1 ...7 8 9 11 12 13 ...36 Amenhotep schaute Ani verlegen an und lächelte gequält.
„Wie ich sehe, hat sie sich vollkommen eingewöhnt“, sagte Ani und schaute Amenhotep fest in die Augen. „Dann ist sie sicherlich die glücklichste Katze der Welt.“
Eine dicke alte Dame mit einem mütterlichen Gesicht, die während der ganzen Zeit irgendwo im Hintergrund saß, räusperte sich. „Der Gute Gott sprach von den Segnungen der Mittagsruhe …“ Und schon sprangen alle auf und liefen plappernd davon.
„Komm, Ani“, winkte ihm Amenhotep. „Ich zeig dir jetzt meine Wohnung.“
Wieder liefen sie durch unzählige dunkle Flure. Vorbei an der Wäschekammer, deren Tür man offenbar vergessen hatte, zu schließen, so dass Ani raumhohe Regale voller sorgfältig zusammengelegter, blendend weißer Leinentücher erkennen konnte; vorbei an der Küche, in der Dutzende von Dienern und Dienerinnen Speisen vorbereiteten; vorbei schließlich auch an einer prächtigen Wohnung, deren Eingangstür weit offen stand. Amenhotep blieb kurz stehen und lugte hinein. Eine nicht mehr ganz junge, in dicke fremdländische Gewänder gekleidete Frau kniete vor einem Räuchergefäß und knetete wollüstig stöhnend ihre Brüste. „Schawuschka, Schawuschka, thisch atai Schawuschka“, wiederholte sie in einem fort.
„Das ist Giluschepa, die Tochter des Königs von Mitanni, eine Nebenfrau meines Vaters“, erklärte Amenhotep und tippte sich dabei an die Stirn. „Sie ist nicht mehr ganz richtig im Kopf, seit sie vor ein paar Jahren ihr Neugeborenes verloren hat. Mein Vater hat sie auch schon lange nicht mehr besucht. Kein Wunder!“ Und mit den letzten Worten schloss Amenhotep leise die Tür.
Endlich waren sie vor Amenhoteps Wohnung angelangt, was dieser sogleich stolz verkündete. Er öffnete die Tür, hinter der eine ältere Frau in einem Sessel saß wo sie offensichtlich auf ihn gewartet hatte. Sie sprang auf, verbeugte sich und gab Amenhotep schließlich einen Kuss auf die Stirn. „Das ist Subira“, meinte er zu Ani. „Sie war früher meine Amme. Nun ist sie mir die zweite Mutter. Also sieh dich vor! Du weißt ja, wie Mütter sein können.“ Kaum hatte er es ausgesprochen, merkte Amenhotep, dass dies eine wenig feinfühlige Bemerkung gegenüber Ani war, der ja erst im Morgengrauen seine eigene Mutter verloren hatte. Er sah wie seinem Freund die Tränen in die Augen schossen. „Ich kann mich nicht bei dir entschuldigen, mein Freund. Mein Stand lässt es nicht zu. Aber es schmerzt mich, dein Leid zu sehen. Glaub es mir.“ Freundschaftlich legte er Ani den Arm auf die Schulter. „So und jetzt zeige ich Dir erst einmal wie ich wohne.“
Es waren Dutzende von Zimmern, die Ani nun zu sehen bekam. Subiras Schlafgemach, Subiras Wohngemach, Subiras Badezimmer, Vorratsraum, Küche, allgemeines Wohngemach, allgemeines Liegezimmer, allgemeiner Abtritt, Amenhoteps Badezimmer, Amenhoteps Schlafgemach und so weiter und so fort. Dazwischen immer wieder ungeöffnete Türen, in denen ‑ wie Amenhotep ein wenig gelangweilt aufsagte – banale Dinge wie Wäsche, Geschirr, Essenzen, Kunstgegenstände, Schminkutensilien und aller möglicher Krimskrams aufbewahrt wurden. Ani ließ die Worte ungedeutet in seinen Ohren verschwinden. Sein Kopf war endgültig voll. Was war an diesem Tag nicht alles geschehen? Was hatte er nicht alles gesehen? Amenhotep bemerkte, dass sein Freund nicht mehr in der Lage war, all die Eindrücke aufzunehmen. Er machte Subira ein Zeichen und nahm Ani an der Hand, um ihn auf die Veranda zu führen, die mit einem Bogengang vom allgemeinen Aufenthaltsraum abgeteilt war. Zwischen den einzelnen Pfeilern waren bunte Zeltbahnen aufgerollt, die zum Schutz vor der Sonne heruntergelassen werden konnten. Ani seufzte vor Glück als sie ins Freie hinaustraten. Ein Garten, wie er ihn noch nie gesehen hatte, weitläufig und ringsum mit hohen Hecken umgeben. Der Nil musste rechter Hand sein, denn man hörte von dort ab und zu ein Nilpferd schnauben oder Schiffer einander irgendwelche Dinge zurufen. Blumen blühten in allen Farben und bildeten Ornamente auf den großzügigen Beeten. Auch hier, so dachte er, malte, modellierte, dichtete und musizierte man mit der Natur. Ja, es hatte sogar den Anschein, als ob man hier versuchte, die Natur noch ein wenig perfekter zu gestalten. Etwas nach rechts versetzt, in der Nähe der Hecke zum Nil, stand ein Sonnenschattentempel, auf den sie zugingen. „Den habe ich mir vom Sohn des Hapu errichten lassen.“ Forschend blickte er in Anis Gesicht. „Eigentlich ist er gar kein Bauwerk, weißt du, sondern vielmehr eine begehbare Skulptur. Sieh nur, sie ist aus reinstem weißem Marmor geschlagen. Und ihre Pfeiler sind den Stämmen von Bäumen nachempfunden, die nach oben ihre Äste ausbreiten.“ Und in der Tat sah Ani ein kunstvolles, sich zu einer Kuppel wölbendes Gespinst aus marmornen Ästen, in die man Blättern nachempfundene Scheiben aus grünem Malachit gehängt hatte. Sie waren so dünn geschliffen, dass die Sonne hindurch scheinen konnte und ein flirrend grünes Muster auf den weißen Marmorboden zauberte. Und wenn ein Wind wehte, bewegten sich die Malachitblätter gar, so dass man meinen konnte, unter einem echten Blätterdach zu sitzen.
„Du wirst müde sein, Ani“, sagte Amenhotep fürsorglich. „Ich zeige dir jetzt erst einmal deine Zimmer. Wenn du magst, kannst du ja noch ein wenig ruhen.“
Ani war erleichtert, dass die Gästewohnung, vollkommen schlicht und neutral eingerichtet war. Das Wohngemach war großzügig genug, hatte Unmengen sauberer Kissen, die sorgsam überall drapiert waren und es hatte Zugang zu einem eigenen, abgetrennten Garten. Wie jener vor der Reinigungsstube war er mit Mohn, Kornblumen und Margeriten bepflanzt. Eine marmorne Sitzbank stand in einer in die Hecke geschnittenen Nische, die ab der Mittagszeit köstlichen Schatten spendete. Ihr gegenüber stand in einer ebensolchen Nische eine lebensechte Statue des Guten Gottes. Er trug die blaue Chepresch-Krone, die im Sonnenlicht funkelte und hielt mit beiden Händen ein Opfertablett vor seinem Körper, auf dem sich allerdings nichts befand. Nichts anderes, als alles um ihn herum, war also eine Gabe des Guten Gottes, wusste Ani das Standbild zu deuten. Wer hier wohnte, wurde stets daran erinnert, wem er dies zu verdanken hatte.
Das Schlafgemach war deutlich kleiner, aber es war über und über mit Pflanzen und Blumen und Tieren bemalt, so dass man glauben konnte, man läge inmitten einer saftigen Wiese im sprichwörtlich lieblichen Fayum. Dem Lauf der Sonne folgend hatte man kleine Öffnungen in der Außenwand freigelassen, durch die das Sonnenlicht eindringen konnte. Mit jeweils darüber angebrachten Holzklappen, die bunt bemalt waren, konnte man die gewünschte Helligkeit mit wenigen Handgriffen einstellen. Erst jetzt sah Ani, dass das Blau des über der Landschaft gemalten Himmels zur Decke hin immer dunkler wurde, bis er dort selbst schließlich Nachtblau war. Tausende von Sternen waren hineingemalt. Sogar das Band der Hathor war deutlich zu erkennen. Ani fielen einige größere Sterne auf, die allesamt in ihrer Mitte einen runden schwarzen Fleck hatten. Amenhotep bemerkte, dass Ani danach sah. „Das sind Rohre, die aus der Zwischendecke kommen, wo der kühle Nordwind eingefangen und nach unten geleitet wird. Es sind köstliche Nächte hier in Malqata, du wirst sehen.“ Ani konnte in Amenhoteps Gesicht deutlich lesen, wie glücklich es ihn machte, dass er dem Freund solche Wohltaten angedeihen lassen konnte. „Ich lass dich jetzt“, sagte der und wandte sich zum Gehen. „Ruh dich ein wenig aus, denn es war ein langer, schwerer Tag für dich. Ich werde dich zur Zeit holen lassen, damit wir noch vor der Nacht wieder vom Einbalsamierungshaus zurück sein werden. Möchtest du noch einmal baden oder mit Öl massiert werden? Hast du Hunger oder Durst? Sag es einfach Subira, sie wird Dir jeden Wunsch erfüllen.“
„Ich wurde heute schon zur Genüge gebadet“, lachte Ani. „Und der armen Subira will ich keinesfalls zumuten, mich auch noch massieren zu müssen.“
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