Nach vielen vergnüglichen Stunden verabschiedeten sich Milia und Dora. Die jungen Herren wollten sie zwar zum Bleiben bewegen, doch war es nicht angebracht, dass Dora noch länger auf dem Fest blieb. Auch wenn ihre jüngere Schwester heftig protestierte, war sie noch zu jung, um mitzuerleben, wie ausgelassen Wein erwachsene Menschen machte. Obwohl Milia noch hätte bleiben können, bat Peris sie, Dora zu begleiten, damit diese nicht alleine nach Hause müsste. Dabei verwies er auch auf ihre Unschuld und Tugend, die nicht durch das nächtliche Treiben der jungen Herren in Verruf gebracht werden sollte. Lieber verließ sie das Fest, bevor es zu anrüchigen Szenen kam, die sie beschämen mochten.
So rührend Milia diese Sorgen ihres Vaters auch empfand, so sehr schüttelte sie innerlich den Kopf. Sie war schon oft mit Akis auf Festen gewesen, bei denen sich zu später Stunde die Herren und auch einige Damen entweder mit den jungen Sklaven oder miteinander vergnügten, während der Wein in Strömen floss und die Musiker unanständige Verse zum Besten gaben. Milia selbst hatte selbstverständlich nie aktiv an diesen Ausschweifungen teilgenommen, doch das Gelächter und die Geräusche aus den dunklen Räumen waren eindeutig genug gewesen.
Doch um ihren Vater zu beruhigen, lächelte sie nur und stieg mit Dora in die Sänfte. Sobald sie verheiratet war, würde niemand mehr von ihr verlangen können, ein Fest vorzeitig zu verlassen.
Den nächsten Tag begingen die Männer des Hauses etwas später als sonst. Milia hatte nicht gehört, wann sie vom Charis‘ Feier zurückgekommen waren. So kam es, dass sie ihren Vater erst am Nachmittag sah, als sie von der Therme zurückkehrte. Akis war wohl geschäftlich in Atlantis unterwegs, während Peris in Gedanken versunken in seinem Schlafzimmer saß.
„Vater?“ Milia näherte sich vorsichtig, um ihn nicht zu erschrecken. Er wirkte auf einmal so alt und gebrechlich, obwohl er kaum über vierzig Jahre alt war. „Ist alles in Ordnung?“
„Oh ja … ja natürlich.“ Er rang sich ein Lächeln ab. Erst jetzt sah Milia, dass er einen filigran verzierten Goldreif in der Hand hielt. Sie hatte ihn noch nie zuvor gesehen. Als Peris bemerkte, worauf der Blick seiner Tochter gefallen war, deutete er ihr, sich neben ihn auf das Bett zu setzen.
Sie schwiegen einem Moment. „Sag mir Milia, weißt du, wem dieser Armreif gehörte?“ Mit diesen Worten reichte Peris seiner Tochter das Schmuckstück. Dem Gewicht nach musste er aus reinem Gold bestehen.
Langsam schüttelte sie den Kopf. „Nein Vater. Ich sehe ihn zum ersten Mal.“ Obwohl die Verzierungen äußerst fein waren, erkannte Milia eine Braut, die für ihre Hochzeit geschmückt wurde. Sie begann zu ahnen, wessen Schmuck sie in ihren Händen hielt.
„Er gehörte deiner Mutter“, bestätigte Peris sanft. „Ich schenkte ihn ihr am Abend vor unserer Hochzeit. Sie trug ihn den ganzen Tag.“ Kurz versank Milias Vater in Gedanken und es war ihm, als wäre er wieder Fünfundzwanzig und vermählte sich mit der schönsten Frau, die er je gesehen hatte.
„Es ist ein sehr schöner Armreif, Vater. Er muss sehr wertvoll sein.“
„In der Tat, ja, in der Tat das ist er“, er nahm ihn wieder an sich, als hätte er Angst, ihn schon zu lange aus den Händen gegeben zu haben. „Aber mein Herz hängt mehr daran als meine Geldbörse.“
Milia lächelte. „Das glaube ich dir gerne.“
Wieder schwiegen sie eine Weile.
„Ich vermisse Philomena jeden Tag“, gestand Peris nach einiger Zeit. „Und nun, da ich dich als junge Braut vor mir sehe … es ist wie damals, nur dass nicht ich heirate, sondern du.“ Er drückte liebevoll Milias Hand und versuchte, einige Tränen wegzublinzeln, was ihm nur schwerlich gelang.
Milia bekam Mitleid mit ihrem Vater. Auch sie vermisste ihre Mutter, doch hatte ihr Tod Peris härter getroffen als jedes andere Familienmitglied. „Ich hätte sie auch gerne an meiner Seite, besonders in diesen Tagen.“
„Ja, besonders in diesen Tagen“, pflichtete Peris seiner Tochter bei. „Eigentlich bräuchtest du eine Mutter, aber du bist so stark und anmutig und weißt, was gut und schlecht ist … aber trotzdem … ich frage mich, ob alles noch besser hätte werden können, wenn Philomena noch ein Auge auf deine Erziehung gehabt hätte.“ Milia fühlte sich geschmeichelt von den Komplimenten ihres Vaters. Dass er ihre Talente derart lobte, erfüllte sie mit Stolz.
„Vater, du hast dein Bestes getan und es mangelte uns an nichts, also mach dir keine Vorwürfe“, beruhigte sie Peris. Dieser blickte wieder gedankenverloren auf den Goldreif in seinen Fingern.
„Ich habe ihn für dich gesucht … vielleicht möchtest du ihn tragen? Eingestaubt in einer Kiste nützt er niemandem etwas.“
Milia wusste nicht, was sie sagen sollte. Ihr Vater bot ihr ein Schmuckstück an, das er einst ihrer Mutter geschenkt hatte! Normalerweise hütete er alles, was mit Philomena zu tun hatte, eifersüchtig wie einen Schatz und ließ seine Kinder nur unter Aufsicht daran teilhaben. Und nun sollte sie den Hochzeitsschmuck ihrer Mutter bei ihrer eigenen Vermählung tragen!
„Das wäre mir eine Ehre Vater … natürlich nur, wenn du das wirklich willst. Fühle dich nicht verpflichtet, du weißt, ich habe genug Reifen und Ketten und Broschen.“
„Nein meine liebe Milia“, entgegnete Peris sanft. „Ich möchte, dass du ihren Goldreif trägst. Ich bin mir sicher, er bringt dir Glück, so wie er mir und deiner Mutter glückliche Jahre schenkte.“
Etwas später stürmte Dora in Milias Zimmer, als diese sich von Fara und Sia für ein Abendessen frisieren ließ, das im Hause einer seit kurzem verheirateten Freundin stattfinden sollte. Dora hatte ein diebisches Grinsen auf den Lippen und starrte voller Freude Fara an.
„Willst du mir nicht mitteilen, was dich so freut, kleine Schwester“, fragte Milia nach einiger Zeit. Ihr gefiel es nicht, das Dora einfach in ihr Zimmer kam und dann nicht den Anstand hatte, von sich aus den Grund zu verraten.
„Ich habe mit Vater geredet.“ Fara schien langsam nervös zu werden, weil Dora sie weiterhin so unverhohlen anstarrte.
„Und? Ich hoffe du tust das nicht so selten, dass du es mir jedes Mal mitteilen musst.“
Dora kicherte. Es machte ihr Spaß, ihrer Schwester nur Stück für Stück Informationen preiszugeben und sie musste sich beherrschen, damit diese Freude noch etwas länger dauerte. „Wie du weißt, machen sich Vater, Akis und Charis Morgen auf den Weg nach Patras.“
„Ja, tatsächlich weiß ich das“, gab Milia schnippisch zurück. Sie wurde ungeduldig und machte eine kurze Pause in der sie Dora streng im Spiegel ansah, „immerhin wurde deswegen meine Hochzeit auf Mitte April gelegt, damit sie vorher noch ihre griechischen Partner treffen können.“
„Ja, ja, schön, schön.“ Wieder kicherte Dora schelmisch.
Milia hatte nun genug. Sie drehte sich so schnell zu ihrer Schwester um, dass Sia und Fara nur mit Mühe ihre Hände von ihr nehmen konnten, um die Frisur nicht zu ruinieren. Milia wurde ganz leise. „Jetzt hör mir gut zu: entweder du sagst mir sofort was du in meinem Zimmer zu suchen hast oder du verschwindest wieder. Ich habe nämlich keine Zeit für so ein kindisches Verhalten! Hast du mich verstanden?“
Dora blickte ihre Schwester recht unbeeindruckt an, seufzte dramatisch und begann zu erklären: „Ich habe Vater erzählt wie sehr ich ihn und Akis vermissen werde wenn sie nun fahren. Anscheinend bekam er Schuldgefühle, jedenfalls hat er mir erlaubt, sie bis zum östlichen Hafen zu begleiten.“ Ihr diebisches Lächeln kam zurück. „Und ich darf Fara mitnehmen.“
Milia fuhr empört von ihrem Hocker hoch. „Wie bitte? Das ist nicht gerecht! Du hast einfach Vaters Traurigkeit wegen meiner Hochzeit ausgenutzt um Fara zu bekommen? Ich hätte mehr von dir erwartet! Sie ist meine Sklavin, Akis hat sie mir geschenkt!“
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