„Augusta weiß, was ein guter Ehemann wert ist. Sie hat ihre Erfahrungen gemacht. Und Myrna wird ihrem Kind, daß ihr aufgezwungen wurde, eine gute Mutter sein, was Ihr niemals fertigbrächtet.“
„Was weißt Du schon davon.“Der Ton war mehr als wegwerfend.
„Ich weiß, was eine Mutter ist. Ich kenne meine,“antwortete Mary-Rose gefährlich leise,„und ich habe Ohren, die mir sagen: Daß ich keine Geschwister habe, liegt gewiß nicht daran, daß meine Mutter ihren Mann so behandelt, wie Ihr Eure.“
Isaiah Jenkins blickte den Pastor an. Der nickte nur leicht, offensichtlich unfähig oder nicht willens, seine Tochter zu stoppen.
„Aber Ihr buhlt ja auch,“lächelte Mary-Rose,„um Macht und Ansehen, um Status und das Recht, andere richten zu dürfen, nicht Tante Hermine.“
Das Gesicht von Hermine Granger-Ford, der Wortführerin der drei, wurde rot vor Wut.
„Ein Glück, daß Du hier nicht Richterin bist.“Der Sarkasmus in Mary-Roses Stimme war nicht mehr zu überbieten.
„Ach! Da wir gerade vom Gesetz sprechen.“Der Pastor fragte sich, was jetzt wohl kommen würde. Anscheinend war seine Tochter auch ohne ihre Colts ziemlich treffsicher.„Myrna hat um Hilfe geschrien, wie es das mosaische Gesetz verlangt. Jedes Eurer Häuser lag näher am Tatort als der Saloon, in dem ich saß. Und jede von Euch hatte ein Gewehr zuhause und hört lange nicht so schlecht wie Tante Ethel.“
Das saß! Jede der Drei wurde unter dieser Anklage und ihrer Schminke kreidebleich.
„Deshalb bin ich jetzt der amtierende Sheriff von Clearwater, und als solcher erfülle ich Euch sogar Euren Wunsch.“Die drei machten überraschte Gesichter.„Aber nicht ganz so, wie ihr meint. Ich sorge hier nämlich erstmal für geregelten Geschäftsverkehr. Ihr geht jetzt nach Hause und kümmert Euch um Eure Ehemänner!“
„Du bist hier nicht der Sheriff,“stellte Hermine Granger-Ford fest, aber ihre Stimme klang alles andere als fest und sicher.
„Ach, nein?“fragte Mary-Rose gefährlich ruhig.
„Definitiv nicht.“
So schnell, daß ihr kein Auge folgen konnte, zog Mary-Rose einen Colt und schoß hart vor den dreien in den Boden.
„Fort,“fauchte sie,„sofort, oder ich ziele höher.“
Sofort eilten die drei Sittenwächterinnen davon. Mary-Rose steckte die Waffe weg und senkte den Kopf.
„Und ich gehe jetzt nach Hause und hole mir von meiner Mutter eine Tracht Prügel ab.“
„Warum von Deiner Mutter?“fragte Myrna verständnislos.
„Die schlägt härter zu, als Dad es jemals könnte.“
Niedergeschlagen ging Mary-Rose weg.
„Mary-Rose,“rief ihr Vater jetzt,„komm bitte her.“
Mary-Rose war so folgsam, wie schon seit Wochen nicht mehr.
„Ich komme gleich noch bei Dir vorbei, Ethel,“sagte der Pastor im Vorbeigehen und nahm Mary-Rose mit in eine stille Ecke von Barneys Saloon, wo jeder sie in Ruhe lassen würde. Robinson zog den Vorhang zu. Normalerweise vergnügten sich hier die Mädchen mit ihrer Kundschaft, schoß es dem Pastor durch den Kopf, aber es war eben die einzige Möglichkeit. Er nahm seine Tochter auf den Schoß. Ungewöhnlich für eine Stadt im Westen, daß der Pastor den Sheriff auf den Schoß nahm. Aber so würde wenigstens die Autorität, die Mary-Rose sich in den letzten Monaten aufgebaut hatte, gewahrt werden, und die Bedürfnisse von Clearwater gingen denen von Arthur und Marge Robinson definitiv vor.
„Waren wir wirklich so laut, Mary-Rose?“Eigentlich hatte er vorgehabt, erzieherisch auf seine Tochter einzuwirken, aber die Frage hatte sich ihren Weg nach vorne gebahnt.
„Eigentlich nicht, Dad,“antwortete Mary-Rose überrascht,„aber ich schlafe in der letzten Zeit nicht mehr tief und hab‘ sehr gute Ohren.“Sie sah ihrem Vater ins Gesicht.„Ihr habt Euch wirklich bemüht, leise zu sein, aber es ist nur eine Bretterwand dazwischen.“Sie blickte wieder zu Boden.„Verzeih mir. Ich wollte das nicht sagen, aber die Selbstgerechtigkeit dieser Schnepfen ging mir einfach zu weit.“Sie war lauter geworden.„Selbst stinken sie als Ehefrauen ab, und ziehen über die her, die wenigstens versuchen, alles richtig zu machen.“
„Mary-Rose, ich mache mir Sorgen um Deine Ausdrucksweise,“kritisierte ihr Vater.„Du hast allmählich einen Ton am Leib, der weder zu Deinem Alter noch zu Deiner Erziehung paßt.“
„Ich weiß, Dad, aber manchmal koche ich einfach über.“
„Und manchmal verläßt Du Dich zu sehr auf Deine Waffen.“Diese Worte taten ihm selbst weh, aber sie waren nötig.
„Vielleicht,“wich seine Tochter aus.
„Innere Stärke kommt nicht durch die Waffe,“belehrte er sie,„sondern die innere Stärke ist nötig, um die Waffe zu beherrschen.“
„Hab‘ anscheinend zu wenig davon,“meinte Mary-Rose jetzt mit echtem Bedauern.
„Wenn das der Fall wäre, hätte ich Dir die Colts längst weggenommen.“
„Wirklich?“Mary-Rose war sehr überrascht.
„Wir sind hier, um Deine Autorität nicht zu zerstören,“belehrte sie ihr Vater,„aber ich möchte, daß Du zu einer gebildeten jungen Dame wirst.“Er hob den Zeigefinger.„Vielleicht zu einer gebildeten jungen Dame mit zwei Colts, aber zu einer gebildeten jungen Dame. “
„Und was kommt jetzt?“fragte Mary-Rose vorsichtig.
„Du wirst,“ordnete ihr Vater jetzt an,„von jetzt an Miss Blake und mich zum literarischen Zirkel begleiten, und zwar auch dann, wenn ich einmal nicht kann.“
„Ich alleine mit Miss Blake?“fragte seine Tochter überrascht.„Warum?“
„Du weißt, wie Miss Blake schießt,“antwortete der Reverend trocken.
„Leider,“strahlte Mary-Rose,„schießt sie noch schlechter als Du, und das will was heißen.“
„Duhu,“neckte er sie, und sie fing sofort an zu lachen. Sie war sehr kitzlig.
Robinson zog den Vorhang etwas beiseite.
„Zwei Doppelte, Barney,“rief er, und als Barney die beiden Gläser brachte, prostete er seiner Tochter zu. Sie leerten beide ihre Gläser auf ex.
„Brr,“machte Mary-Rose.„Wieso das jetzt?“
„Weil ich entschieden habe, daß Du das Trinken besser von mir lernst, als von irgendjemand anderem.“
„Darf ich Dich und Mum um etwas Heikles bitten, Dad?“
„Jederzeit.“
„Bitte hört jetzt nicht auf,“flehte Mary-Rose.„Ich stopfe mir auch Watte in die Ohren. Aber ich hätte so gerne noch ein Brüderchen.“
„Wieso ein Brüderchen?“fragte ihr Vater völlig perplex.
„Weil ich dem Schießen und Reiten beibringen kann. Außerdem möchte ich glückliche Eltern.“
„Wir finden für alles eine Lösung,“versicherte ihr Vater, nahm sie noch einmal in den Arm und stand auf,„und ich kümmere mich jetzt zusammen mit Tante Ethel um diese drei sauberen Damen. Mit etwas mehr Schrift und theologisch fester untermauert.“Er lächelte seine Tochter an.„Obwohl, es war schon ein sehr feines Paket, was Du da geschnürt hast. Man könnte fast meinen, Du wärst die Tochter eines Pastors.“
Mary-Rose stand auch auf. Sie lächelte wieder, wenn auch noch nicht voll.
„Und mit Deiner Mutter rede ich auch.“
„Danke, Dad.“Mary-Rose umarmte ihren Vater.„Ich bleibe erstmal bei Myrna.“
„Gute Idee.“
Danach verließen sie den Saloon. Mary-Rose trat breitbeinig auf die Straße, die Hände an den Colts, das Gesicht ausdruckslos. Ihr Vater gab sich große Mühe, nicht zu lächeln. Offensichtlich sollte keiner glauben, sie hätte eine Abreibung bekommen.
Der Erste, den Mary-Rose draußen traf, war Ron Alder.
„Danke, daß Du meine Schwägerin beschützt hast,“sagte er.
„Na, ja,“meinte Mary-Rose verlegen, wollte offensichtlich etwas sagen. Ihr Vater empfahl sich sofort.
„Onkel Ron?“
„Ja.“
Mary-Rose suchte nach Worten, um sich nicht wieder im Ton zu vergreifen. Ach, was sollte das? Sie sprach mit einem Alder.
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