Als sie den Teil des Marktes, der hauptsächlich für schmückende Waren vorgesehen war, durchschritten hatten, gab Milia einem ihrer Sklaven etwas Geld, damit er frisches Obst und Brot für das Abendmahl besorgen konnte. Ein Handelspartner von Akis und ihrem Vater Peris war zu Besuch, folglich hatten nur die besten Speisen auf dem Tisch zu sein.
Als sie zurückkamen, huschte Dora sogleich in ihr Zimmer, um ihre neuesten Errungenschaften genauer zu betrachten und zu entscheiden, zu welchen Kleidern sie am besten passten. Milia blickte ihr nachsichtig lächelnd nach und ging vorsichtig zu ihren Gemächern, da die Vorhänge des Tablinums zugezogen waren und sie Stimmen daraus vernahm. Der Geschäftspartner war schon da und anscheinend verhandelten er, Akis und ihr Vater über neue Verträge.
In ihrem Zimmer warteten bereits ihre Sklavin Sia, eine patente ältere Frau, und Fara auf Milia. Die neue Sklavin war gewaschen, ihr schwarzes Haar schlicht geflochten und ihr Körper von einem leichten Chiton verhüllt. Da er nur aus einem Stofftuch bestand, welches geschickt um den Körper geschlungen und mit einem Gürtel sowie zwei einfachen Nadeln befestigt wurde, war Faras rechte Körperhälfte teilweise sichtbar und hob sich mit seiner dunklen Haut angenehm vom hellen Stoff ab. Ihre Augen hatte sie, ebenso wie Sia, auf den Boden gerichtet und den Kopf demütig gebeugt.
„Lasst uns keine Zeit verlieren, Vaters Gast ist schon im Haus. Fara, ich trage heute meinen grünen Peplos. Lege alles zurecht. Sia, meine Haare sollen heute nicht zu pompös aussehen, Vater sieht das nicht gerne.“ Während dieser Anweisungen begann die ältere Sklavin bereits, Milia beim Auskleiden zu helfen. Nachdem Fara ihre Befehle erhalten hatte, verbeugte sie sich kurz und machte sie dann an die Ausführung, indem sie Stoff, Gürtel, Fibeln und Sandalen herrichtete. Währenddessen war Sia soweit, ihre Herrin zu frisieren.
Milia ließ sich vor dem Frisiertischchen auf den gepolsterten Hocker sinken, während ihr die schwarzen Locken gebürstet wurden. Während Sia ihre Arbeit mit ruhiger Hand verrichtete, wirkte Fara etwas unsicher. Ihr Blick huschte immer wieder zu Milias Spiegelbild, wandte ihn jedoch sofort ab, wenn ihre neue Herrin das bemerkte. Sie fühlte sich jedoch geschmeichelt von dem Verhalten der jungen Sklavin, die anscheinend ein solches Interesse für ihr Aussehen hatte. Besonders Milias Augen schienen sie zu faszinieren, aber das war für sie alltäglich. Denn während eine Iris von kräftigem Grün wie die saftigen Wiesen auf dem Landsitz ihres Vaters waren, leuchtete die andere klar und blau wie das Meer an einem Sonnentag vor den Küsten Atlantis.
Während Milia in ihre Augen vertieft war und lächelnd darüber nachsann, welche Komplimente sie schon dafür erhalten hatte und wie viele Gedichte von übereifrigen Verehrern bereits darüber verfasst wurden, begann Sia mit dem Frisieren. Fara beobachtet sie dabei genau und reichte ihr bei Bedarf einige Haarnadeln. Milia beschloss, das es langsam an der Zeit wäre, ihr Arabisch zu verbessern. Sie zeigte auf eine Nadel in Faras Hand.
„Wie sagt man dazu in deiner Sprache?“
Die junge Sklavin hielt kurz inne. „Arabisch, Herrin?“
„Natürlich, oder beherrscht du sonst noch andere Sprachen?“ Skeptisch blickte Milia Fara im Spiegel an, die ihr überraschend ruhig in die Augen sah. Langsam schüttelte sie den Kopf. Sie reichte Sia die Haarnadel.
„Nein, Herrin.“
Milia atmete ungeduldig ein. „Na dann, wie nennt man Haarnadeln in deiner Sprache?“
Sia wurde unruhig. Sie wollte nicht, dass ihre Herrin die Geduld verlor und das womöglich nicht nur an der jungen Sklavin ausließ, sondern auch an ihr. Jedoch waren ihre vor Furcht zittrigen Hände nicht sonderlich geschickt darin, das schwarze Haar zu frisieren. Noch bevor Fara antworten konnte, stieß Milia einen Schmerzlaut aus. Sia hatte sie mit einer Haarnadel gestochen.
„Bei allen Göttern, was fällt dir eigentlich ein“, fuhr Milia ihre langjährige Sklavin an und schlug ihr die Nadel aus der Hand, die mit leisem Klirren über den Boden flog. „Willst du mich erstechen?! Was für unfähige Sklaven werden mir hier zugemutet! Die eine stellt sich dumm und die andere ist ungeschickter als ein Schwein! Ich bin froh wenn ich in zwei Wochen umziehe, da stehen mir wenigstens fähige Sklaven zur Verfügung und nicht so unnützes Pack!“ Im Zimmer herrschte Stille, die Sklavinnen schienen sogar das Atmen aufgehört zu haben aus Angst, ihre Herrin weiter zu erzürnen. Mit einer abfälligen Handbewegung deutet Milia, dass sie wieder an ihre Arbeit gehen sollten, fügte jedoch kalt hinzu: „Das ihr nie vergesst, wo euer Platz ist. Sonst wird dieses Haus die längste Zeit euer Heim gewesen sein.“
Wortlos begannen Sia und Fara damit, Milia zu frisieren, sie zu schminken und dann anzukleiden. Fara wurde dabei mit kurzen Gesten von Sia eingewiesen und erklärte folgsam alle Begriffe auf Arabisch, die notwendig waren: Kamm, Harnadeln, Puder für die Haut, Kohle für die Wimpern und Augen, Gürtel, Sandale … Milia beruhigte sich mit der Zeit, jedoch war jedes freundliche Leuchten aus ihren Augen verschwunden.
„Bei Poseidon, Aphrodite persönlich scheint sich zu uns zu gesellen“, rief der Handelspartner aus, als Milia in den Garten trat. Sie blickte mit einem gespielt scheuem Lächeln zu Boden.
„Ah, darf ich Euch meine geliebte Tochter Aimilia vorstellen.“ Ihr Vater Peris, wie alle anwesenden Männer in eine prächtige Toga gekleidet, kam zu ihr. Sein einstmals braunes Haar wurde mit jedem Jahr grauer, aber man erkannte in seinem Aussehen noch immer den jungen und schlanken Mann, der er einmal war. „Sie ist mir eine große Hilfe und Unterstützung und noch dazu eine wahre Augenweide.“
„Sie scheint ihrer Mutter immer ähnlicher zu werden, lieber Periandros“, bemerkte der Besucher bewundernd. Er trat etwas näher an Milia heran. Dabei spannte sich seine Toga bei jedem Schritt bedrohlich über seinen mächtigen Bauch. „Obwohl natürlich ihre Augen jeden Vergleich mit irdischen Schönheiten verbieten.“ Dann jedoch kam ihm wieder Dora in den Sinn, die mit Milia gekommen war und bereits eifersüchtig darauf wartete, selbst in ihrem neuen Peplos bewundert zu werden. „Aber all eure Kinder sind eine wahre Augenweide. Besonders eure Töchter, wo doch eine Frau bekanntermaßen mehr Schönheit, Anmut und Liebreiz in sich vereint, als es zehn Männer jemals könnten.“ Dabei sah er bewusst Dora an, die sich sofort alleinig angesprochen fühlte und zufrieden errötete.
Nun mischte sich Akis in die Unterhaltung ein. „Doch alle Schönheit vergeht, wenn sie nicht umsorgt wird.“ Dabei ging er langsam in Richtung des Tricliniums, in dem das Abendessen serviert wurde. Es war reich mit Wandmalereien verziert und besaß eine große Fensterfront zum Garten, über welchen man den Blick müßig schweifen konnte, wenn die Schätze an den Wänden drohten, das Auge zu ermüden.
Bald schon wurde die Aufmerksamkeit auf die sorgfältig ausgewählten Speisen gelenkt, die nach und nach von einigen Sklaven auf dem Tisch in der Mitte gebracht wurden: Eier, frisches Obst, zartes Hähnchenfleisch, Fisch in verschiedensten Variationen, Brote und vieles mehr, das nicht nur den Magen sondern auch die Augen durch seine Köstlichkeit verzückte. Dazu wurde selbstverständlich nur erlesener Wein serviert, importiert von Peris und seinem Sohn.
„Wie ich hörte, geht Eure Familie bald eine lukrative Verbindung ein“, bemerkte der Handelspartner, welchem selbstverständlich der Ehrenplatz zugeteilt wurde, zwischen den Gängen, denen er gerne und stark zusprach.
„In der Tat“, stimmte Peris ihm zu und erhob dann seinen Weinkelch. „Meine geliebte Tochter heiratet Charilaos.“ Er nickte Milia zu und trank etwas Rotwein.
„Eine vortreffliche Wahl, bei Poseidon! Wann wird es soweit sein?“
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