Und ausgerechnet in Anwesenheit von Elmar glückte es ihm unter Einbeziehung von Kopf und Rumpf, alle sechs Grundfarben auf seiner Haut zu verteilen, sodass Elmar die Bemerkung entfuhr: »Kolbert, der Regenbogenmann!«
Beim anschließenden Lachen, in das beide ausbrachen, kehrten alle Farben auf Kolberts Haut in das neutrale Grau zurück, über das sich die Chromatophoren zu justieren pflegten. Und Kolbert spürte, dass diese Aktion für ihn überaus anstrengend gewesen war.
Doch das war für ihn beileibe kein Grund, mit dem Training nachzulassen. Daher fiel es ihm mit der Zeit ständig leichter, nicht nur die Grundfarben, sondern auch andere Farbtöne einzusetzen.
Außerdem gelang es ihm, seine Haut in noch kleinere Sektoren zu unterteilen und jedem Bereich eine andere Farbe zu geben. Allerdings war Kolbert noch nicht imstande, die Ausdehnung der Sektoren genau zu kontrollieren. Oft entstand eine grobe und unregelmäßige Musterung, deren Zustandekommen unvorhersehbar und eher zufällig war.
Mittlerweile hatte Kolbert auch gelernt, sich seine Eigenschaften bewusst zunutze zu machen. Weil er in bestimmten Situationen errötete und erblasste wie andere auch, konnte er durch einfaches Nachregeln seine Gesichtsfarbe wieder auf ein normales Orangerosa setzen, sodass sich in solchen Fällen ein Rotwerden oder Erbleichen gar nicht bemerkbar machte.
Auch hatte Kolbert längst bemerkt, dass ein puterroter oder käseweißer Kopf (womöglich noch mit einem Hauch von leichtem Blau oder Grün) genügen konnte, um die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken oder die Fürsorge anderer zu verstärken. Und so änderte er von Zeit zu Zeit seine Hautfarbe entsprechend, etwa um einem Wunsch mehr Ausdruck zu verleihen, oder um eine scheinbare Krankheit zu simulieren.
Durch ständiges weiteres Training lernte Kolbert dank Elmars Unterstützung, mit Farben regelrecht zu jonglieren, benötigte aber für eine komplette Färbung noch geraume Zeit, wenn es besonders bunt werden sollte. Weil Kolberts Haut nach einem solchen Vorgang häufig aussah wie ein Flickenteppich, hatten er und Elmar viel zu lachen.
Aus der Beziehung der beiden war im Laufe der Jahre eine enge Freundschaft geworden. Deshalb wollte Kolbert es zuerst nicht wahrhaben, dass Elmar ihn auf einmal verlassen würde.
Ein Wechsel der Schule stand ohnehin an, weil Elmar mittlerweile ins fünfte Schuljahr versetzt worden war. Das wäre für Kolbert nicht allzu schlimm gewesen, denn sie hätten sich weiterhin sehen können. Aber Helga Block, Elmars Mutter, wollte nach der wohl endgültigen Trennung von ihrem letzten Lebensgefährten zu einem anderen Mann ziehen, der eben in einer anderen Stadt lebte.
Wenn es Elmar auch leidtat, von Kolbert Abschied nehmen zu müssen, so war er doch froh, seinen sogenannten Stiefvater endlich los zu sein, denn er wurde von diesem Mann stets sehr streng behandelt, lieber einmal mehr als nötig bestraft, und häufig geschlagen. So lehrte er Elmar ihn zu hassen.
Seinen Hass in Aggression umsetzen konnte Elmar wohl, doch ihm fehlte die Kraft, die Macht dieses ungeliebten Mannes seiner Mutter zu brechen. Während seiner ersten Lebensjahre war er zwar rasch zu einem außerordentlich kräftigen, aber auch dicken und lethargischen Jungen herangewachsen.
Bei seiner Geburt wog er schon fast 5 kg. Und mittlerweile war Elmar mit seinen 10 Jahren um die 45 kg schwer und knapp 1,50 m groß. Er musste Geduld haben. Eines Tages würde er stark genug sein, mit solchen Männern fertigzuwerden, nicht nur mit diesem.
Durch den Umzug würde sich das im aktuellen Fall nun erst einmal erledigen. Aber Elmar wusste, dass seine Mutter weiter mit Männern zusammen sein würde, die ihn nicht mochten und die er nicht mochte. Lediglich seinem wirklichen Vater, dem wäre er gern einmal ohne Hass und Aggression begegnet. Um mit ihm zu reden, ihn zu fragen, warum er einfach weggegangen war und ihn im Stich gelassen hatte. Vielleicht gab es eine einleuchtende Erklärung?
Sein leiblicher Vater hatte noch vor Elmars Geburt seine Mutter verlassen. Die fand bald einen neuen Lebensgefährten. Und als Elmar geboren wurde, gab es einen Mann, den er als Baby zunächst einmal als seinen Vater ansah. Danach gab es über die Jahre hinweg viele Männer, die kamen und verschwanden. Die meisten lernte Elmar nicht allzu gut kennen und kannte sie auch nicht lange.
Zwei ihrer »Kerle« (wie die Mutter sie nannte) hatte Helga Block geheiratet, beide waren inzwischen für sie und Elmar längst Geschichte. Der letzte Mann, den sie jetzt wieder wegen eines anderen verließ, hatte kein Erziehungsrecht. Er selbst war daran auch nicht interessiert. Und als die Trennung bevorstand, waren alle Beteiligten froh.
Je älter Elmar wurde, desto mehr war er bestrebt, tagsüber nicht zu Hause zu sein. Nach dem Unterricht nahm er in der Schule an einer Hausaufgabenbetreuung teil, dann trieb er sich irgendwo in der Stadt herum, bis es anfing dunkel zu werden.
Als er nach Hause kam, wurde er wortlos von seiner Mutter und deren Freund wahrgenommen. Aß das, was seine Mutter ihm warmmachte, dann ging er in sein Zimmer. Er hatte dort einen Fernseher, den er anschaltete, nachdem er sich ausgezogen und ins Bett gelegt hatte. Oft schlief Elmar davor ein. Das Ausschalten erledigte seine Mutter, die nochmal nach ihm sah, ehe sie selbst zu Bett ging.
Während seiner Freundschaft mit Kolbert war Elmar oft bei dessen Familie zu Gast. Zuerst duldeten Kolberts Eltern ihn nur misstrauisch, doch allmählich schienen sie mehr und mehr Sympathie für ihn zu empfinden.
In dieser Zeit entwickelte sich Elmar zu einem recht umgänglichen und sogar friedliebenden Menschen. Als die Kinder aus seiner Umgebung spürten, dass sie immer seltener zu Opfern wurden, betrachteten sie Elmars Entwicklung zwar anfangs mit Argwohn, begannen sich dann jedoch immer mehr an sein neues Verhalten zu gewöhnen. Freunde gewann er zwar nicht, aber nun musste ihn niemand mehr fürchten. Er wurde zunehmend als normaler Klassenkamerad akzeptiert.
Sein wachsendes Ansehen und die Tatsache, dass er in Kolbert einen aufmerksamen Zuhörer hatte, dem er von seinen familiären Problemen erzählen konnte, machte es Elmar deutlich leichter, sein Zuhause zu ertragen. Dennoch sehnte er eine Änderung herbei, wünschte sich, dass seine Mutter endlich mal wieder ihren Partner wechselte.
Dieser Moment kam, doch damit auch die Zeit, in der sich Elmar so weit von Kolbert entfernte, dass ihnen künftig nur noch eine Freundschaft über Telefon und Briefe bleiben würde.
Mit dem neuen Partner seiner Mutter kam Elmar weitaus besser zurecht als mit seinem letzten »Stiefvater«. Mittlerweile lebte er schon mehr als ein halbes Jahr in der anderen Stadt. Und die Beziehung zu dem »Neuen« hatte sich nicht verschlechtert. So jedenfalls teilte es Elmar Kolbert in seinen zunächst noch zahlreichen Telefonaten mit.
Während der Briefverkehr zwischen beiden von Anfang an (mit einem Brief pro Halbjahr) nur schleppend verlief, versandete der telefonische Kontakt zwischen beiden erst allmählich. Dennoch endete jedes der nunmehr noch seltenen Telefongespräche nicht vor einer Stunde.
Beide hatten sich noch immer einiges zu erzählen. Und Kolbert erfuhr, dass Elmar in seiner neuen Umgebung offenbar mit den meisten Kindern gut zurechtkam, und inzwischen sogar einige neue Freundschaften geschlossen hatte. Die seien natürlich nicht mit Kolbert vergleichbar – vor allem könne keiner seine Hautfarbe ändern.
Zu einem immer wieder geplanten Besuch Elmars bei Kolbert kam es bisher nicht, ständig schien sich etwas dazwischen zu schieben. Und die Abstände zwischen den Telefonaten wurden größer. Vermutlich hatte Elmar dort wirklich Freunde gefunden, die Kolbert voll und ganz ersetzten.
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