An einer Wand befand eine Art Schlafsofa, ziemlich alt und durchgelegen. Überall lagen Kissen, sehr viele Kissen, alle bunt und groß.
Sogar auf dem Boden befanden sich einige. Alles war freundlich, hell und gemütlich, aber auch alt, verbraucht und ein bisschen staubig. Was wohl Roland denken würde beim Anblick dieser Wohnung, ganz klar, er hätte die Nase gerümpft. Komisch, dass sie ausgerechnet in diesem Augenblick daran dachte.
Seltsam war auch, die Wohnung gefiel ihr!
Vielleicht gerade deswegen, weil sie nicht perfekt war. Es war ein Ort, wo man sich einfach auf das Sofa werfen konnte, ohne zu überlegen, ob man vorher die Schuhe ausgezogen hatte, ohne nachzudenken, ob man nicht noch dieses oder jenes erledigen musste, spülen, putzen, kochen oder saubermachen! Ja, er hatte Recht. Das hier war ein Ort der Entspannung. Einen Ort, wie sie ihn nicht kannte und einen Ort, den sie kennen lernen wollte.
Eduard hatte sie beobachtet, das wusste sie.
Jetzt kochte er Kaffee und sie schaute ihm zu, wie er alles mit lässigen Bewegungen erledigte. Sie war noch nie einem Menschen begegnet, der so eine wohltuende Ruhe auf sie übertrug. Rosemarie stand einfach nur da, ließ die Minuten und Sekunden verstreichen, bis er ihr schließlich einen dampfenden Becher Kaffee reichte und mit ihr zu dem Sofa ging, wo er sich gemütlich niederließ. Rosemarie zögerte, aber er gab ihr ein Zeichen, auch Platz zu nehmen. Mit der Kaffeetasse in der Hand ließ sie sich langsam auf das Sofa gleiten, das so durchgelegen war, dass sie automatisch zur Seite rutschte und fast den Kaffee verschüttet hätte. Jetzt saßen sie beide in der Mitte des Sofas in einer Vertiefung ganz eng beieinander und sie konnte seinen männlichen Duft riechen.
„Gefällt es dir hier?”, fragte er behutsam und sie nickte stumm.
„Ich sollte aber nicht hier sein.”, antwortete sie nach einer ganzen Weile.
„Warum nicht?”
„Du weißt doch, dass ich verheiratet bin, mit Roland, du hast ihn ja gesehen. Ich meine, Roland ist ein Mann mit Prinzipien und er kann ganz schön wütend werden.”
„Er schlägt dich. Das weiß ich.”, antwortete er und sah in Rosemaries erstaunt blickende Augen. „Meinst du das mit Prinzipien?” In seinem Blick lag eine gewisse Traurigkeit aber auch etwas Entschlossenes. „Ich werde mich um ihn kümmern.”
„Nein, nein.” Ihre Bewegungen wurden hektisch, fast panisch. „Bitte unternimm nichts. Es ist zu gefährlich, bitte. Er hat sehr viele Bekannte, die ihm diverse Nachrichten zutragen würden. Es hat keinen Sinn, bitte.”
„Komm lehn dich an mich.”, sagte Eduard ganz plötzlich. „Ruh dich aus!” Und als er den Arm um sie legte und sie an sich zog, wehrte sie sich nicht.
Roland war nicht ihr erster und einziger Mann gewesen, der sie je berührt hatte. Aber an das, was davor war, wollte sie nicht mehr denken.
Sie hatte nicht viele Erfahrungen mit Männern gehabt, bevor sie ihn traf. Außer? Nein das hatte sie für immer vergessen wollen.
Bis heute hatte sie der körperlichen Nähe zwischen Mann und Frau nicht so eine große Bedeutung zugemessen. Roland bestand halt ab und zu darauf und sie ließ es dann jedes Mal über sich ergehen. Jetzt war es anders. Sie hatte Eduards Umarmung mit jeder Faser ihres Körpers gespürt.
Seine Hand auf ihrem Oberarm war wie elektrischer Schlag gewesen. So neu und doch eigenartigerweise so vertraut, als würde sie ihn schon ewig kennen. Oder als hätten ihr Körper und ihre Seele schon lange auf diesen Moment gewartet?
Sie bewegte sich zwischen dem Bedürfnis den Atem anzuhalten und dem Willen, sich völlig zu entspannen, einfach nachgeben, an nichts denken. Vielleicht war es schon morgen wieder vorbei, wie ein schöner Traum, aus dem man schlaftrunken und verwirrt erwacht.
Rosemarie wusste nicht, wie lange sie dort an ihn gelehnt gesessen hatte. Sie lauschte seinem ruhigen, gleichmäßigen Atem, spürte die Wärme seines gesamten Körpers und wäre am liebsten für den Rest ihres Lebens an diesem Ort geblieben.
„Pass auf, ich habe eine Idee!” Sein Körper spannte sich plötzlich an und Rosemarie zuckte zusammen. „Unten im Haus ist ein Büro und ein angrenzender Raum der Kirchengemeinde. Wie wäre es, wenn du deinem Mann sagen würdest, dass du ab und zu dort arbeitest, etwas für die Kirche und die Gemeinde tust? Dann kannst du dort manchmal vorbeigehen und denen einen Kuchen bringen für den Seniorennachmittag oder so. Und nachher können wir uns sehen. Was meinst du? Ich spreche mit denen, dann können sie deinen Namen vermerken, falls dein Mann nachfragt. Du kannst den Hintereingang nehmen, den hinten im Hof, der führt zu den Gemeinderäumen und ins Treppenhaus.” Er sprach mit großem Eifer und seine Augen wurden noch heller und strahlender.
Rosemarie zögerte: „Ich muss jetzt wirklich gehen.”, sagte sie. „Ich war schon zu lange hier.”
„Zu lange?” Er sah sie zärtlich an. „Ich hoffe, lange genug, um mir nicht zu sagen, dass du nie wieder kommst.” Er schob ihre Haare zur Seite und sie spürte seinen heißen Atem ganz dicht an ihrem Ohr: „ Ich warte auf dich.”
Und sie erinnerte sich, wie verwirrt sie gewesen war. So schrecklich verwirrt!
Rosemarie lag bereits gegen neun Uhr in ihrem Bett und erlebte die gesamte Zeit in Eduards kleiner Wohnung noch einmal in ihren Gedanken. Auch jetzt hatten die Gefühle nichts von der Intensität verloren. Dies waren ihre Träume, ihre ganz allein. Roland würde später in der Nacht wie immer betrunken heimkehren und nichts davon merken, in welche neue Welt sich seine Ehefrau geträumt hatte.
Rosemarie hatte sich in die Tageszeitung vertieft. Sie nutzte immer die knappe Zeit, wenn ihr Mann Roland schon zur Arbeit gegangen war und zwischen ihrem eigenen Aufbruch, um sich kurz zu informieren, was es in der Kleinstadt an Neuigkeiten gab. Als sie die Todesnachrichten aufschlug stutzte sie. Carola Schmidt, las sie, verstorben plötzlich und unerwartet durch einen tragischen Unglücksfall!
Ihre ehemalige Lehrerin aus der Grundschule! Sofort beschlich sie ein ungutes Gefühl und längst verdrängte Erinnerungen kamen wieder hoch.
Sie sah sie vor sich in ihren Gedanken, diese so genannte Pädagogin, noch ganz nach altem Schlag, eine alte Jungfer, Mitte dreißig, schlank, fast dürr mit blondem Pagenkopf, erinnerte sich an ihre zackigen Bewegungen, ihrem forschen Gehabe, wie sie durch das Klassenzimmer geschritten war. Immer auf der Suche nach einem Kind, das ihrem kalten Blick nicht standhielt und ihren Anforderungen nicht entsprach.
Sie, Rosemarie, war dieses Kind gewesen.
Sie blätterte schnell eine Seite der Zeitung weiter und verdrängte die Gespenster aus ihrer Kindheit. Plötzlich stockte sie.
Moment mal!
Sie stand auf und holte die Zeitung von gestern aus dem Müllbehälter. Der Fall in der Rosenstraße! Carola S., 68 Jahre, ermordet in ihrer Wohnung aufgefunden, wahrscheinlich erdrosselt. Ja, hier stand es. Sie hatten den Neffen der Frau verhört, aber wieder laufen lassen.
War sie das? War das ihre alte Lehrerin? Rosemarie erschauderte und schaute noch einmal in die Todesanzeige. Es waren einige wenige Verwandte aufgeführt, ihr Neffe stand auch darunter.
Unglaublich dachte sie, in unserer kleinen Stadt. Wann passierte hier schon mal ein Mord? Aber das war nicht ganz richtig, das wusste sie. Es war nicht ein Mord, es waren zwei.
Fritz Olischewski! Auch er war tot.
Zuerst hatte man es für einen Unfall gehalten, doch dann wurde festgestellt, dass er erschossen wurde. Eiskalt erschossen! Rosemarie erinnerte sich daran, wie sie vor ein paar Wochen seine Todesanzeige gelesen hatte. Eine Frau und ein kleines Kind nahmen Abschied von ihrem Ehemann und Vater. In stiller Trauer. War er ein guter Vater gewesen, seiner Frau ein guter Ehemann?
Читать дальше