"Ich will einfach nur diesen Hass verschwinden lassen, Ravely", sagt mein Vater leise.
"Selbst, wenn ich ihr verzeihen würde, kann sie das, was geschehen ist, nicht rückgängig machen."
"Ja, das kann sie nicht, aber wir können wenigstens versuchen miteinander auszukommen. Wenigstens um dir das Gefühl zu geben, dass du auch so etwas wie eine Mutter hast. Ich weiß doch, dass du darunter gelitten hast, dass du keine hattest... oder halt nur so etwas."
Ich kneife die Augen zu und beiße mir auf die Lippe. Ja, ich habe darunter gelitten. Das bedeutet aber trotzdem nicht, dass ich jetzt so etwas brauche. Ich werde niemals zu ihr eine Bindung aufbauen können, die auch nur ansatzweise einer Mutter-Kind-Beziehung gleicht. Dafür ist zu viel geschehen. "Ich möchte nicht mehr darüber reden. Ich will nur noch in die Dusche und dann zu Scars Geburtstag gehen. Und erwarte bloß nicht von mir, dass ich auch nur ein Wort mit Margret reden werde."
Dad nickt und lächelt leicht, aber das Lächeln erreicht seine Augen nicht. "Lass uns erst mal etwas essen, sonst wird die Lasagne kalt."
"Okay."
Während des Essens reden Dad und ich kaum miteinander, das setzt mir ziemlich zu. Margret hat sich zwar die ganze Zeit nicht mehr blicken lassen, aber trotzdem ist die Situation zwischen uns sehr angespannt. Und daran ist allein sie Schuld. Ich kann kaum noch glauben, dass sie auf einmal wieder aufgetaucht ist. Seit ich zwölf war, habe ich sie nicht mehr gesehen und plötzlich sitzt sie hier am Tisch und tut so, als wäre nie etwas gewesen. Als wäre sie nicht der Teufel höchstpersönlich.
Nachdem wir gegessen haben, gehe ich in mein Zimmer - das noch genauso aussieht wie bevor ich es verlassen habe - und schmeiße mich seufzend in mein Bett. Ich entschließe den Gedanken an Margret und Dad beiseite zu schieben und schreibe Scar eine Nachricht, dass ich angekommen bin und wann die Feier startet. Eigentlich mag ich solche großen Geburtstagsfeten nicht. Vor allem die von Scar. Scar hat unendlich viele Freunde und davon sind genug dabei die null Ahnung davon haben, wie man sich benimmt. An ihrem letzten Geburtstag hat mir irgend so eine Freundin von ihr auf die Schuhe gekotzt und mich danach auch noch angepöbelt. Im Großen und Ganzen weiß ich jetzt schon, dass der Geburtstag eine reine Folter wird. Aber es ist eine gute Ablenkung von all dem hier Zuhause. Ich hoffe, dass ich im betrunken Zustand zu Margret ins Zimmer gehe und ihr ins Gesicht reiher. Bei dem Gedanken muss ich grinsen.
Die Party beginnt um neun Uhr. Ich freu mich, dich wieder zu sehen! :-) Schreibt Scar. Neun Uhr, okay. Ich schaue auf die Uhr - fünf vor Acht. Ich habe noch genügend Zeit mich in Ruhe zu duschen und zu Scar zu laufen, also schleiche ich durch den Flur, um bloß nicht Margret zu begegnen. Sie jetzt nochmal sehen zu müssen, würde meine Laune noch mehr senken und das möchte ich nicht. Scar zu Liebe.
Als ich unter der Dusche stehe, habe ich zu viel Zeit, um über das Szenario von vor nicht
einmal einer halben Stunde nachzudenken und ich versuche mit dem Wasser meine Sorgen abzuwaschen. Sorgen vor dem, was noch alles passieren kann. Margret könnte Dad etwas vorspielen und ihm ein zweites Mal alles wegnehmen. Wieso denkt Dad nicht an so etwas? Das wäre das erste, was ich denken würde, wäre ich er. Oder liebt er sie noch und ist deshalb so naiv? Hach, ich weiß es nicht. Ich hoffe es auf jeden Fall nicht. Ich muss an den Spruch denken, den Aiden gestern gemacht hat 'Es kann schwer sein jemanden gehen zu lassen, der dein Herz glücklich macht.' Aber Margret hat Dad doch nie wirklich glücklich gemacht, oder? Sie war schon immer eine unerträgliche Furie.
Ich atme tief ein und aus und steige letztlich aus der Dusche, schminke mich leicht, und ziehe mir ein graues T-Shirt mit normaler Jeans an. Ich hole meine Kopfhörer aus meiner Tasche, stopfe sie in meine Hose, öffne meine Zimmertür und schaue ein letztes Mal auf mein Handy. Ich gehe die Treppe runter und will gerade nach dem Haustürschlüssel greifen, als ich Stimmen aus der Küche höre. Hört sich an wie ein Kichern. Ist das Margret? Ich stehe mit dem Türgriff in der Hand am Ausgang und runzle die Stirn.
"Maggy, jetzt komm, gib her." Mein Dad lacht ebenfalls. Maggy... So hat er sie früher immer genannt. Sie scheinen sich besser zu verstehen, als ich dachte.
"Hol sie dir doch", kichert Margret.
Was zur Hölle? Ich will mir das nicht länger anhören und gehe ohne mich zu verabschieden aus der Tür. Ich stopfe mir die Kopfhörer in die Ohren, mache The National an und blende den Rest aus. Die Sonne ist schon fast untergegangen und es ist sehr kalt. Ich muss an Aiden denken und wie wir an dem See waren. Was macht er gerade? Kurz überlege ich, ihm einfach eine Nachricht zu schreiben und zücke mein Handy.
Genieße im guten Aldbury die schöne Wärme und den viel besseren Sonnenuntergang. Hoffe, du verkümmerst nicht allzu sehr im doofen London.
Nicht mal zwei Minuten später kommt schon eine Nachricht.
Ich werde daran denken, wenn ich bei angenehmen zwanzig Grad durch die aufregenden Straßen Londons laufe.
Ich schmunzle und schiebe mein Handy wieder in meine Tasche, da ich an Scar's Haus angekommen bin. Man hört die Musik schon in der Straße nebenan und am liebsten würde ich wieder verschwinden. Die Tür steht offen und ich betrete das Haus. Kaum zu glauben, dass Scars Eltern ihr jedes Jahr erlauben, so eine riesige Fete steigen zu lassen, denn es sieht - wie immer - nicht so aus, als würden die Gäste sich darum scheren, ob irgendwelche Gegenstände kaputt gehen. Allein im Wohnzimmer sind geschätzt mindestens dreißig Leute und das Haus ist riesig. Ich stehe unbeholfen im Flur und versuche, irgendwie über die ganzen Köpfe Scar zu entdecken.
"Buh!" Scar taucht hinter mir auf und springt mir sofort in die Arme. "Endlich bist du da. Ich hab dich vermisst."
Wir lassen voneinander ab und ich lächle. "Ich dich auch. Dieses Jahr sind ja noch mehr Leute da als letztes Jahr."
Scar nickt heftig und kichert. Sie hat definitiv schon etwas getrunken. "Es sind viele Freunde von meinem Freund gekommen. Durch ihn habe ich viele neue Leute kennengelernt."
Ich hebe die Brauen und sehe sie überrascht an. "Seit wann hast du denn einen Freund?"
Ihre Augen beginnen zu glänzen und sie zieht mich in die Küche, während sie erzählt: "Einen Tag nachdem du gegangen bist, haben wir uns kennengelernt. Er ist toll! Ach, da hinten ist er auch schon." Sie zeigt zu einem Ecktisch, an dem ungefähr drei Typen mit zwei Mädchen sitzen.
Wir gehen dorthin und Scar setzt sich auf den Schoß eines blonden Sunnyboys.
Wortwörtlich Sunnyboy - sein Haut ist viel zu braun gebrannt für seine hellen Haare, aber er sieht gut aus. Passt auf jeden Fall zu Scar.
"Hallo, Ravely. Ich bin Danny", grüßt mich Sunnyboy und nickt mir zu.
Ich nicke nur zurück und betrachte ihn skeptisch. Er hat etwas Komisches an sich.
"Steh doch nicht so hilflos rum", lacht Scar und zieht mich neben sie und Danny. Sie greift über den Tisch und zieht eine Bourbon Flasche und einen Becher heran. Sie weiß, dass ich es am liebsten trinke. "Dieses Jahr wirst du Spaß an meinem Geburtstag haben, nicht so wie die Jahre davor, verstanden? Hier, trink das." Scar hält mir einen Becher mit Bourbon entgegen und ich nehme ihn ihr ab, bevor sie es verschüttet, weil sie zu schwanken beginnt. Wie viel hat sie schon getrunken? Wir haben gerade mal halb zehn.
"Baby, lass uns auch noch einen trinken", höre ich Danny in Scars Ohr flüstern, als ich gerade einen Schluck trinke.
Sie scheint erst unsicher zu sein, nickt aber dann und füllt zwei Shotgläser mit Bourbon. Es sieht ihr, um ehrlich zu sein, nicht ähnlich, so viel zu trinken. Zwar hat sie sich auch öfters mal betrunken, aber sie kennt definitiv ihre Grenze.
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