Am frühen Sonntagmorgen werde ich von meinem Handyklingelton wachgemacht. Kann ich denn eigentlich keinen Tag ausschlafen? Ich muss mich definitiv daran gewöhnen, dieses doofe Ding auszuschalten, wenn ich es nicht brauche.
Noch mit geschlossenen Augen greife ich zu meinem Nachttisch und taste nach meinem Handy. Es ist Dad. "Hallo", krächze ich noch mit verschlafener Stimme.
"O habe ich dich wach gemacht?"
Ich schaue auf die Uhr, die auf Abys Nachttisch steht. "Dad, es ist neun Uhr, natürlich hast du mich wachgemacht."
"Tut mir leid, Schatz." Er hat einen außergewöhnlich komischen, traurigen Unterton in der Stimme.
Ich richte mich auf und reibe mir über die Augen. "Was ist los?"
Dad atmet deutlich hörbar, tief ein und aus. "Wieso bist du gegangen?"
"Weil ich wieder nach London wollte."
"Und willst du mir sagen wieso? Falls es wegen deiner Mutter ist, dann tut es mir wirklich leid, Liebling. Wenn ich gewusst hätte, dass du so... empfindlich auf sie reagierst, wäre mir niemals eingefallen sie nach Aldbury zu holen. Ich - "
"Es war nicht wegen ihr", seufze ich leise und unterbreche seinen Redeschwall. "Zumindest war sie nicht der einzige Grund..."
"Was war dann der Grund? Du weißt, dass du mit mir offen reden kannst. Das konntest du immer. Ich habe echt einen Schrecken bekommen, als Maggy mir erzählt hat, dass du gegangen bist."
Bei dem Namen Maggy muss ich mich wieder daran erinnern, wie ich ihn und sie in der Küche kichern gehört habe. Ich würde ihn unheimlich gerne fragen, was zwischen den beiden wirklich läuft. Aber wenn ich ehrlich sein soll, ist es mir egal. Soll er doch machen, was er will, solange ich mit ihr nichts zu tun haben muss. "Kann ich dir das später erzählen?" Ich stehe vom Bett auf und sehe aus dem Fenster. Das Wetter ist mal wieder fantastisch. Ich liebe es hier. "Ich möchte wirklich gerade nicht darüber reden, aber es hat nichts mit dir zu tun. Mach dir keine Gedanken."
Dad seufzt. "Ravely, ich bin dein Vater, ich muss mir Gedanken um dich machen."
Ich grinse. "Ich möchte auch nur, dass du weißt, dass du dir keine Schuld geben brauchst. Auch, wenn mich die Sache mit Mu -, ehm Margret wirklich nervt, trägst du keinerlei Schuld. Sie ist selbst daran schuld, dass ich sie nicht ausstehen kann."
Er schweigt.
"Dad?"
"Oh ja, danke Schatz. Wann wirst du das nächste Mal kommen?" Wieder dieser argwöhnische Unterton.
"Kann ich noch nicht sagen. Ich werde mich die Woche nochmal bei dir melden, dann reden wir."
"Okay. Ich hab dich lieb, vergiss das nicht, Mäuschen."
Ich schmunzle. "Ich dich auch, Dad. Immer."
Nachdem wir aufgelegt haben, lasse ich mich seufzend auf meinen Schreibtischstuhl fallen. Ohne viel nachzudenken, klappe ich meinen Laptop auf und schreibe. Da ich für morgen sowieso noch einen Aufsatz über Leid schreiben muss, fange ich gleich damit an. Genug Stoff dafür habe ich dieses Wochenende ja sammeln können.
Es sind so viele Dinge passiert und so viele verschiedene Gedanken in meinem Kopf, dass mir erst nach sechs Seiten auffällt, wie viel ich eigentlich schon geschrieben habe. Aber ich denke, dass es gut so ist. Ich fühle mich viel besser, nachdem ich mir alles von der Seele geschrieben habe. Es ist, als würde ich es einem Freund oder einer Freundin erzählen. Einem anonymen Freund, den es nicht gibt und der immer neutral zu meiner Meinung und Geschichten steht, er hört einfach nur zu und versteht mich.
Um elf Uhr vibriert mein Handy. Aiden hat mir eine Nachricht geschrieben. Ich muss schmunzeln.
Ich hoffe, der Besuch bei Tammy heute steht noch. Ach, natürlich steht der noch, du hast sowieso nichts zu tun. Wann würde es dir passen?
Ich verdrehe die Augen und antworte. In einer halben Stunde, Idiot.
Sofort springe ich unter die Dusche und ziehe mich an. Eine normale Jeans mit kariertem Shirt sollte ausreichen. Immerhin ist es nur ein Krankenhaus und keine Kirche.
Eine dreiviertel Stunde später stehen Aiden und ich auch schon an der Rezeption des Krankenhauses, um Tammy zu besuchen.
Ich sehe mich in der Eingangshalle um. Auf irgendeine komische Art und Weise kommt mir hier alles gruselig vor. Es riecht total steril und in fast jeder Ecke sitzt jemand, dem man sofort ansieht, dass er krank ist. In einer Ecke sitzt ein Mann im Rollstuhl, der nur noch wenig Haare auf dem Kopf hat, an einen Tropf angeschlossen ist, den Kopf komisch hängen lässt und mich schon seit zwei Minuten anstarrt.
"Tamara Bryan", sagt Aiden zu der Krankenschwester hinter der Rezeption.
Die Schwester nickt, gibt etwas in ihren Dinosauriercomputer ein und sagt dann: "Tamara Bryan. Zweiter Stock, Zimmer B27."
Aiden runzelt die Stirn. "Zweiter Stock? Intensivstation?"
Verwirrt sehe ich zwischen ihm und der Krankenschwester hin und her.
"Ja, letzte Nacht wurde sie dorthin verlegt."
Ich höre, wie Aiden die Luft anhält. "Wieso?"
Die Schwester zuckt mit den Schultern. "Das weiß ich nicht. Am besten fragen sie Doktor McQueen, er ist ihr behandelnder Arzt."
Aiden nickt langsam und sieht zu mir herab. "Okay, komm mit." Er klingt auf einmal so traurig, dass ich kurz das Gefühl habe, er würde jede Sekunde in Tränen ausbrechen. Aber das tut er nicht.
Ich folge ihm zum Aufzug und er drückt die 2. "... Ich hoffe, Tammy geht es gut", sage ich leise und starre auf meine Boots.
Aiden atmet tief ein und aus, lehnt sich dann an die Aufzugwand. "Das hoffe ich auch. Sie war vorher nur einmal auf der Intensivstation. Aber ich kenne Doktor McQueen gut, deshalb werden wir gleich mehr wissen."
Ich nicke und sehe ihn mitleidig an. Es muss für ihn eine riesige Last sein, zu wissen, dass das kleine Mädchen, das er so mag und behandelt, als wäre sie seine Tochter, Tag um Tag dem Tod näher kommt.
Schweigend gehen wir durch den Gang und laufen an vielen Betten vorbei, die mit Vorhängen verdeckt werden. Hier ist die Atmosphäre noch viel schlimmer, als unten in der Eingangshalle. Manche Menschen die hier liegen sehen schon wie der Tod höchstpersönlich aus. Vom anderen Ende des Gangs hört man eine Frau schreien "Bringt mich um! Bringt mich doch endlich um, verdammt!" Ich möchte am liebsten nicht wissen, was ihr fehlt. Es muss schrecklich sein hier eingesperrt zu sein und um das Leben zu kämpfen, wenn es eigentlich sowieso schon verloren ist.
"Hazza!", höre ich Tammys Stimme durch die quälenden Laute der verletzten Menschen rufen.
Sofort erhellt sich meine Miene.
Auch die Laune von Aiden scheint innerhalb von einer Sekunde besser geworden zu sein, denn er grinst jetzt breit.
Tammy sieht hinter einem Vorhang zu uns und grinst breit. Ich atme erleichtert aus, als ich sehe, dass es ihr anscheinend gut geht. Ich hatte ernsthaft befürchtet, wir würden sie mit ganz vielen Kabeln an ihrem Körper im Koma liegend vorfinden.
"Hazza, Hazza, ich bin hier!", ruft sie nochmal und winkt zu uns.
Aidens Grinsen wird breiter und jetzt rennt er schon fast auf sie zu. "Ich sehe dich, Tammy!" Als er bei ihr ankommt, zieht er den Vorhang beiseite und Tammy stellt sich auf ihr Bett, damit sie sich vor Freude quietschend um seinen Hals werfen kann.
Sie liegt zwar nicht im Koma, aber sie hat trotzdem so einige Kabel an ihrem Körper kleben. Sie ist mit einer Maschine verbunden, die ihren Herzschlag anzeigt. Aber Hauptsache sie lebt und kann noch lachen.
"Hey, hey, beruhig dich, Süße", lacht Aiden und setzt sie wieder auf das Bett. "Du willst doch nicht schon wieder eine Volllandung auf den Boden machen.
Ich stelle mich an das Fußende des Bettes und beobachte die beiden, die miteinander umgehen, als wären sie eine kleine verlassene Familie.
Tammy kichert nur und sieht jetzt zu mir. "Raven, du bist gekommen", freut sie sich und krabbelt zu mir. Sie trägt heute ein hellblaues Kopftuch. Die gleiche Farbe, wie ihre Augen.
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