Eine halbe Stunde später sitze ich auch schon im Zug nach London. Mit verheulten Augen starre ich aus dem Fenster und sehe wie die Welt vorbeizieht. Gerade fühle ich so viel Schmerz in mir, dass ich nicht mal sagen kann was schlimmer ist. Die Tatsache, dass meine Mutter wieder da ist oder dass Scar mich verlassen hat oder dass mein Vater anscheinend größere Geheimnisse vor mir hat, als ich geglaubt habe. Ich bin noch nicht bereit zu bestimmen, welche dieser Sachen mich am meisten verletzt, aber ich weiß, dass diese Dinge zusammen sich ganz und gar nicht gut anfühlen. Meine Welt ist innerhalb von einem Tag in tausend Scherben zersplittert und es fühlt sich grausam an.
Im Zug bekomme ich kein Auge zu, aber ich sehe, dass das Wetter besser wird, umso näher ich London komme. Und umso näher ich London komme, desto weniger weine ich. Es fühlt sich an, als würde ich in ein anderes Leben fahren. Ein Leben, in dem ich alles hinter mir lassen kann und endlich die Person sein kann, die ich sein möchte.
Fünfzehn Minuten bevor ich in London ankomme, schreibe ich Aiden eine Nachricht, ob er mich am Bahnhof abholen kann. Er hat noch nicht geantwortet. Ich hoffe einfach, dass er da ist, wenn ich ankomme. Ich will nicht mehr allein sein. Ich war jetzt vier Stunden allein.
Nachdem der Zug in London hält, steige ich aus und halte Ausschau nach ihm. Ich kann ihn nirgends sehen. Ich starre auf den Boden, während ich die Treppen vom Untergrund nach oben laufe, damit niemand meine aufgequollenen Augen sehen kann. Als ich mich vorhin im Zugklo im Spiegel betrachtet habe, habe ich fast einen Herzinfarkt bekommen - ich sehe aus wie ein Zombie. Ein unglaublich hässlicher Zombie. Leider ist die Sonne schon fast untergegangen, deshalb scheint sie mir nur mäßig auf den Kopf, als ich an den Parkplätzen vorbeilaufe. Wenigstens schenken die Sonnenstrahlen und die Wärme mir ein wenig Trost und tanken mich mit Energie.
"Raven!"
Ich schrecke auf und sehe mich um. Wo ist er? Ich will die Person, zu der die Stimme gehört, sehen. Ich sehe hinter mich und da kommt er auf mich zu gejoggt.
Aiden kommt wie ein Gesandter vom Himmel auf mich zu, um mir Trost zu schenken. Ich laufe ihm entgegen, kann mir aber kein Lächeln erzwingen. Selbst für ihn nicht.
"O Gott, was ist denn mit dir passiert?", sagt er, als er mein Gesicht besser erkennt und er nur noch zwei Meter von mir entfernt ist. Jetzt geht Aiden schneller auf mich zu und nimmt mich in den Arm.
Ich lasse meine Tasche fallen und vergrabe mein Gesicht einfach in seiner warmen Brust. Sein Geruch von Jasmin, Moschus und Aiden löst wieder etwas in mir aus, das wie eine Droge auf mich wirkt. Er streichelt mit seiner großen Hand über meinen Hinterkopf und presst mich fester an sich als er merkt, dass ich wieder zu schluchzen beginne. Das habe ich nicht einmal selbst bemerkt.
Ich kann nicht genau bestimmen, wie lange wir auf diesem Gehweg stehen und uns in den Armen liegen, aber ich weiß, dass dieser Moment mich dazu gebracht hat, kurz alles zu vergessen.
Ich entferne mich aus Aidens Armen und wische mir die Tränen von den Wangen. Ich habe das Gefühl, dass ich mindestens zehn Liter Tränenflüssigkeit verloren habe, seit ich von Scar weggefahren bin. "T-Tut mir leid", krächze ich und schniefe.
"Raven." Aiden kommt mir wieder näher, nimmt mein Gesicht in seine Hände und betrachtet mich eindringlich. "Ich weiß zwar nicht, was passiert ist, aber hör auf, dich zu entschuldigen. Wirklich, wenn du dich noch einmal dafür entschuldigst, dass du Gefühle zeigst, lasse ich dich einfach stehen." Er streicht mir mit seinem Daumen eine Träne von der Wange und lächelt. O, wie ich seine Grübchen vermisst habe in diesen schrecklichen 48 Stunden.
Ich nicke.
Aiden lässt von mir ab und wirft sich meine Tasche über die Schulter. "Lass uns gehen."
Ich schniefe nochmal und folge ihm. "Du würdest mich nicht einfach stehenlassen", sage ich leise und verziehe meinen Mund zu einem leichten Lächeln.
Aiden lacht leicht. "Nein, würde ich nicht."
Wir kommen bei seinem Auto an, er öffnet mir die Tür, schmeißt meine Tasche auf den Rücksitz und steigt an der Fahrerseite ein.
Er betrachtet mich skeptisch und steckt den Schlüssel in die Zündung. "Willst du zum Campus oder zu den anderen an den Strand?"
Ich sehe ihn an. "Warst du gerade noch am Strand?"
"Ja." Er scheint meinen schuldbewussten Blick zu sehen und fügt noch hinzu: "Aber das ist kein Problem. Es war sowieso gerade nicht sonderlich spannend. Also was möchtest du?"
Ich zucke mit den Schultern. "Was meinst du, wäre jetzt das Beste für mich?"
"Definitiv der Strand. Die Luft des Meeres hat eine positive Auswirkung auf die Gefühle." Er grinst und startet den Motor.
"Wirklich?"
"Keine Ahnung, aber wäre doch cool, oder?"
Ich lache. Zum ersten Mal lache ich wieder, nur wegen Aiden.
Er fährt los und wir reden kein Wort während der Fahrt, aber das ist gut so. Momentan bin ich einfach nur froh, dass er bei mir ist. Ich bin froh, endlich wieder hier in London zu sein. Niemals hätte ich gedacht, dass ich so etwas denken würde nach nur 11 Tagen in London. Es hat sich so viel geändert.
Nach zehn Minuten kommen wir am Strand an und ich sehe schon von weitem Aby, Noah und die anderen an einem Lagerfeuer, am Meer sitzen. Es sieht unheimlich gemütlich aus und ich bin froh, dass ich hier her gefahren bin und nicht zum Campus, wo ich wieder nur allein in meinem Zimmer säße.
"Zum Glück bin ich mit hierhergekommen", sage ich zu Aiden, während wir durch den Sand waten. Wir haben unsere Schuhe vorher ausgezogen und ich kann die kleinen Körner zwischen meinen Zehen spüren. Sie sind ein wenig kühl, aber das stört mich nicht. Es fühlt sich unheimlich befreiend an.
"Zum Glück hörst du immer auf mich."
Ich lache und remple ihn spielerisch an. "Gar nicht."
Aiden lacht und wir kommen bei den anderen an. "Ich habe jemanden mitgebracht", verkündet er und wir setzen uns in den Kreis um das Feuer.
"O man, Rave, du siehst ja grausam aus", keucht Aby und kommt auf mich zu gekrabbelt.
"Was ist passiert?", fragt Noah und betrachtet mich erschrocken.
Ich lächle leicht, um die Situation etwas zu lockern. Ich hatte total vergessen, dass ich noch aussehe wie ein Zombie. Vielleicht hätte ich vorher wirklich nochmal zum Campus fahren sollen. "Ich hatte einfach zwei schreckliche Tage. Können wir das dabei belassen?"
"Klar", sagt Noah und Lucas nickt, betrachtet mich aber ebenfalls skeptisch.
Aby drückt meine Hand und lächelt. "Guck mal, das ist er." Sie zeigt hinter sich und da sehe ich Andy sitzen. Tatsächlich, das ist er. Andy, der Barkeeper.
Ich hebe meine Augenbrauen und schmunzle. "Ich kenne ihn."
"Echt? Woher?"
"Als ich mich mal verlaufen habe, bin ich in einen Pub gegangen und da hat er gearbeitet. Wir haben uns kurz unterhalten."
"Cool. - Andy!", ruft sie über das Feuer hinweg und er sieht zu uns. "Du kennst doch Rave, oder?" Sie zeigt auf mich.
Andy sieht zu mir, scheint erst kurz zu überlegen, lächelt aber dann breit. "Klar", ruft er zurück und winkt mir zu.
"Also ich werde mich jetzt wieder zu ihm setzen, wenn es dir nichts ausmacht."
"Mach ruhig."
"Okay", grinst sie und streichelt mir einmal liebevoll über die Wange. Allein diese Geste sagt so viel über sie aus.
Aiden sitzt immer noch neben mir und vergräbt seine Füße im Sand. Am liebsten würde ich mich nach diesem harten Tag an ihn lehnen, die Aussicht auf das Meer genießen und dem Knacken des Feuers lauschen. Wenn hier nicht so viele andere wären, würde ich es wahrscheinlich auch machen. Mittlerweile fühle ich mich ihm einfach schon so nahe.
"Und Rave", sagt Leon. "Was hast du Scar eigentlich zum Geburtstag geschenkt?"
Bei dem Gedanken an Scar zucke ich kurz zusammen und es fühlt sich an, als wenn heute jemand ein Messer zum zehnten Mal in mein Herz rammt. "Ich habe ihr eine Kette gekauft."
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