wollte explodieren, rennen, bis das Blut in den Haarwurzeln pumpte. Aber sie trug die falschen Schuhe, der Schweiß wäre ihr die Arme heruntergelaufen, sie hätte zum Duschen nach Hause gemusst. Marlene drängte alle seltsamen Anwandlungen zurück.
Neben dem Eingang des Französischen Doms hing ein Schild, Besichtigungen jeden Tag von zehn bis achtzehn Uhr, es war kurz vor zehn, sie trat näher. Drückte eine Schwingtür auf, stieg eine Treppe hoch, da saß eine Frau an einem Tisch und schloss eben eine Geldkassette auf, holte einen Stapel Eintrittskarten aus einem Plastikkorb, stellte eine Thermoskanne daneben.
"Guten Morgen," sagte Marlene. "Kann man schon auf den Turm?"
Die Frau schaute auf, es ist eine Hausfrau, dachte Marlene, ihr Leben spielt sich daheim ab, nicht hier, sie wird ihrem Mann Brote geschmiert haben, sie macht diesen Job, damit sich die Familie den Wohnwagen leisten kann, nachmittags wird sie schnell einkaufen und keinen Gedanken mehr an den Turm verschwenden.
"Es sind zwar noch fünf Minuten," antwortete die Frau, "aber gehen Sie ruhig. Ein Euro fünfzig. Haben Sie es passend?"
Marlene hatte und bekam einen Papierschnipsel in die Hand gedrückt. Sie stieg und stieg über Stufen, immer rund um den Turm herum, an vergitterten Fenstern vorbei, immer höher, und endlich war da eine Tür, Marlene trat heraus und atmete sofort auf. Sie hielt sich dicht an der Wand, nur nicht zu nahe ans Geländer, sie schaute auf eine Figur aus Bronze herab, der Rücken mit Taubendreck überzogen. Sie hob den Kopf. Die Stadt war uferlos, Baukräne ragten aus dem Dunst, die goldene Kuppel der Synagoge, Hochhäuser, Marlene stand da und versuchte, die Weite in ihr Herz zu ziehen. Ich will sie mit hinunternehmen, sie soll länger halten als nur diesen Augenblick, ich war noch nie auf einem Aussichtsturm in dieser Stadt, wieso eigentlich nicht. Nur Tauben hier und der Wind und der Dunst und darüber das matte Blau. Die Tür quietschte und ein Touristengrüppchen keuchte, lachte und lärmte und Marlene wurde wütend. Sie lächelte und nickte und sagte Guten Morgen, und während sie die Stufen wieder herunterstieg, fühlte sie, wie die Weite aus ihrem Herz verschwand, ausgetauscht wurde vom Halbdunkel des runden Treppenhauses, sie nickte der Frau zu, die in einer Zeitung blättert. Draußen auf dem Platz war sie kleiner als zuvor. Sie trat zurück und schaute hoch und konnte sich kaum noch vorstellen, dass sie eben dort oben gewesen war, die taubendreckbedeckte Figur, war es ein Löwe?, neigte sich zu ihr herab, nahm die Pfoten ans Maul, formte einen Trichter, rief: "Ami, go home," und selbst wenn das nur Einbildung war, was hatte das mit Marlene zu tun? Gar nichts.
Elf Uhr. Sie hätte sich mehr Zeit lassen sollen da oben, dann wäre es schon zwölf. Vier Euro siebzig hatte sie schon ausgegeben, so ging das nicht weiter, sonst war sie schon morgen blank. Marlene musterte die Hauseingänge, Buchhandlungen und Hotels, welche Richtung, welches Ziel, welche Absicht. Ich habe keine Lust mehr, dachte sie entmutigt und damit sie nicht in zehn Minuten zurück in ihrer Wohnung war, entschloss sie sich, zu Fuß zu gehen, trotz der falschen Schuhe, immer langsam, der Rückzug, noch fühlte sie sich wohl, sie wusste es genau: wenn sie die Tür aufgeschlossen hatte, würde die Stille sie erwürgen.
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