„Miss Valerie!“rief er aus.„Sie sind es wirklich.“
Valerie sah ihn erschrocken an, offensichtlich unwissend, wo sie ihn hintun sollte.
„Ich bin’s, der kleine Joe,“half er ihr, und langsam dämmerte es ihr. Elf Jahre waren eine lange Zeit.
„Joe?“fragte sie, und hielt die Hände ungefähr in Hüfthöhe.
„Ja,“lachte er, und zum zweiten Mal an diesem Tag zerfloß Valeries Make-Up in Tränen.
„Ich weiß, was damals passiert ist,“meinte Joe,„und falls es Sie tröstet: Sie haben damals gut getroffen. Ihr Vater hat sich nie mehr an einer Frau vergriffen.“
Valerie heulte noch mehr.
„Danke, Joe,“sagte sie nur und verschwand mit ihrer Schwägerin, um ihr Gesicht wieder herzurichten.
Mike Alder reichte Joe eine Zigarre und drückte ihm die Hand.
„Jetzt seid ihr beide frei,“sagte er dazu, während sein Bruder die Zigarrenkiste herumreichte. Auch Langes Ohr nahm eine und gab Joe Feuer. Joe zog an seiner Zigarre und stieß genießerisch den Rauch aus.
„Hey, soll der Sheriff leer ausgehen?“Mary-Rose stand da, mit einer Zigarre im Mund, und Großes Feuer persönlich zündete ihr die an. Das Mädchen zog an der Zigarre und unterdrückte sichtlich den Hustenreiz.
„Könnt‘ mich glatt dran gewöhnen,“grinste Mary-Rose und schlenderte davon. Die Männer schmunzelten.
Marge überblickte die Feier. Ganz Clearwater schien hier versammelt, außerdem einige Fremde. An den Whiskyfässern standen nur wenige Leute, die meisten tranken Bier und Barneys Mädchen sorgten in schicklicher Kleidung zusammen mit anderen für die Versorgung der Tische. Apropos Mädchen: Wo war eigentlich Mary-Rose? Sie sah ihre Tochter im Gespräch mit Doug Alder und … rauchend. Das ging entschieden zu weit! Sie ging los, bewegte die Füße, aber nicht den Körper. Irgendjemand hatte sie an den Hüften hochgehoben. Sie blickte hinter sich. Arthur! Ebenfalls mit Zigarre im Mund.
„Laß sie, Schatz,“riet er zu ihrer Verblüffung.
„Aber, Arthur!“Marge widersprach ihrem Mann selten, aber hier.
„Wenn sie die Zigarre wirklich schafft,“lächelte er wissend,„wird es auf lange Zeit die letzte sein.“
„Aber sie ist erst dreizehn!“protestierte Marge.
„Und der Sheriff,“antwortete ihr Mann.
Marge verstand, was er meinte. Die Diskussion über die Zigarre mußte warten, bis die Robinsons unter sich waren. Sie nickte, und Arthur schlenderte davon, in Richtung Mary-Rose.
Jetzt kam auch Valerie wieder, noch stärker aufgebrezelt als vorher. Das Kleid mußte irgendwo aus dem alten Süden stammen. Offensichtlich war es selbst genäht. Nun ja, meinte Marge, der Traum vom besseren Leben hatte sich für Valerie wohl verwirklicht.
Der Pastor kam endlich bei seiner Tochter und Doug Alder an.
„Na, Du einsamer Wolf,“grüßte er grinsend und erschreckte damit gleichzeitig Mary-Rose.
„Ist die Krankheit ansteckend, Pastor?“fragte Doug zurück.
„Nicht ansteckender als Rauchen,“konnte sich der Pastor den Seitenhieb nicht verkneifen. Mary-Rose zog den Rauch ihrer Zigarre tief ein und stieß ihn genießerisch von sich. Was immer sie in diesem Augenblick verspürte, sie zeigte nur Wohlbehagen. Und eine Selbstbeherrschung, die ihrem Vater imponierte.
„Wir diskutieren hier Kandidatinnen,“meinte sie trocken und wies mit der Zigarre zwischen den Fingern in die Runde.„Sie sind alle hier, Onkel Doug.“Sie lächelte wissend.„Und gleich wird getanzt.“
Dann schlenderte sie davon, und Doug fragte:„Wie hältst Du das bloß aus, Arthur?“
„Frag 'mal Marge,“kam die Antwort und Doug Alder lachte schallend.
„Findest Du nicht, daß Du dafür noch ein bißchen jung bist,“fragte Doc Rivers jetzt Mary-Rose.
„Hat medizinische Gründe,“gab sie zurück und erntete einen sehr fragenden Blick.
„Bei meiner Mutter ist der Blutdruck zur Zeit etwas niedrig,“erklärte sie,„und das ist doch nicht gut in der Schwangerschaft.“
„Aufregung ist aber auch nicht gut fürs Baby,“gab der Arzt lachend zurück.
„Gut,“antworte Mary-Rose.„Ist meine letzte für heute.“
Sie achtete darauf, genau vor Tante Dorothy und Tante Wilma herzugehen und ihnen den Rauch ins Gesicht zu blasen. Die beiden wagten kein Wort, waren überhaupt ziemlich still seit Tante Hermines Tod. Mary-Rose setzte sich zu einigen Honoratioren der Stadt, bis jemand brüllte:„Das Buffet ist eröffnet!“
Am Buffettisch traf sie ihre Mutter.
„Nur Bier,“flüsterte die.
„Och, Mum,“maulte Mary-Rose, ohne das Gesicht zu verziehen, und lud sich den Teller voll.
„Die Zigarre ist genug,“bestand Marge.
„Na, gut,“bestätigte ihre Tochter und setzte sich zu Myrna und den anderen großen Mädchen. Sofort brachte ihr jemand ein Bier, während Myrna sich wie die anderen Mädchen, alle mehrere Jahre älter als Mary-Rose, mit Limonade oder Wasser begnügte.
Für etwa eine Stunde war jetzt alles mit Essen beschäftigt. Die Lautstärke sank deshalb nicht unbedingt. Mary-Rose ließ sich mit ihrem Bier viel Zeit, prostete diesem oder jenem zu, hielt sich zurück, wie Marge zufrieden bemerkte.
Irgendwann kam die kleine Band auf die improvisierte Bühne und fing an, zum Tanz aufzuspielen.
Jeder erwartete zuerst einen Square Dance, aber die Spieler strengten sich an und bekamen einen passablen Walzer zustande, der von den Brautpaaren eröffnet wurde. Allerdings führte Jacqueline Julius, was niemanden wunderte, wenn es überhaupt jemand bemerkte. Clayton forderte Ethel zum Tanz auf, deren Eleganz Augusta beeindruckte. Jack und Mike gaben sich redlich Mühe, aber die Jahre im Sattel hatten ihre Spuren hinterlassen. Alle drei Alder-Frauen beschlossen unabhängig, daß da eine Auffrischung angesagt war.
Dann aber ging es richtig los, und Mary-Rose war fast bei jedem Tanz dabei. Irgendeiner forderte sie immer auf. Darunter auch etliche junge Burschen. Marge beobachtete das, als Ethel, die sich kurz ausruhen mußte, meinte:„Nochmal so jung sein.“
„Wie jung?“fragte Marge irritiert.
„Dreizehn,“lächelte Ethel.„Ohne Pause tanzen können, Bier trinken, rauchen, mit zwei Colts durch die Stadt laufen und Sheriff spielen.“
„Sarkasmus steht Dir nicht,“stellte Marge fest.
„Sei doch froh, daß sie so akzeptiert ist.“
„Aber sie ist noch so jung.“
„Sie schafft neben der Schule einen Job, an dem schon sehr gute Männer gescheitert sind. Die Zigarre hat sie sich redlich verdient.“Ethel sprach mit Nachdruck, und Marge wußte, daß sie Recht hatte.
„Ich weiß, aber …“
„Du siehst immernoch Dein kleines Mädchen, aber das ist sie nicht mehr.“
„Sie ist aber auch noch nicht erwachsen.“
„Nein, da hast Du Recht.“
„Hat man als Mutter eigentlich immer verloren?“
„Weiß nicht. Ich hatte leider keine Kinder.“
In diesen Worten schwang so viel mit, daß Marge die Sache auf sich beruhen ließ. Sie suchte sich einen Zettel und einen Bleistift.
Mary-Rose fühlte nur, wie ihre Mutter ihr einen Zettel in die Hand drückte. Erstaunt las sie:
Feiere, wie Du willst.
Mum
Mary-Rose grinste, gab ihrem Vater den Zettel und fing an, das Fest zu genießen.
Irgendwann ging Joe zur Band und redete mit den Leuten. Dann ging er auf Myrna zu.
„Darf ich bitten?“fragte er höflich.
Myrna errötete, stand auf und ließ sich zur Tanzfläche führen. Die Musik spielte einen sehr langsamen Tanz. Keiner wagte es, Myrna und Joe zu stören.
Am nächsten Morgen ging der Wecker bei Mary-Rose nicht. Marge klopfte, um sie zum Gottesdienst zu wecken. Stöhnen antwortete ihr. Sie klopfte nochmal und rief ihre Tochter.
„Nicht so laut, Mum,“stöhnte es von hinter der Tür. Marge hatte leise geklopft und öffnete jetzt die Tür. Mary-Rose drehte sich auf die andere Seite.
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