Bald musste sie wieder zum Arbeitsamt. Sich zwischen all die anderen Versager setzen, ihr Gesicht hinhalten, der Sachbearbeiterin und denen, die nach ihr kamen und sie neidisch betrachteten, nur weil Marlene schneller wieder weg war als sie. Sie würde sich Fragen gefallen lassen müssen, einen Job annehmen, der mehr einbrachte als die Betreuung einer alten Dame. "Gesellschafterin" hatte sie sich selbst genannt, das klang nach mehr als nichts. Tatsächlich saß sie drei Stunden beim Kaffee mit ihr zusammen, rauchte, ging mit dem Hund spazieren. Sie kniff die Augen zusammen, sie ballte die Fäuste. Sie zog die Decke noch enger um sich.
Weit weg scharrte die Katze im Katzenklo herum. Wieder tickten ihre Krallen auf dem Parkettboden. Sie hüpfte auf das Bett und stieg auf Marlene. Geh weg, hätte Marlene gern geschrien, ich will nicht, dass Du neben meinem Ohr schnurrst, ich liege in einem Kühlschrank, da gehörst Du nicht hin. Aber sie rührte sich nicht, als das kleine Gewicht sich auf ihrem Rücken niederließ, durch die Decke fühlte sie das Vibrieren. "Du musst ja doch wieder runter," flüsterte sie.
Marlene dämmerte weg. Unter ihrem Halbschlaf liefen die Gedanken weiter, Untertitel eines Films mit völlig anderem Inhalt. Sie ist krank, seit Tagen schon, wenn sie sich vorbeugt, laufen ihr Tränen aus der Nase, Udo Lindenberg wird gerufen (wieso der?), sie zu heilen, er nuschelt nur, Baby, is nich schlimm. Marlene weiß, dass es doch schlimm ist, lebensgefährlich schlimm, aber Udo Lindenberg ist gegangen, geschützt von einem Bodyguard, der aussieht wie ein Panzerknacker, sie sitzt allein und hält das Kinn hoch, legt den Kopf in den Nacken, ich sterbe und keinem Schwein ist daran gelegen, das zu verhindern. Das kleine Gewicht auf meinem Rücken ist ein Grabstein ohne Inschrift. Marlene wachte wieder auf, aber da waren nur die grauhaarigen Gedanken. Kein Geld für Klopapier. Den Schrank voll Kochtöpfe und nie etwas anderes gegessen außer Brot mit Aldikäse. Ich nehme die Rasierklinge aus dem Damenrasierer und schlitze mir die Pulsadern auf, längs, nicht quer. Ich mache es im Bad, in der Wanne, dann muss nicht groß geputzt werden. Ich schließe die Tür, damit die Katze nichts mitbekommt. Marlene setzte sich auf, lehnte den Rücken gegen die Wand, die Katze miaute und stapfte über die Decke. Sie drehte sich dreimal um sich selbst und ließ sich am Fußende nieder. Marlene stieß mit dem Hinterkopf gegen die Wand. Es gab nichts zu erklären. Es war alles erklärt. Marlene war bankrott. Ihr Kopf sank zur Seite.
Die Katze stand auf und dehnte sich. Ihr dunkler, schlanker Schatten an der Wand. Schnurrend kam sie näher und stupste ihren Kopf gegen Marlenes Stirn. Marlene schlug die Augen nicht auf. Lass mich, träumte sie. Wenn Du mich berührst, muss ich fühlen, dass ich lebe. Die Katze schnurrte weiter.
War es wirklich die Katze, der Marlene ein Versprechen gegeben hatte oder sich selbst? Marlene wurde sehr früh wach, um fünf, es war noch dunkel, der Großstadtlärm erst ein entferntes, kleines Rauschen. Sie schaute auf die leuchtenden Zeiger der Uhr, es war so schön warm hier, es kam ihr vor, als hätte sie Tage im Bett verbracht wie eine Kranke. Gut, sie hatte es versprochen, eine finstere Entschlossenheit stand vor ihr auf, schwang die Beine aus dem Bett, Marlene tat es ihr nach. Sie schaltete das Licht an, die Katze blinzelte und rollte sich auf den Rücken.
Marlene griff in das weiche Fell und fühlte den mageren Körper darunter: "Wir stehen jetzt auf, es ist gut, jede blöde Minute zu nutzen, bis wir bankrott sind."
In den letzten Jahren hatte sie sich angewöhnt, im Nachthemd zu frühstücken, sich ungewaschen an den Tisch zu setzen, erst mittags zu duschen und sich anzuziehen.
"Wir werden baden," beschloss sie. Während die Wanne volllief, füllte sie das Schälchen der Katze mit Dosenfutter, säuberte das Katzenklo, öffnete das Schlafzimmerfenster und schüttelte die Decken aus. Das Nachthemd fiel zu Boden. Sie ließ eine Kappe voll des billigen Schaumbades ins Wasser tropfen, rührte darin herum, bis sich Bläschenberge bilden, und streckte sich aus, soweit die schmale Wanne es zuließ. Sie griff nach dem Damenrasierer, fuhr damit über ihre Waden, fühlte zufrieden die glatte Haut. Sie tauchte den Kopf in das Wasser, schäumte Shampoo in den triefenden Haaren auf, rieb eine Kurpackung hinein, legte sich zurück und schaufelte mit beiden Händen Wasser über ihre Brüste.
Freitag war heute, die alte Dame würde Marlene erst Montag wiedersehen.
"Freitag," flüsterte sie, "entweder mache ich alles so wie sonst oder alles anders."
Sie stieg aus der Wanne, eine tropfende Nacktheit, stand lange vor dem Kleiderschrank. Schließlich griff sie nach der Hose, einer schwarzen Schurwollehose mit feinen, weißen Karos, die man nicht selbst waschen konnte. Sie hatte sie lange nicht getragen, sie für wichtige Anlässe aufgespart, aber die waren nicht eingetreten, und wenn das so weiterging, war die Hose unmodern und konnte ungetragen in die Altkleidersammlung.
Her mit der Unterwäsche, für die das gleiche galt, weiß mit Spitze: "Der Mann, für den ich sie gekauft habe, ist unbekannt," kicherte Marlene. Die Katze guckte an ihr hoch. "Davon verstehst Du nichts. Du trägst immer dasselbe Fell und Deine Geschlechtsorgane liegen offen."
Halb sieben Uhr früh, Marlene vor dem Spiegel. Lackstiefel, Seidenpullover, die Beine rasiert, das Haar frischgewaschen, der Mund rot, sie duftete. Plötzlich sackten ihr die Knie weg und das Elend stand vor ihr wie ein Geist, es hauchte: "Du spielst ein lächerliches Spiel."
Marlene drehte sich um. Hastig suchte sie nach ihrer Tasche, stopfte das Handy hinein, das Portemonnaie, die Schlüssel, sie verabschiedete die Katze nicht, ließ die Tür hinter sich zufallen, lief die Treppen hinunter auf die stille Straße, gegenüber wartete ein Handwerker in einem Hauseingang darauf, zur Arbeit abgeholt zu werden. Er vergrub die Hände in den Taschen seines weißen, mit Farbflecken übersäten Overalls, lehnte an der Wand, schaute zu Marlene herüber. An jedem anderen Morgen hätte Marlene die Augen gesenkt, wäre im Weggehen gestolpert, hätte seine Blicke zwischen den Schulterblättern gespürt, seine verachtenden Blicke.
Heute rief sie quer über die Straße: "Guten Morgen."
Der Maler nickte und lächelte und scharrte mit dem Fuß. Das hatte er dann doch nicht gewollt. Marlene ging zur U-Bahn.
Wohin? Sie wusste es nicht so genau. Frühstücken irgendwo anders als zu Hause, Kaffee und ein Brötchen würden nicht so viel kosten, sie erinnerte sich an ein eben eröffnetes Schnellrestaurant im S-Bahnhof Friedrichstraße, da fuhr sie jetzt hin, da gab es immerhin Leute zu gucken. Marlene schaute den U-Bahnsteig entlang, sie war um diese Uhrzeit schon ewig nicht mehr in der Stadt unterwegs gewesen. Die Menschen fuhren zur Arbeit und in die Schule, sie lasen Zeitung, und ihre Gesichter waren hatten unter dem Neonlicht einen Blaustich, sie rochen frischgeduscht, schauten nicht auf. Die Hälfte von ihnen würde ab zehn Uhr jeden mit "Mahlzeit" grüßen, das hatte sie immer schon gehasst. Plötzlich sprang eine Fröhlichkeit in ihr hoch, dem Anlass ganz unangemessen. Ich mache Ferien vom Unglück. Umsteigen, noch zwei Stationen, dann war sie da.
Das Restaurant lag ebenerdig, war gelb und blau dekoriert, Marlene fand einen Tisch, von dem aus sie die Straße und die Rolltreppen zur S-Bahn beobachten konnte. Hier lief man schnell rein, schnell raus, Marlene war offenbar die einzige, die sich die Zeit nahm, die Jacke auszuziehen. Sie angelte die Zigaretten aus der Tasche.
Geschirr klapperte, die Kaffeemaschine zischte, "Cappuccino und Käsesandwich," sagten die Kunden.
"Vier Euro achtzig," antwortete die Bedienung, eine blonde Fünfzigerin mit Schürze und einem praktischen Blick.
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