Ich lege so lange Make-up auf, bis ich mit der Person im Spiegel nichts mehr gemeinsam habe und benutze zu guter Letzt Mutters teures Parfüm. Fertig.
„Happy Birthday to me“, murmle ich.
Vorsichtig gehe ich die Stufen hinunter. Ich kann mich nicht daran erinnern, jemals so hohe Schuhe getragen zu haben, und möchte mir in diesem Haus nicht die Beine brechen. Hier sterbe ich ganz sicher nicht! Ich habe all die Jahre überlebt, da werden Schuhe mich nicht umbringen. Doch es würde mich nicht wundern, wenn genau heute die Welt untergeht. Der Gedanke bringt mich zum Lachen und ich sammle Geld, Ausweis und das Handy aus meinem Rucksack. Außerdem nehme ich noch eine Sonnenbrille und Schlüssel mit und werfe mir eine Jacke über.
Es ist erst Nachmittag und zu früh für einen Besuch in der Kneipe. Im Zentrum von Cherryhill gibt es nur verschiedene Drugstores, ein Ärztehaus, einen Spielplatz für Kinder und eine kleine Shoppingmall, aber an eine moderne Bar mit Musik und Tanz haben die Menschen hier nicht gedacht. Die Bewohner von Cherryhill betrinken sich im eigenen Heim hinter Schloss und Riegel und nur Gott weiß, was dahinter geschieht.
Seit zwei Wochen arbeite ich für Mr. Jefferson, dem Besitzer des einzigen Musikgeschäftes in Cherryhill. Er ist ein angenehmer Mensch – wortkarg und unauffällig. Wir verstehen uns blendend und ganz ohne Worte. Es ist seit langer Zeit der erste gute Job und ich überrasche mich selbst, als ich den Gedanken fasse, Mr. Jefferson zu besuchen und einen Kaffee vorbeizubringen. An diesem besonderen Tag hat er mir frei gegeben, ohne dass ich darum gebeten habe. Er bezahlt nicht viel, aber von dem Geld kann ich das Hostel bezahlen, in dem ich außerhalb von Cherryhill übernachte und mich überwiegend aufhalte. Ich teile mir ein kleines Zimmer mit drei weiteren Menschen, deren Namen mich nicht interessieren.
Als ich vom Tod unserer Eltern erfuhr, packte ich sofort meine Sachen, kaufte mir ein Ticket und fuhr in Richtung meiner alten Heimat, um mich selbst von ihrem Tod zu überzeugen. Der Gedanke war einfach zu unglaublich. Ungefähr zwei Stunden vor der Ankunft trat der Schaffner in mein Abteil und fordertet das Ticket.
„Sie wollen nach Cherryhill? Ein wirklich sehr schönes Städtchen.“
Er stempelte mein Ticket ab und als er das Abteil wieder verließ, griff ich mit trockener Kehle und einem gefrorenen Lächeln im Gesicht nach meinem Rucksack und stieg Hals über Kopf an der nächsten Haltestelle aus. Dort suchte ich mir eine Bleibe und blieb drei Tage auf dem Zimmer, ohne es zu verlassen. Ich trank und weinte, fluchte und trank noch mehr. Verdammt, ich trank so viel, dass ich nachts in meine eigene Hose pisste, ohne es zu bemerken. Ab dem Moment hörte ich auf zu weinen.
Es ist kein Traum. Meine Eltern sind tot. Der Albraum ist zu Ende, aber die Angst ist noch immer da, wie ein Schatten an der Wand, und ich fühle die kalten Hände an meinem Körper zerren.
Der Notar bestätigte mir ein paar Tage später ihren Tod und überreichte mir das Erbe in Form eines Schlüssels. Ich war für diesen Termin nach Cherryhill gereist und traf bei der Gelegenheit Mr. Jefferson in einem Café. Völlig kopflos und mit einem Schlüssel in der Tasche, der wie eine Gefängniskette an mir hing, stieß ich auf meiner endlosen Flucht mit ihm zusammen und verschüttete den heißen Kaffee über sein weißes Hemd. Er kannte mich nicht und ich kannte ihn nicht, eine Seltenheit in Cherryhill und ein Glück für mich, dass er mir seine Visitenkarte überreichte und mich zu einem Vorstellungsgespräch einlud, statt mein Scheckbuch zu fordern. Denn zu diesem Zeitpunkt war ich, wie so oft, pleite.
Ja, ein Becher Kaffee ist eine sehr gute Idee.
Für April ist es erstaunlich warm, aber ich lege die Jacke trotzdem über meine Schultern. Ich lasse die Tür ins Schloss fallen, setze die Sonnenbrille auf und verstaue Ausweis, Geld und Zigaretten im BH. Diese drei Dinge trage ich gerne direkt am Körper. Danach greife ich nach meinem Handy, um ein Taxi zu rufen.
In jeder neuen Stadt ändere ich zunächst meine Telefonnummer. Es ist mit der Zeit zu einer lästigen Angewohnheit geworden und ich verwische Spuren, wo gar keine zu finden sind. Abgesehen davon besitzt niemand meine Nummer und es interessiert sich auch niemand dafür. Selbst Jules kennt sie nicht, so wie ich seine nicht kenne, und dennoch erhalte ich in jeder neuen Stadt einen kurzen Anruf von ihm. Wie er das anstellt, ist für mich unbegreiflich, aber ich bin glücklich, dass ich ihm in den fünf Jahren, die wir getrennt sind, noch so wichtig bin. In Cherryhill blieb sein Anruf bis jetzt aus. Womöglich aus gutem Grund. Er hat die Nummer mit Sicherheit bereits vor sich liegen, daran zweifele ich keinen Augenblick. Der Tod unserer Eltern steht zwischen uns und wir wissen beide nicht, was wir damit anfangen sollen. Was wir mit uns anfangen sollen.
Mit langsamen, wackligen Schritten stolziere ich die Stufen hinunter und halte mich am Geländer fest. Wie lächerlich ich aussehen muss, aber auch wie umwerfend in diesen Schuhen. Die Schnittwunden machen sich mit einem leichten Stechen bemerkbar, aber der Alkohol hat den Schmerz bereits gut betäubt. So lässt sich Cherryhill ertragen.
Als ich am Tor angekommen bin, halte ich kurz inne. Mir wird kalt und ein Schauder schüttelt meinen Körper. Es ist nicht der Wind, der mir Sorgen bereitet, sondern eine dunkle Vorahnung, dass etwas Furchtbares passieren wird. Es ist dasselbe Gefühl wie damals im Schrank unter der Treppe. Ich möchte mich nicht erinnern, doch es ist zwecklos. Eine längst verschlossene Tür wird wieder geöffnet ...
Er stieg mit schweren Stiefeln die Stufen hinab. Ich spürte, wie die Dunkelheit sich dick und klebrig in meinem Mund ausbreitete und den Schrei in der Kehle erstickte. Dann sah ich das stumme Lächeln aus dem Schatten hervortreten, hinter dem er sich mit glänzender Schnalle verbarg.
Es ist kein gutes Gefühl.
Ich blicke mich um und achte auf jedes Geräusch. Aber alles, was ich hören kann, sind der vertraute Klang der Bäume und die Stille, die dieses Haus umgibt. Erdrückende Stille.
Seufzend schüttle ich den Kopf und wähle die Nummer des Taxiunternehmens. Diese Stadt macht mich verrückt. Es war ein Fehler, zurückzukehren.
Ich halte das Handy an mein Ohr, höre ein oder zwei Freizeichen und bemerke im selben Moment einen Schatten an mir vorbeiziehen. Etwas Schweres trifft meinen Arm mit solcher Wucht, dass ich die Welt von unten sehe. Ich versuche, sofort aufzustehen, und nach meinem Handy zu greifen, doch etwas drückt meinen Kopf auf den Kies und vor Erstaunen kann ich nicht einmal schreien.
Was ist das? Was sind das für seltsam hohe Absätze? Woher kenne ich diese Schuhe? Sind das orthopädische Schuhe? Ist das dein Ernst, Arschloch?
Verzweifelt versuche ich, mich hochzustemmen, und zapple mit den Beinen wie ein Fisch auf dem Trockenen. Der Kies kratzt und schabt auf meiner Haut, ich schmecke Blut. Das Wort Hilfe liegt in meinem Mund, doch ich kann nicht schreien, und hechle um mein Leben. Seltsam, dass es mir nach all der Zeit so wichtig ist.
Mein Gott, will mich der Teufel mit den Gesundheitsschuhen zu Brei stampfen?
In meinem Kopf explodieren tausend grelle Farben.
Von einem Moment auf den nächsten bin ich wieder frei und setze mich so schnell auf, dass mir schwindelig wird. Ich keuche und schwitze und endlich findet der Schrei den Weg aus meinem Mund. Ich schreie, so laut ich kann, in der Hoffnung, den Angreifer zu vertreiben. Wer auch immer mich angegriffen hat.
Als wäre meine Stimme eine Waffe, drehe ich mich kreischend herum und entdecke sie zusammengekauert zwischen zwei Büschen an unserem Gartentor. Ich verstumme sofort. Meine Kehle ist trocken und ich brauche drei Anläufe, um mit heiserer Stimme zu fragen. „Doris?“
Читать дальше