Aus dem Fenster blickend und rauchend hänge ich meinen Gedanken nach, bis ich einen Schatten hinter den Bäumen entdecke. Ich trete näher an das Fenster und kneife die Augen zusammen. Was ist das? Eine Katze oder ein Hund? Nein, dafür war der Schatten zu groß. Vom Badezimmer aus kann ich niemanden erkennen. Es ist ruhig und so schließe ich kurzerhand das Fenster, greife nach der Flasche und genehmige mir einen kräftigen Schluck.
Alkohol, immer dieser Alkohol ... Er gibt mir ohnehin nicht die Antworten, die ich brauche, die Zeiten sind vorbei. Meine Eltern sind tot. Ich wickle mir ein Handtuch um und lasse die Flasche im Badezimmer stehen.
Rechts von mir im Flur liegt das Elternschlafzimmer. Die Tür ist einen Spalt geöffnet und das Sonnenlicht scheint mir zuzuflüstern: Komm her, schau doch mal rein.
Tatsächlich wage ich mich an die Tür, lege die Hand auf das Holz und halte einen Moment den Atem an. Jules und ich durften in unserer Kindheit unter keinen Umständen das Schlafzimmer betreten. Niemals. Selbst wenn wir nachts einen Albraum hatten, wurden wir zurück ins Bett getragen. Häufig waren unsere Zimmer abgeschlossen und wir entgingen den Schlägen, nicht aber der Einsamkeit.
Mein Herz pocht und ich beiße mir auf die Lippe. Soll ich es wagen? Wenn nicht jetzt, wann dann?, flüstert eine andere Stimme und ich nicke zustimmend. Was soll mir auch großartig geschehen? Das Haus gehört mir ab heute ganz allein.
Also öffne ich die Tür, trete einen Schritt in das Zimmer und bleibe enttäuscht stehen. Statt dem Kabinett des Schreckens sehe ich ein ganz normales Schlafzimmer mit einem großen weißen Bett in der Mitte des Raumes, einem recht hübschen Schminktisch am Fenster und einem Kleiderschrank, der den meisten PLatz in Anspruch nimmt. Ich schaue um die Ecke und entdecke zusätzlich einen begehbaren Kleiderschrank mit zahlreichen Schuhen, von denen ich mit einen Blick sagen kann, dass dort ein halbes Vermögen verstaubt. Entzückt klatsche ich in die Hände und wage einen weiteren Schritt hinein.
Unter meinen Füßen höre ich ein Knirschen und im nächsten Augenblick spüre ich ein Brennen unter meiner rechten Fußsohle.
„Scheiße“, brülle ich vor Schmerzen und falle rückwärts auf meinen Hintern.
Glasscherben, überall liegen Glasscherben! Mein Fuß blutet und innerlich verfluche ich Jules, der wieder vor mir da gewesen ist. Er hat wieder eine eindeutige Nachricht für mich hinterlassen, indem er alle eingerahmten Fotos von den Wänden gerissen und in seinem Wahn auf dem Boden zerbrochen hat. Ich dumme Kuh musste natürlich, geblendet von den Schuhen, direkt hineinlaufen.
Mit zusammengebissenen Zähnen ziehe ich eine große, dreieckige Scherbe und viele kleine Splitter aus meinem Fuß. Der weiße Teppich ist mit meinem Blut beschmutzt. Da wird die Putzfrau ganz sicher große Augen machen.
Was hast du dir nur dabei gedacht, Jules?
Als ich das erste Foto in die Hand nehme, wird es mir klar. Alle zerstreuten Fotos auf dem Boden zeigen unsere Familie. Mein Vater trägt auf jedem Bild einen teuren Anzug, ein strahlend weißes Hemd und eine perfekt sitzende Krawatte. Meine Mutter hingegen hat sich in ihr schönstes Kleid geworfen und ihre Haare glänzen in die Kamera. Auf jedem Bild stehen sie hinter Jules und mir. Die Hand meines Vaters ruht auf der Schulter von Jules und die Hand meiner Mutter auf meiner. Wir lächeln glücklich in die Kamera und halten einen Moment fest, den es niemals gegeben hat. Die Termine beim Fotografen hatte ich völlig vergessen.
Wir haben diese Bilder nie zu Gesicht bekommen, und dabei hingen sie ganz in unserer Nähe, im Schlafzimmer, in ihrem privaten Bereich.
Ich spüre einen seltsamen Stich in der Brust. Zuerst denke ich, dass es die Wut ist, Zorn auf meine Eltern, auf ihr Versagen und ihre Ablehnung. Dann bemerke die Tränen, die meine Wangen hinablaufen, und ein kleiner, böser Gedanke schleicht sich in mein Herz, der mir die Luft zum Atmen raubt.
„Ihr konntet uns nicht ertragen und doch schmückt ihr die Wände mit unseren Gesichtern ... Warum habt ihr uns nicht geliebt? Sind wir so abscheulich, dass man uns nicht lieben kann?“
Mit einem humpelnden Bein setze ich mich auf das weiche Bett und halte noch immer ein Foto von uns in der Hand. Ich bin müde. Seufzend lege ich mich auf das Bett meiner Eltern, kuschle mich in die weiche Bettdecke und rieche am gewaschenen Stoff. Ein Hauch von Rose, ein Hauch Zitrone. So roch meine Mutter und eine weit entfernte Erinnerung streift mein Gedächtnis. Sie hält mich fest, drückt mich an sich. Ist es wirklich geschehen oder nur ein Wunschgedanke? Egal. Mit dem Foto in der Hand schlafe ich leise weinend ein.
Mama ... Papa ...
Das Haar klebt in meinem Gesicht, als ich mit geschwollenen Augen erwache. Das Handtuch ist heruntergerutscht und ich liege nackt und frierend im Bett. Es ist niemand im Haus und doch fühle ich mich beobachtet.
In den wenigen Stunden, in denen ich hier bin, habe ich so viele Regeln gebrochen, dass ich das wütende Kratzen aus den Särgen meiner Eltern regelrecht hören kann. Dabei fühle ich mich absolut großartig. Ich bin mit staubigen Schuhen über den frisch gewischten Boden gelaufen, habe den Schrank meines Vaters eingeschlagen, seinen Alkohol gestohlen und nach einer ausgiebigen heißen Dusche eine Zigarette im Bad genossen. Das größte Vergehen war allerdings mein kleines Schläfchen im Bett meiner Eltern, zwischen weißen Kissen und Decken mit dem Duft der Vergangenheit in der Nase.
Ich habe auf jede Regel gespuckt, warum also nicht noch einen Schritt weitergehen? Heute ist ein besonderer Tag für mich. Es gibt etwas zu Feiern und das sollte Grund genug sein, mich aus dem Kleiderschrank meiner Mutter zu bedienen.
Ich setze mich langsam auf. Meine Schultern sind ganz verkrampft und als ich einen Fuß auf den Boden setze, spüre ich erneut einen Schmerz und erinnere mich an die Glasscherben auf den Boden.
Vielen Dank, Jules ...
Auf dem weißen Laken sehe ich überall Blut. Das Bett ist ruiniert, so viel steht fest. Aber ein gutes Gefühl sagt mir, dass ich keine Strafe zu erwarten habe.
Humpelnd gehe ich zum Kleiderschrank und schiebe langsam die Tür zur Seite. Ich bin auf der Suche nach einem ganz bestimmten Kleid und als ich all die teuren Designerstücke beiseiteschiebe, entdecke ich den Traum eines kleinen Mädchens auf einem Kleiderbügel.
Freudestrahlend nehme ich das blau-violett glänzende Paillettenkleid aus dem Schrank und starre es ehrfürchtig an. Ich kann nicht glauben, dass ich es tatsächlich in den Händen halte. Meine Mutter trug es nicht oft, aber wenn sie sich für dieses Kleid entschieden hatte, steckte ein ganz anderer Mensch darin. Als kleines Mädchen glaubte ich, dass ein Zauber auf diesem Kleid lag. Es musste von einer anderen Welt stammen, denn immer, wenn meine Mutter es trug, dann lachte sie laut, erlaubte Jules und mir, im Wohnzimmer fernzusehen, wir durften lange aufbleiben und sie kochte uns singend etwas zu essen. Mein Vater ließ sich von ihrer Laune anstecken und in diesen Momenten waren wir die Familie, die wir allen Menschen vorspielten. Ich muss dieses Kleid einfach anziehen.
Ein Blick auf die Uhr sagt mir, dass ich noch ausreichend Zeit habe. Ich suche mir passende Schuhe aus und die Wahl fällt mir nicht leicht.
Ich humpele ins Badezimmer, denn irgendwas muss ich mit den Schnittwunden an der Fußsohle anstellen. Die schönsten Schuhe nützen mir nichts, wenn ich nicht darin laufen kann. Zum Glück finde ich im Badezimmer einen Erste-Hilfe-Kasten und verbinde meine Wunde, so gut es geht. Ich streife mir das Kleid über den Kopf und bin erstaunt, wie gut es mir passt. Es ist viel zu tief ausgeschnitten und mein Hintern ist gerade so vom glatten, kalten Stoff bedeckt, aber ich fühle mich zum ersten Mal schön und bereit für eine Partynacht. Normalerweise mache ich alles, um nicht aufzufallen, aber in Cherryhill hält mich nach dieser Nacht nichts mehr und so werde ich den Bewohnern eine Gelegenheit bieten, sich das Maul über mich zu zerreißen.
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