Jack Alder betrat das Postamt und ließ sich die angekommenen Briefe geben. Die meisten waren von irgendwelchen Geschäftspartnern, die jetzt im beginnenden Frühjahr anfragten, ob Fohlen oder Jährlinge zu haben waren, oder welche verkaufen wollten. Diese Briefe würde Doug in den nächsten Tagen beantworten.
Einen Brief allerdings hatte er schon seit Wochen erwartet. Er öffnete ihn und las:
Sehr geehrter Mr. Alder,
wir haben Ihren Brief erhalten.
Die Person, von der Sie reden, existiert für uns nicht mehr, so wie wenn sie gestorben wäre, und jeder, der sich mit ihr näheren Kontaktes rühmt, hat sich aus unserem Leben als Mensch ungeeigneten Lebenswandels fernzuhalten.
Wir werden daher Ihrer Einladung nicht folgen und bitten Sie, derlei Belästigungen fürderhin zu unterlassen.
Burt und Constance Smith
Boston
Jack Alder zerknüllte den Brief und stopfte ihn in die Hosentasche. Zuhause würde er ihn verbrennen. Augusta durfte von diesem Versuch nichts wissen.
„Seit wann läßt Du wichtige Briefe in Deiner Hosentasche, Jack?“fragte Mike, der mir der Wäsche dran war. Siedend heiß fiel Jack der Brief ein, aber es war zu spät: Mike hatte ihn schon gelesen.
„Einen Versuch war’s wert,“meinte Mike und warf den Brief ins Feuer.
„Ich könnte …,“fluchte Jack mit mühsam beherrschter Wut.
„ … ihnen Mary-Rose auf den Hals hetzen?“grinste Mike.
Widerwillig mußte Jack lächeln:„Nein, das noch nicht.“
Die Brüder lachten, während die letzten Reste des Briefes im Kamin verkohlten.
Marge Robinson stand stöhnend auf. Hochzeiten waren zwar schön, aber immer so anstrengend. Besonders wenn der Bräutigam Jack Alder hieß und echten Champagner importieren konnte. Marge, die sowieso nicht viel trank, fand, daß der sehr viel hinterhältiger als Whisky oder Bier war. Mary-Rose hatte sie ein Glas zum Anstoßen auf das Brautpaar erlaubt. Der heimliche Bourbon danach hatte sich durch Husten verraten, aber das war eine der Lektionen, die Mary-Rose nun selber lernen mußte. Danach war sie bei Limonade geblieben.
Marge machte Frühstück. Der Kaffee war fast alle. Seit Mary-Rose mittrank – und sie war die größte Konsumentin – schwanden die Vorräte immer schneller.
Sie hörte den Wecker ihrer Tochter und einen Augenblick später ein lautes:„Mist!“
Als sie das Zimmer ihrer Tochter betrat, saß Mary-Rose mit zurückgeschlagener Decke im Bett.
„Was ist denn, mein Schatz?“fragte Marge.
Mary-Rose, vor ein paar Tagen dreizehn geworden, stand auf, lächelte ihre Mutter an und sagte:„Och, nichts, außer daß wir jetzt beide Frauen sind.“
Marge besah sich das Malheur.
„Tja, dann hab‘ ich wohl mit Myrna gleichgezogen,“meinte Mary-Rose jetzt.
„Untersteh Dich,“drohte ihre Mutter erschrocken, bemerkte aber jenes Honigkuchenpferdgrinsen, das in letzter Zeit immer öfter dazu diente, ihren Blutdruck in die Höhe zu treiben.
„Worum geht es hier?“brummte ihr Vater, der in der Tür stand.
„Bin heute Nacht zur Frau geworden,“erklärte Mary-Rose nur trocken.
Ihr Vater erhaschte nur einen Blick aufs Bett und verfügte sich mit einem kurzen „Aha!“ zurück in seins.
„Wasch Dich, und dann helfe ich Dir mit dem anderen,“meinte Marge, und Mary-Rose breitete sorgfältig ein Handtuch aus, bevor sie sich wusch.
Augusta Alder fuhr durch Clearwater, zum ersten Mal unter diesem Namen und mit einem solchen Wagen. Sie wollte ein paar bestellte Sachen abholen und Kraftfutter für die Pferde kaufen. Eben die Sachen, die wegen der Hochzeitsvorbereitungen liegen geblieben waren. Nachdem die Futtersäcke verstaut waren, fuhr sie zum Gemischtwarenladen. Sie parkte den Wagen vor dem Store und wollte eintreten, aber die anderen Frauen versperrten ihr den Weg.
„Entschuldigen Sie bitte,“sagte sie freundlich. Keine Reaktion.
„Würden Sie mich bitte durchlassen?“fragte Augusta jetzt deutlicher. Noch immer völlige Ignoranz. Augusta wollte sich nicht durchdrängeln. Zum Glück kam jetzt Myrna Jenkins und versuchte durchzukommen. Sie erzielte kein besseres Ergebnis als Augusta.
„Es ist grausam, daß wir keinen Sheriff haben,“begann jetzt eine der Frauen.
„Ja, sonst würden solche Personen nicht frei hier herumlaufen,“sekundierte eine Zweite.
„Es ist eine Schande!“sagte eine Dritte mit einem deutlichen Seitenblick auf Myrna und Augusta. Augusta sah, wie sich Myrnas Gesicht veränderte. Sie wollte nicht an ihrem zweiten Tag als ehrbare Ehefrau Randale machen, aber Myrna war wahrscheinlich zu zerbrechlich, um dem etwas entgegenzusetzen.
„Und wenn ihr nicht endlich den Weg freimacht, lernt Ihr mich kennen!“tönte von drinnen ein wohlbekanntes Organ.
„Und warum sollten wir ausgerechnet auf Dich hören, Ethel?“fragte die Erste.
„Sehr richtig, wo Du Dich ja sogar mit denen verbrüderst,“half die Zweite weiter.„So kriegen wir die Moral in Clearwater nie gerettet.“
„Und Du warst einmal so ehrbar,“sagte die Dritte.
„Und jetzt bin ich das etwa nicht mehr?“fragte Ethel.
„Eine anständige Christin gibt sich nicht mit solchem Gesocks ab,“beantwortete die Zweite die Frage.
„Und ihr bibelfesten Hohlköpfe wißt sicher auch, was die Pharisäer unserem Herrn Jesus vorwarfen?“Ethel zwang sich richtig zur Ruhe.
„Auf jeden Fall…,“begann eine der Frauen.
„ … waren die Pharisäer gegen Euch Engel der Barmherzigkeit,“explodierte es hinter Myrna und Augusta,„denn sie gaben zu, daß es eine Umkehr geben kann.“
„Mary-Rose, ich schaffe das schon,“meinte Ethel, aber Mary-Rose überhörte das.
„Wer gibt Euch drei Spinatwachteln eigentlich das Recht, über ehrbare Frauen zu urteilen?“donnerte sie mit ihrer immernoch sehr kindlichen Stimme. Myrna sah jetzt hin. Mary-Rose hatte nicht einmal die Hand am Colt.
„Ehrbare Frauen sind wir,“kam die prompte Replik,„und Du …“
„Ehrbare Frauen? Ist es ehrbar, Unschuldige zu verurteilen und das Tun der eigenen Ehemänner zu vertuschen?“fragte Mary-Rose.„Ihr verrichtet zum Schein lange Gebete und macht alle nieder, die Euch nicht passen.“
„Sie wird diesen Mann schon provoziert haben,“meinte Eine der Drei und zeigte auf Myrna.
Mary-Rose entschied, daß es an der Zeit für ein paar Bibelverse war. Ihr Ton wurde beißend scharf:„Also, von Frau zu Frau …“
„Von Kind zu Frau, meintest Du wohl.“Die Sprecherin lächelte mild.
Mary-Rose lächelte kalt:„‚Von Frau‘ hatte ich gesagt. Heute Nacht geworden.“
Augusta drehte sich weg. Niemand sollte ihr Lächeln sehen. Die drei Frauen waren schockiert.
„Aus Euch spricht doch nur der pure Neid.“Ethel fragte sich, was jetzt wohl käme.
„Neid?!“
„Weil sich für Euch niemand mehr interessiert.“Mary-Rose beachtete die erschrockenen Gesichter nicht.„Nicht 'mal Eure Ehemänner, denn die sind ja die besten Kunden bei Augustas ehemaligen Kolleginnen. ‚Sohn und Vater gehen zur gleichen Hure und entweihen meinen heiligen Namen!‘“Mary-Rose kniff ihre Augen zusammen.„Ach, ich vergaß: Ihr habt ja gar keine Kinder. Na, so ein Glück aber auch.“ Auf der Hauptstraße hätte man eine Stecknadel fallen hören können. Auch Mary-Roses Vater stand jetzt mit da, unfähig ein Glied zu rühren und an die Zeit der alten Propheten erinnert.
„Eure Ehemänner sind die größten Förderer der hiesigen Hurerei, weil ihr ihnen nicht, die eheliche Pflicht leistet, wie Paulus es befiehlt,“legte Mary-Rose nach, und lächelte jetzt selbst milde:„Aber es hat ja auch sein Gutes, daß Ihr die Beine nicht auseinanderkriegt. Sonst hätten nämlich zwei von Euch einen Tripper.“
Myrna sah Augusta an. Die nickte nur.
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