Es ist Doris. Wie kann das sein? Solange ich mich erinnern kann, ist sie alt und gebrechlich gewesen. Doris besuchte uns einmal im Monat, blieb auf eine Tasse Kaffee und kaufte meiner Mutter eines ihrer langweiligen Bilder ab. Meine Mutter sagte damals, sie wäre eine alte Vettel und wüsste nichts mit ihrem geerbten Geld anzufangen. Aber Jules und ich wussten es besser. Doris brachte uns heimlich Schokolade, Kekse und Bonbons mit. Einmal schenkte sie uns sogar zwei Stück Kuchen, die sie liebevoll in einer Serviette mit Katzenmotiven eingewickelt hatte. Ihr freundliches Lächeln gab uns zu verstehen: Ich finde Blumen ganz in Ordnung, aber ich liebe Katzen.
Ich greife langsam nach dem Handy und lasse Doris keine Sekunde aus den Augen. Ihr Kopf schaukelt schlaff auf der Schulter. Sie hat die Knie eng an den Körper gezogen und mit ihren Armen hält sie die Beine umschlungen. Nichts deutet darauf hin, dass sie meine Angreiferin gewesen sein könnte, doch in ihren hellen blauen Augen erkenne ich die Stärke und spüre erneut diesen Schauer. Sie starrt aus ihrem runzeligen Gesicht zu mir herauf, bereit, es noch einmal zu versuchen. Aber warum? Woher nimmt sie bloß diese Kraft? Irgendetwas stimmt mit ihr ganz und gar nicht.
Ich mache das Erste, was mir einfällt. Ich rufe einen Krankenwagen.
Nach meinem Anruf benötigt der Krankenwagen eine ganze beschissene Stunde.
In den entsetzlich langen 60 Minuten beginnen Doris und ich einen Wettbewerb – einen Starrwettbewerb. Die alte Frau rührt sich keinen Zentimeter. Ihre wachen Augen beobachten mich und ich suche Antworten in ihnen, die sie mir verwehrt. Warum hast du mich angegriffen, Doris? Warum nur?
Ihre Augen bereiten mir Übelkeit. Diesen Ausdruck kenne ich nur zu gut.
Stirb, Julie Mond. Stirb.
Der Krankenwagen trifft ein und meine Laune könnte nicht schlechter sein.
Ich erzähle den Sanitätern selbstverständlich kein einziges Wort von dem Vorfall. Meine Geschichte klingt ganz einfach: Nichtsahnend trete ich aus dem Haus und sehe diese alte Frau am Gartenzaun gelehnt. Irgendetwas scheint nicht zu stimmen und da ich eine gute Bürgerin bin, wähle ich den Notruf. Ende des Märchens.
Wer sollte mir auch irgendetwas anderes glauben? Doris ist so dünn und runzelig wie ein verdorrtes Blatt. Wer sollte annehmen, dass diese Frau mich angegriffen hat?
Sie schieben Doris an mir vorbei. Ihre klaren blauen Augen sind noch immer weit geöffnet und darin sehe ich es. Die Antwort. Dort, wo einst die Liebe ihr Wesen füllte, ist heute nichts mehr. Nichts mehr? Nein, in ihr lauert etwas Tiefes, etwas Großes ... Ich kann es nicht begreifen, aber es erfüllt mich mit einem zuvor nie gekannten Grauen, und das ist kein gutes Zeichen.
Das ist noch nicht das Ende.
Doris knurrt, als ich ihren Blick erwidere, und gibt gurgelnde Laute von sich. Sie schmatzt und sabbert und ihre Zähne schlagen mit einem entsetzlichen Klacken aufeinander. Tränen verschleiern meine Sicht. Doris, du bist einer der guten Menschen. Das hast du nicht verdient.
Ein Sanitäter kommt in meine Richtung. Unter seinem Arm sehe ich einen Verbandskoffer und hoffe, dass er für jemand anderen bestimmt ist. Das Glück ist heute nicht auf meiner Seite. Es muss an dem Kleid liegen, mir bringt es einfach kein Glück.
„Zeigen Sie mir Ihr Gesicht“, sagt er und ich runzle genervt die Stirn.
Ich schaue mir Menschen selten genau an, denn ich vergesse ihre Gesichter und ihre Namen ohnehin. Aber diesen Mann betrachte ich genau, denn seine Stimme lässt mich aufhorchen. Sie ist tief, warm und trifft die Mitte meines kleinen Herzens. Ich gestehe es sofort und ohne Umschweife – dieser Mann ist umwerfend. Er hat schwarzes, gelocktes Haar, einen dunklen Bartschimmer von einem Ohr zum anderen, stille braune Augen und fröhliche Lachfalten. Doch die Äußerlichkeiten beeindrucken mich wenig. Es ist die Art, wie er den Koffer absetzt, wie seine großen haarigen Hände über die rote Hose streichen und wie er sein Haar rauft, während er Doris verstohlen hinterherschaut. Er spürt sie auch, die kalte Hand im Nacken. Die Ahnung, dass etwas Dunkles über uns schwebt.
Träum weiter, Julie. Dieser Mann ist eine Nummer zu groß für dich. Keine Chance.
„Es ist nichts“, erwidere ich, aber der Koffer ist bereits geöffnet und ich nehme den beißenden Geruch von Desinfektionsmittel wahr.
Mit verbissener Ernsthaftigkeit säubert er die Kratzer auf meiner rechten Wange. Seine Bewegungen sind routiniert. Wie vielen Menschen hat er mit seinen rettenden Händen das Blut vom Gesicht gewischt? Es brennt, aber ich verziehe keine Miene. Mein Blick ist auf das Haus geheftet und ich frage mich, was mich als Nächstes erwartet. Wenn Jules doch nur hier wäre ...
„Es ist ein sehr schönes Haus.“
Er folgt meinem Blick und während er den Kopf von mir abgewandt hat, nutze ich die Gelegenheit und schaue auf sein Hemd. Sein Vor- und Nachname ist auf den Stoff gestickt. Hat er eine Frau? War sie es, die sich die Mühe gemacht hat? Er trägt keinen Ring, aber die Erfahrung hat mich gelehrt, dass ein Ring selten etwas bedeutet.
Georgios Chatidakis.
„Ja, das war es.“
Von außen sehen viele Dinge schön und perfekt aus, aber im Inneren wohnt etwas, von denen die Menschen nichts wissen wollen. Seit dem Vorfall mit Doris fange ich an, wie die meisten Menschen zu denken, und möchte so wenig wie möglich mit ihr zu tun haben, aber das unbestimmte Gefühl lässt mich nicht los, dass ich Teil von etwas geworden bin, dass mich tiefer und tiefer hinabzieht.
„War? Gehörte es Ihnen? Entschuldigen Sie bitte, ich möchte nicht zu neugierig erscheinen.“
Sein Interesse macht mich misstrauisch. Wann macht mich das Verhalten von anderen Mitmenschen eigentlich nicht misstrauisch?
„Es ist schon in Ordnung. Das Haus gehört meinem Bruder und mir. Wir haben es geerbt. Unsere Eltern sind verstorben und ich bin hier ...“
Ja, warum bin hier? Diese Frage stelle ich mir die ganze Zeit. Seit ich zurückgekehrt bin, habe ich nur Ärger am Hals. Glassplitter in Hand und Fuß und ein aufgekratztes, blutiges Gesicht.
„Ich bin hier, um alte Erinnerungen aufleben zu lassen. Es ist 15 Jahre her, seit ich das Haus das letzte Mal gesehen habe. Mein Bruder und ich sind uns einig, wir lassen es abreißen.“
Es ist die Wahrheit. Ich erinnere mich nur ungern, wie Jules mir vom Tod unserer Eltern berichtete. Ich befand mich zu der Zeit in Seattle, als mich sein Anruf aus heiterem Himmel erreichte:
„Willkommen zurück im Leben, Schwesterherz. Unsere Alten sind tot.“
„Wann?“
„Heute Morgen.“
Pause.
„Julie, bist du noch dran?“
„Ja ... Ja, ich bin noch dran. Wie ist es passiert?“
„Um es kurz zu machen: eine geile, teure Karre, defekte Bremsen, ein herumstehender Baum und – BÄÄÄÄM – ein perfekter Tag.“
„Wo bist du?“
„Was soll ich dir antworten? Dort, wo ich niemals alleine wegkomme.“
„Ich mache mich auf den Weg.“
Ich liebe meinen Bruder, und nur aus diesem Grund hinterfrage ich niemals die Aussage, wie unsere Eltern gestorben sind. Niemals.
„Das tut mir sehr leid. Mein Beileid“, antwortet Georgios und ich frage mich im ersten Moment, warum.
„Danke“, antworte ich, als ich erkenne, dass er es aufrichtig meint.
Wir schweigen und selbst dieser Augenblick fühlt sich angenehm an.
Geräuschvoll schlägt Georgios den Verbandskoffer zu und ich bin ein wenig enttäuscht, dass die Behandlung vorbei ist. Denn das bedeutet auch, dass unser Gespräch endet. Ich sollte mich nicht wundern. So läuft es doch immer ab.
„Was sind Ihre Pläne für heute Abend?“
Seine Frage trifft mich unerwartet und ich finde keine Antwort. Wie ein Idiot stehe ich vor ihm und gaffe ihn aus zusammengekniffenen Augen an.
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