"Schmuck ist immer gut, huh?", lacht Leon und nimmt ein Schluck von seinem Bier.
"Ja", lache ich mit ihm. "Anscheinend." Das letzte Wort flüstere ich nur noch.
Aiden rutscht ein wenig näher zu mir und sagt leise zu mir. "Willst du morgen mit mir zu Tammy?"
Sofort lächle ich wieder bei dem Gedanken an Tammy. "Unglaublich gerne."
"Gott sei Dank", seufzt er und stützt sich mit den Armen nach hinten ab, "Sie nervt wirklich unheimlich in letzter Zeit."
Ich grinse nur und spiele mit dem Sand. Von der anderen Seite des Feuers höre ich Aby kichern und ich sehe zu ihr und Andy, die beide gerade rumblödeln und sich verliebt anschmachten. Bei dem Anblick muss ich schmunzeln. Aby ist so liebevoll und Andy scheint auch total nett zu sein, ich hoffe, dass die beiden zusammenkommen. Ich würde es ihr gönnen. "Ist das nicht schön?", sage ich ins Nichts und meine dabei Aiden, denn alle anderen reden miteinander.
Der fühlt sich auch sofort angesprochen. "Was? Das Meer? Das Feuer am Meer? Die Aussicht? Oder doch der fast lilafarbene Himmel?"
Ich verdrehe die Augen. "Das auch. Aber ich meinte eigentlich das hier." Ich nicke zu Aby und Andy. "Wie schnell sich Menschen in anderen Menschen verlieren können."
Aiden lehnt sich wieder vor und legt seine Unterarme auf seine angezogenen Knie. "Philosophierst du gerade, Raven?"
"Ich weiß nicht. Vermutlich."
"Okay, mach weiter." Aiden rückt noch ein Stück näher zu mir, so, dass sich unsere Schenkel berühren.
Die Hitze zwischen uns beiden steigt bis ins Unermessliche und man kann die Spannung fast aus der Luft greifen. Aiden strahlt so viel Körperwärme aus, dass mir die kühlen Luftzüge des Meeres nichtig erscheinen.
"Weiter machen?" Ich sehe ihn fragend an und reibe ein paar Sandkörner zwischen Daumen und Zeigefinger.
Aiden sieht zu Aby und Andy rüber. "Ja, rede weiter darüber. Über... 'So etwas'. Das eben war doch schon mal ein guter Anfang."
Ich merke, wie mir die Röte ins Gesicht schießt. Auf irgendeine unerklärliche Art und Weise ist mir die Situation gerade unangenehm. Ich weiß doch gar nichts darüber... "Das kann ich nicht."
"Wieso solltest du das nicht können?"
Verlegen schaue ich von Aiden weg und sehe auf das Meer, weil ich Angst bekomme, meine Augen könnten vielleicht zu viel verraten. "Ich... Ich weiß eigentlich überhaupt nichts darüber. Ich kann dir gerne ein paar Zitate von Jane Austen oder Cecilia Ahern bieten - mehr aber auch nicht."
"Hm", macht Aiden, er scheint irgendetwas zu überlegen.
Um ehrlich zu sein, weiß ich gerade nicht, worauf er hinaus will. Was soll das alles bringen? Ich sehe wieder zu Aiden. Seine Stirn ist gerunzelt und er spitzt leicht die Lippen. Das sieht wirklich süß aus und am liebsten würde ich diese Lippen berühren. "Erzähl du mir doch etwas über... 'so etwas'. Ich wette, du bist ein wahrer Profi darin."
Aiden sieht mich mit erhobener Braue an. "Was macht dich da so sicher?"
Ich zucke mit den Schultern. "Es würde einfach zu dir passen. Wie ich damals schon sagte, hoffnungsloser Romantiker eben. Ich meine, du hast mich in einer verdammten Sternschnuppennacht in die Kirche geschleppt." Ich muss lächeln, bei der Erinnerung an diese Nacht, bekomme dann aber sofort ein schlechtes Gewissen, weil ich ihn damals so unfreundlich angepampt habe. Ich war nun mal schon immer ein erbarmungsloser Stimmungskiller.
"Na ja, ich würde nicht das Gegenteil behaupten", sagt Aiden stolz. "Es kam auf jeden Fall immer gut in meinen Büchern an."
Schon wieder dieses Buch. Wenn er mir nicht bald sagt, wie sein verflixtes Buch heißt, werde ich wohl oder übel seine komplette Wohnung auseinander nehmen müssen, um auch nur den kleinsten Hinweis zu bekommen, wie es heißt. Ich will endlich in seine schöne Seele schauen.
"Warst du schon mal verliebt?", frage ich ihn. Ich weiß nicht, was mich dazu verleitet hat, ihn das zu fragen, aber es interessiert mich wirklich. Andererseits weiß ich nicht, ob es besser ist, die Antwort auf diese Frage nicht zu kennen. Wenn er mir jetzt von einer Frau erzählt, die er jahrelang geliebt hat und mit der er für lange Zeit zusammen war. Wenn er mir sagt, dass sie seine große Liebe war oder ist, dann weiß ich nicht wie ich reagieren würde. Wegrennen? Ja, wahrscheinlich würde ich ins Meer rennen und einfach wegschwimmen.
Aiden schweigt kurz. Er scheint zu überlegen.
Bitte sage mir, dass du noch nie verliebt warst.
Aiden starrt in das Feuer und atmet tief ein. "Eigentlich...". Er fährt sich mit der Hand durch die Haare, die einen schönen goldbraunen Ton haben durch das Licht des Feuers. "Eigentlich nicht. Ich meine, ich hatte schon Freundinnen, natürlich habe ich nicht enthaltsam gelebt, immerhin bin ich zwanzig Jahre alt."
Ich ignoriere die Nadelstiche in meiner Brust und höre ihm aufmerksam zu.
"Meine Mum erzählte mir immer viele Dinge über Beziehungen, als ich aufgewachsen bin. Sie sagte immer, dass es besser ist, die Person in einer Beziehung zu sein, die weniger liebt als die andere. Ich dachte immer, das wäre totaler Schwachsinn und irgendwie gemein." Er lacht. "Das war, während ich zusah, wie meine Mum meinen Vater mehr geliebt hat, als er sie und er immer wieder blaue Flecken auf ihrer Haut hinterließ." Aidens Miene ist auf einmal total ernst und er schluckt. "Oder als ich meinen besten Freund auf einer Brücke stehen sah, bereit dazu, herunter zu springen, weil das Mädchen, dass er mehr liebte, als sie ihn, ihn verlassen hat. Diese Dinge haben mich einfach dazu gebracht, mich zu stoppen, wenn ich kurz davor war, mich komplett in jemandem zu verlieren. So wie du es vorhin gesagt hattest. Ich wollte, oder will, einfach nicht die Person sein, die mehr liebt als die andere Person."
Ich bin sprachlos als er fertig ist mit reden. Ich könnte mir jetzt den Kopf darüber zerbrechen, dass er mir gerade offenbart hat, dass seine Mutter von Pete geschlagen wurde, als er klein war und darüber, dass sein bester Freund Selbstmord begehen wollte, weil seine Liebe ihn verlassen hat. Aber ich lege all diese Gedanken beiseite und lege einfach meinen Kopf auf seine Schulter. Ich rücke so nah an ihn heran, dass man meinen könnte, unsere Körper könnten jeden Augenblick miteinander verschmelzen. Mir ist auch egal, ob Aby oder die anderen sich komische Dinge über uns ausmalen könnten. Es ist mir vollkommen egal. Ich will Aiden einfach nur das Gefühl geben, dass ich ihn mag. Und ja, ich mag ihn sehr. "Jetzt hast du wohl allein philosophiert, huh?", flüstere ich, während mich sein typischer Geruch von Jasmin mal wieder um den Verstand bringt.
Ich spüre Aidens Körper an mir vibrieren und er lacht leise. "Nächstes Mal bist du dran. So einfach kommst du mir nicht davon."
"Werden wir noch sehen." Ich presse meinen Körper noch näher an ihn. Es kann mir gerade nicht nah genug sein und ich genieße es unheimlich. Noch nie habe ich mich jemandem so nahe gefühlt wie jetzt gerade. Das ist sogar tausend Mal besser als die Situation am See. Das hier ist einfach perfekt und ich möchte, dass es nie endet. Ich bin froh, dass ich nicht noch eine Nacht in Aldbury geblieben bin, sondern entschieden habe, zurückzukommen. Wahrscheinlich wären noch viele weitere Streitereien mit Margret und Dad auf mich zugekommen und das hätte ich definitiv nicht mehr gebraucht. Ich vergesse sogar kurz, dass mich meine beste Freundin verlassen hat, denn all diese Dinge zählen gerade nicht. Es zählt nur noch das Hier und Jetzt am Strand, mit Aiden.
Ich lasse meinen Blick durch die Runde schweifen und blicke geradewegs in Abys Augen. Sie grinst mich breit an und sieht immer abwechselnd zwischen Aiden und mir hin und her. Ich lächle nur zurück und zucke leicht mit den Schultern. Doch ihr Grinsen strahlt eine gewisse Mütterlichkeit aus, sodass ich mich schon auf das Gespräch mit ihr nachher im Zimmer freue, wenn sie mich über Aiden und mich ausquetscht.
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