"Scar", korrigiere ich sie, "Und nein, ich hab noch kein Geschenk." Ich stöhne und lasse mich wieder auf mein Bett fallen. "Ich hab auch überhaupt keine Idee, was ich ihr schenken könnte. Meine Geschenke sind grausig."
"Das Geschenk für Sophia hast du doch auch gut ausgesucht. Die Idee mit dem Armband war klasse."
Schon wieder. Sophia. Urgh.
"Also meinst du, ich soll ihr auch ein Armband kaufen?"
"Vielleicht nicht unbedingt ein Armband, aber wie wäre es mit einer schönen Kette?"
Ich richte mich auf. "Ich denke, das ist eine gute Idee. Ist auf alle Fälle besser als meine letzten Geschenke."
"Alles ist besser als Tampons", lacht Aby laut.
Ich verdrehe die Augen. "Leon hat es dir erzählt."
Den restlichen Tag verbringe ich noch im Bett, um meinem Körper genug Ruhe zu geben, damit ich über das Wochenende komplett gesund bin. Ich beschließe den nächsten Tag, Freitag, nochmal vom Unterricht fern zu bleiben und entscheide mich, stattdessen in die Stadt zu fahren, um Scars Geschenk zu kaufen. Ich habe für sechzig Pfund eine schöne Goldkette mit einem Herzchen und der Eingravierung S+R gekauft. Im Großen und Ganzen bin ich recht zufrieden mit diesem Geschenk, denn ich bin mir sicher, dass es Scar gefallen wird. Sie steht auf so ein Zeug, das weiß ich.
Als ich gerade in der Subway zurück zum Campus sitze, vibriert mein Handy.
Ich ziehe es aus der Hosentasche und sehe Aidens Namen auf meinem Bildschirm. Sofort huscht ein Lächeln in mein Gesicht. "Hey Aiden."
"Hey, ich wollte mich erkundigen, wie deine Genesung läuft, aber laut dem Krach im Hintergrund und deiner wieder funktionierenden Stimme, nehme ich an, dass alles bestens ist", sagt er amüsiert.
"Das nimmst du richtig an, Sherlock." Ich muss mir auf die Unterlippe beißen, um mir ein breites Grinsen zu unterdrücken.
"Okay. Übrigens möchte ich dich daran erinnern, dass du sehr viel Unterrichtsstoff verpasst hast in den letzten Tagen. Wo ist denn diese karrierefixierte und allzu engagierte Raven hin?"
Ich verdrehe die Augen. "Hey, ich war krank. Ab nächster Woche bin ich wieder voll dabei."
Aiden lacht. "Fang am besten dieses Wochenende gleich an, denn Snow meinte, dass wir über das Wochenende einen Aufsatz über 'Leid' schreiben sollen."
"Wow, welch ein schönes Thema."
"Allerdings. Wo bist du denn gerade?"
"Ich sitz in der Subway. War gerade in der Mall und habe endlich ein Geschenk für Scar gekauft."
"Wann hat sie denn Geburtstag?"
"Sie feiert heute Abend."
"Oh, das bedeutet du fährst heute Abend nach Hause?"
Ich nicke, obwohl er es nicht sehen kann. "Ja, um zwei Uhr fährt mein Zug." Ein mulmiges Gefühl macht sich in mir breit. Irgendwie wünsche ich mir, dass Scar nicht schon dieses Wochenende feiern würde.
"Dann nehme ich ebenfalls an, dass du bis Sonntag bleiben wirst."
"So ist es geplant."
"Dann werden wir wohl ohne dich an den Strand fahren müssen", zieht Aiden mich auf.
"Das macht mir nichts aus", lüge ich und zupfe an meinem T-Shirt Ende, "In Aldbury ist auch ein Strand. Und der ist unheimlich schön."
"Bestimmt nicht so schön wie der wunderbare Strand im wunderbaren Ostengland. Aber von mir aus; amüsiere dich ruhig mit mittelmäßig guten Stränden."
Ich lache. "Mach bloß nicht den tollen Strand in Aldbury runter."
"Okay, ich hör ja schon auf. Was hast du eigentlich für ein Geburtstagsgeschenk besorgt? Ich hoffe doch diesmal zwei Packungen Tampons."
Natürlich hat Leon es Aiden ebenfalls erzählt. Ich atme tief ein und halte mir den Kopf. "Leon scheint Plakate aufgehängt zu haben."
Aiden lacht leise. "Also was hast du besorgt?"
"Eine Goldkette mit einem Herzanhänger."
"Wie originell."
"In dem Herz sind unsere Initialen eingraviert", verteidige ich mich.
"Das wird ja immer origineller."
"Aiden." Ich seufze. "Das ist ein riesiger Fortschritt im Gegensatz zu letztem Jahr."
"Das stimmt allerdings", lacht er.
Im Hintergrund höre ich ein lautes Piepen und ich nehme mein Handy vom Ohr. Dad ruft mich an. "Aiden, kannst du kurz in der Leitung bleiben? Mein Dad ruft an."
"Logisch."
Ich schmunzle und nehme den Anruf von meinem Vater entgegen. "Hey, Dad."
"Hallo Schatz. Wann kommst du heute?" Er klingt ganz aufgeregt.
"Mein Zug fährt um zwei Uhr, also denke ich so gegen sechs oder sieben Uhr heute Abend."
"Okay, sehr gut, dann können wir wenigstens noch zusammen essen, bevor du zu Scar gehst." Ich höre ihn lächeln. Ich freue mich unheimlich, ihn endlich wieder sehen zu können, obwohl wir uns gerade mal eine Woche nicht gesehen haben.
"Ja." Ich grinse. "Gibt's sonst noch irgendwas? Ich habe noch jemanden in der Leitung."
"Oh, nein, das war's. Deine Zimmergenossin?", will Dad sich versichern. Er hat aber einen gewissen Unterton, als würde ihm die Antwort, dass es meine Zimmergenossin wäre, beruhigen.
"Ja, Dad", lüge ich. Ich möchte ihn nicht beunruhigen und auf ein intensives Gespräch, wenn ich nach Hause komme, habe ich auch keine Lust.
"Sehr gut." Er klingt beruhigt. "Dann sehen wir uns heute Abend. Ich hab dich lieb."
"Dito."
Ich drücke wieder auf Aidens Anruf. "Da bin ich wieder."
"Das hat ja ewig gedauert", stöhnt Aiden.
"Überhaupt nicht. Das waren gerade mal dreißig Sekunden, wenn überhaupt."
"Dreißig Sekunden sind dreißig Sekunden." Im Hintergrund höre ich eine Autotür knallen.
"Entschuldigung, my Lady." Ich verdrehe mal wieder die Augen und schmunzle.
Es klingt, als würde Aiden in seinem Auto sitzen und den Motor starten.
"Wo fährst du hin?", frage ich.
"Nach Hause. Ich war eben noch am Campus."
"Oh, ach so. Was machst du heute noch?"
"Wow, das unauffällig Spionieren hast du noch nicht so drauf."
Ich erröte und bin froh, dass Aiden mich nicht sieht. Ich versinke in meinem Sitz.
"Aber ich habe für heute noch nichts Großes geplant. Heute Abend werde ich eventuell ins Krankenhaus fahren. Du?"
"Bis auf eine elendig lange Zugfahrt, ist nur der Geburtstag meiner Freundin geplant. Und wahrscheinlich gibt es die leckerste Lasagne auf der ganzen Welt." Es macht Bing und die Subway kommt zum Stehen. Ich schnappe mir meine Tüte und steige aus der U-Bahn.
"Lass mich raten, dein Vater kocht sie für dich." Wieder eine Autotür im Hintergrund.
"Richtig", schmunzle ich und gehe die Treppen hoch zu den Straßen.
"Der Titel Sherlock wird mir wohl gerechter als gedacht."
Mir weht der Wind durch die Haare und ich schaue zu dem Berg, auf dem die Kirche steht, in der ich rausgefunden habe, dass Aiden kranken Menschen vorliest. Bei dem Gedanken daran springt mein Herz. Ich will gerade etwas sagen, da sehe ich Aiden auf der anderen Straßenseite auf einem Parkplatz an seinem Auto lehnend stehen.
Er trägt eine Sonnenbrille, eine dunkle Hose und ein weißes T-Shirt. Oh. Man. Aiden grinst zu mir herüber und sagt ins Handy: "Kommst du jetzt rüber, oder soll ich dich über die Straße führen?"
"Ich... Ja, klar." Ich stottere. Oh Mann, ich stottere. Darüber sollte ich langsam mal hinweg sein, kann mir aber ein breites Grinsen nicht verkneifen. Ich lege auf und jogge zu Aiden auf die andere Straßenseite. "Dir gehen tatsächlich nie die Ideen aus", lache ich, als ich bei ihm angekommen bin.
Aiden stößt sich von dem Auto ab und schließt es auf. Sein Lächeln ist berauschend. "Welche Ideen?"
Ich gehe um das Auto herum und öffne die Tür. "Dich noch viel cooler dastehen zu lassen, als du es sowieso schon tust", sage ich als wir im Auto sitzen.
Aiden sieht mich von der Seite mit einem triumphierenden Lächeln an. "Man kann nun mal nie genug Coolness besitzen."
"Werd bloß nicht überheblich." Ich grinse breit.
Er startet den Motor und meint: "Bei diesen coolen Komplimenten fällt das einem tatsächlich schwer", sagt Aiden mit einem sarkastischen Unterton. "Und außerdem dachte ich mir, da wir uns das ganze Wochenende nicht mehr sehen, wäre es doch ganz nett, wenn ich dich wenigstens nochmal zum Campus fahren kann, so als Abschied."
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