Was?
Ich reiße mich zusammen, gehe die letzten Schritte nach unten und laufe ins Wohnzimmer, wo er auf dem Couchende sitzt und sich gerade frustriert den Kopf hält. "Hi", krächze ich leise.
Aiden blickt erschrocken zu mir auf und sagt dann ins Telefon: "Mum, ich muss jetzt auflegen. Ich rufe dich morgen wieder an, okay? - Okay, bis dann. Ich liebe dich." Er legt auf und lächelt jetzt wieder. "Und? War es der beste Schlaf deines Lebens?"
Ich setze mich ebenfalls auf die Couch, aber mit genug Abstand, damit ich auch nicht aufdringlich wirke. Vor allem, weil ich immer noch nur seine Wäsche trage. "Ja", meine Stimme ist schrecklich.
"Wow, das hört sich nicht gesund an", sagt Aiden und sein Lächeln verschwindet.
Ich nicke nur, weil ich nicht mehr reden möchte. Jedes Wort brennt im Hals.
Aiden steht auf und nimmt mir die Tasse aus der Hand. "Ich mach dir noch einen Tee." Ich lächle ihm dankend zu. Er geht in die Küche und ruft noch: "Ich nehme an, dass der Tee viel zu scheußlich ist, um eine zweite Tasse zu trinken, oder?"
"Ja", hauche ich so laut wie es geht, aber so, dass es nicht weh tut.
Ich höre Aiden leise lachen. "Ist Kamille in Ordnung?" Ich will gerade wieder ein Wort herausquetschen, da fügt er noch hinzu: "Rede am besten nicht. Wenn Kamille in Ordnung ist, dann hau zwei Mal gegen die Wand und wenn nicht, dann ein Mal."
Ich muss breit grinsen und klopfe zweimal gegen die Wand.
"Verstanden!", ruft er und ich höre wie er den Wasserkocher anschaltet und ein Regal zuknallt.
Ich lege meine Beine auf die Couch, als mein Blick auf einem Bild an der Wand fällt. Es zeigt Aiden mit Tammy im Arm. Tammy grinst breit in die Kamera, während Aiden sie ganz fest an sich drückt. Sie sehen so glücklich aus und das macht alles nur trauriger.
Aiden kommt mit einer Tasse in der Hand aus der Küche zurück und stellt sie vor mich auf den kleinen Tisch. "Auf die Genesung."
Ich nicke und mache eine Bewegung, um ihm zu verstehen zu geben, dass ich nicht reden möchte.
"Ach, du möchtest nicht reden?" Er setzt sich auf die Couch neben mich.
Ich nicke wieder und nehme einen Schluck von dem Tee. "MMHPF", mache ich, als ich mir volle Kanne die Zunge verbrenne.
"Pass auf", warnt Aiden und nimmt mir die Tasse ab, "Das Wasser ist doch noch frisch gekocht. Lass ihn am besten ein wenig stehen."
Ich seufze und nicke.
Aiden schaltet den Fernseher an und lehnt sich ebenfalls zurück. "Meine Klamotten stehen dir übrigens blendend."
Ich sehe an mir herab und merke jetzt erst, dass ich immer noch in Aidens Boxershorts und T-Shirt hier liege. Erschrocken reiße ich die Augen auf, halte mir die Hand vor den Mund und versuche mir ein Lachen zu verkneifen.
"Das muss dir nicht peinlich sein", grinst Aiden, "Ich bin's ja nur."
Ich lächle zurück und auf einmal wird mir unglaublich kalt. Ich bekomme am ganzen Körper Gänsehaut und ich schüttle mich kurz.
"Ist dir kalt?", fragt Aiden besorgt und lehnt sich nach vorne.
Ich nicke entschuldigend.
Aiden greift hinter die Couch und zieht eine Wolldecke hervor. "Hier", macht er und breitet die Decke über mir aus, "So sollte es gehen."
Ich kann mir ein fettes Grinsen nicht mehr verkneifen. Gerade ist er so unheimlich fürsorglich und nett, dass ich ihn am liebsten wieder sofort küssen würde. "Danke", versuche ich leise zu sagen.
Aiden setzt sich wieder neben mich. "Nichts zu danken, Raven."
Wenn ich hier so liege, überkommt mich wieder eine schwere Müdigkeit. Auf einmal fühle ich mich wieder total ausgelaugt. Ich gähne und lege mich tiefer in die Couch.
Aiden sieht mich von der Seite an. "Schon wieder müde?"
Ich nicke und huste leise.
"Dann schlaf am besten nochmal. Vielleicht hast du die Krankheit schon überschlafen, wenn du wieder aufwachst", scherzt er und hält mir eine Hand an die Stirn. "Obwohl du wirklich glühend heiß bist."
Die Gänsehaut auf meiner Haut, die seine Berührung ausgelöst hat, kann ich nicht verbergen. Ich zucke kurz mit den Schultern und schließe die Augen. Neben Aiden zu schlafen ist tausend Mal besser, als nur von ihm zu träumen. Auch, wenn es nur auf der Couch ist. Bevor ich einschlafe höre ich noch, wie Aiden den Fernseher leiser macht und durch die Kanäle tippt, bis er bei einem Sender bleibt.
"Raven." Eine leise Stimme holt mich aus meinem Traum.
Ich stöhne und kneife die Augen zu.
"Raven, komm schon." Aiden tippt mit seinem Finger sanft auf meine Stirn.
Ich wedle seine Hand von meinem Gesicht weg und halte mir die Decke über den Kopf. Ich liege wieder in Aidens Bett. "Wie viel Uhr haben wir?"
"7.39 AM. Wie fühlst du dich? Du hast tatsächlich die ganze Nacht durchgeschlafen." Aiden lacht und ich höre, wie er die Vorhänge vor dem Fenster zur Seite schiebt.
"Oh Gott", stöhne ich und gucke mit meinem Kopf leicht unter der Decke hervor, "Ich will nicht zur Schule."
"Bleib einfach noch hier. Ich werde nach den Kursen wiederkommen." Aiden geht zu seinem Schreibtisch und schreibt etwas auf einen Zettel. "Das ist ein Lieferdienst für jegliches Essen, falls du Hunger bekommst. In der Küche habe ich dir Tabletten hingelegt, die du nehmen kannst. Damit sollte es dir besser gehen."
Ich sehe ihn baff an. "Woher willst du wissen, dass die Tabletten helfen, wenn ich nicht mal weiß, was ich habe?"
Aiden geht zur Tür und grinst. "Ich war heute Morgen in der Apotheke und habe der netten Apothekerin deine Symptome aufgezählt. Dann hat sie mir das gegeben."
Ich schmunzle in die Decke hinein. "Danke."
Aiden greift nach dem Türgriff. "Kein Problem. Ich fahre jetzt los, falls du was brauchst, dann - du hast ja meine Nummer."
Ich richte mich ein wenig auf und kneife die Augen leicht zu, weil das Sonnenlicht so grell ist. Ich fühle mich nach dem vielen Schlaf schon besser. "Okay."
"Du siehst schon viel besser aus als gestern Abend." Er lächelt leicht.
"Ich fühle mich auch besser."
Nachdem Aiden gegangen ist, schleppe ich mich aus dem Bett und tapse die Treppen herunter in die Küche. Auf dem Küchentresen liegt eine kleine Verpackung und ich nehme eine Tablette mit einem Glas Wasser. Ich gehe ins Wohnzimmer und laufe an den vielen Bücherregalen vorbei zur Couch. Aiden ist so unheimlich fürsorglich, dass es mir schon fast unwirklich vorkommt. Er war extra heute Morgen noch wegen mir in der Apotheke und bietet mir seine Wohnung als Ruheplatz an. Und das alles, obwohl wir uns gerade mal eine Woche kennen. Ich frage mich, ob Aiden letzte Nacht neben mir im Bett geschlafen hat. Ich denke, wenn er neben mir geschlafen hätte, hätte ich es gemerkt. Es ist einfach unmöglich, seine Anwesenheit nicht zu spüren.
Nachdem ich mir gegen zwölf Uhr mittags eine Pizza bestellt habe und ich mich mit einem seiner Bücher auf die Couch gelegt habe, kommt Aiden wieder durch die Tür. Er sieht noch mit dem Rücken zu mir, streift sich die Schuhe ab, dreht sich um und scheint mich erst jetzt erblickt zu haben. "Oh." Er lächelt und kommt zu mir. "John Green, huh?"
Ich runzle die Stirn und sehe ihn fragend an. "Was?"
"Das Buch." Er nickt zu dem Buch.
"Ach so", lache ich. "Ja, ich mag John Green. Ich war hin und weg, als ich es in deinem Regal gesehen habe und dann konnte ich nicht widerstehen."
Aiden setzt sich zu mir auf die Couch und legt die Füße auf den kleinen Couchtisch. "Er schreibt gut, stimmt. Wie geht es dir?"
"Viel besser." Ich klappe das Buch zu und setze mich in den Schneidersitz. "Ich bin nicht mehr so müde, aber mein Hals tut noch weh."
"Gut", grinst Aiden, "Hast du schon gegessen?"
Ich nicke. "Ich habe mir vor nicht mal einer halben Stunde Pizza bestellt, habe aber nur die Hälfte gepackt. Wenn du willst, kannst du den Rest haben, sie liegt in der Küche."
"Gott sei Dank." Aiden steht aufatmend auf und geht in die Küche. "Ich hatte gehofft, dass du Pizza bestellst hast."
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